FORMAT Chrono-Award 2009: In der Uhren-branche sind schlichte Zeiten angebrochen

Extravagant war gestern. Konservativ ist wieder in. Dieses Motto gilt nicht nur im Aktiengeschäft, sondern auch im Uhren-Business.

Der Beginn des vierten Quartals läutet für die Uhrenbranche einen wichtigen Countdown ein. Die Szene zeitmessender Accessoires fiebert der entscheidenden Phase des Jahres entgegen – dem vorweihnachtlichen Ringen um die Gunst der Konsumenten. Geboten wird grundsätzlich, was das Herz begehrt. In den vergangenen Jahren ist die Marken- und Modellvielfalt förmlich explodiert. Da fällt es oft schwer, nachhaltige Werte und kompromisslose Qualität von marketingtechnisch konstruierten Pseudo-Luxusgütern zu unterscheiden. Sofern ein Uhrenkauf über der Spontankauf-Preisschwelle geplant ist, bedarf es also einer gewissen Auseinandersetzung mit dem Thema Armbanduhr und eines Besuchs bei einem Fachhändler, der sich weniger durch maximale Produktvielfalt als durch fundierte Beratungskompetenz auszeichnet.

Zeit für Neuwahlen
Die Konzentration auf die letzten Monate des Jahres ist zwar laut Fachhandel nicht mehr ganz so stark wie noch vor ein paar Jahren, dennoch ist und bleibt das Vorweihnachtsgeschäft in der Uhrenszene ausschlaggebend für den Erfolg des gesamten Geschäftsjahres. Deshalb haben zu dieser Jahreszeit auch die Uhrenwahlen Hochsaison – ein doppelter Vorteil für ein uhreninteressiertes Publikum: Der im österreichischen Uhrenkalender inzwischen fest etablierte Chrono Award präsentiert in übersichtlich-kompakter Form, was in diesem Jahr an Highlights lanciert wurde. Man darf auf die Resultate heuer besonders gespannt sein, denn 2009 gibt es beim Chrono Award ein verändertes Reglement: Erstmals wählen FORMAT- und „trend“-Leser gemeinsam ihre tickenden Favoriten, und es werden – ebenfalls eine Premiere – ohne Vorauswahl durch eine VIP-Jury ausnahmslos alle korrekt eingereichten Uhrenmodelle in beiden Magazinen präsentiert. Das sind diesmal insgesamt 139 Zeitmesser in sechs Kategorien.

Weniger ist mehr
Wie bereits nach dem Genfer Uhrensalon SIHH und der Baselworld (Weltmesse für Uhren und Schmuck) im Frühjahr berichtet, gibt es heuer in der Uhrenindustrie kaum nennenswerte Trends. Eines hat sich im Laufe des Jahres jedoch deutlich abgezeichnet: Zurückhaltung ist wieder
en vogue. In diesem Fall schafft die Nachfrage das Angebot, denn die sogenannten „Einstiegsmodelle“ gewinnen innerhalb der Kollektionen wieder an Bedeutung, weil das Käuferinter­esse in diesem Bereich spürbar gestiegen ist. Diese Entwicklung ist vor allem auf zwei Faktoren zurückzuführen: Einerseits sind Uhren ohne aufwendige Zusatzmechanismen in der Anschaffung natürlich günstiger als große Komplikationen, andererseits spielt auch der optische Aspekt eine große Rolle: So manchem Uhrenträger wäre es derzeit ­unangenehm, allzu sehr mit seinem Vermögen zu protzen. Was das Erscheinungsbild betrifft, so investiert man zurzeit vielleicht lieber in eine Armbanduhr, die auch in vielen Jahren noch gefällt und zudem idealerweise als wertbeständig gilt.

Relaunch eines Klassikers
Das Gros der Uhrenhersteller kommt diesem Wunsch potenzieller Käufer entgegen, indem das sogenannte „Basissortiment“ durch ästhetisch ausgefeilte Kreationen bereichert wird. Nach dem Komplikationen-Boom und dem Großformat-Wettlauf der letzten Jahre werden auch wieder „ganz normale“ Uhren in durchschnittlichen Formaten angeboten. Große Armbanduhren bleiben zwar weiterhin ein wichtiges Thema für trendbewusste Uhrenträger, doch gerade bei klassisch-konservativen Modellen sind für jedermann tragbare Dimen­sionen wieder vermehrt gefragt. Rolex war zwar noch nie der Inbegriff des schlichten Understatements, doch auch der Weltmarktführer im Prestigesegment setzt heuer auf die Erweiterung einer Bestseller-kollektion, die sich durch ein verhältnismäßig einfaches Design auszeichnet. Abgesehen vom Datum hinter der typi­schen Lupe im Saphirglas bietet die „Oys­ter Perpetual Datejust II Rolesor“ eine Zeitanzeige mit drei Zeigern in bewusst klassischem Design – nicht mehr und nicht weniger. Antizyklisch zum Rest der Branche hat Rolex für die neue Datejust-Generation (endlich) größere Gehäuse geschaffen: Der auf 41 mm erweiterte Durchmesser entspricht nicht nur den Wünschen zahlreicher Uhrenträger, sondern lässt auch die edle Zifferblattgestaltung besser zur Geltung kommen.

Fokus auf die Basis
Ob man nun die „Master Ultra-Thin“ von Jaeger-LeCoultre oder die „Portofino“ von IWC betrachtet, solche Klassiker kommen einfach nie aus der Mode. Sie passen perfekt in den Business-Alltag, und bei festlichen Anlässen ordnen sie sich dezent der jeweiligen Garderobe unter. Wie Jaeger-LeCoultre oder IWC hatten die meisten feinen Uhrenmarken solche Modelle schon bisher im Programm. Diese Linien erhielten nur weniger Aufmerksamkeit als die gro­ßen Komplikationen. Es findet nun also weniger eine Rückbesinnung auf reduziertes Uhrendesign statt als eine Verschiebung der Schwerpunkte. Obwohl diese Tendenzen niemand in der Uhrenbranche bestreiten wird, finden sich unter den diesjährigen Nominierungen zum Chrono Award nur wenige schlichte Armbanduhren. Schließlich gilt es bei einer Uhrenwahl, sich gegenüber der Konkurrenz abzuheben und durch Individualität zu punkten. Daher wurden heuer nach wie vor mehr Eyecatcher als Klassiker eingereicht.

Understatement mit Tradition
Ausnahmen sind jene Hersteller, die seit jeher auf Understatement setzen und ihr gesamtes Sortiment unter die Prämisse „Reduktion auf das Wesentliche“ gestellt haben, wie beispielsweise Nomos Glashütte. Auch Union Glashütte besinnt sich seit der Neustrukturierung des Unternehmens seiner Wurzeln und erinnert sich der Devise des Firmengründers Johannes Dürrstein: „Wir bauen Uhren, die alles ­haben, was sie präzise und schön macht, aber nichts, was sie teurer macht.“ Im avantgardistischen Bereich stellt die Marke Rado eine solche Ausnahme dar, die sich auf schnörkellose Uhren aus kratzfester Hightech-Keramik spezialisiert hat. Die Langlebigkeit des Materials sorgt nicht allein dafür, dass eine Rado auch nach Jahrzehnten wie neu aussieht – ihr schlichtes Design trägt ebenso dazu bei, dass sie sich von jeglicher Modeströmung unbeeindruckt zeigt.

Dezenz mit und ohne Komplikationen
Wenn doch eine Komplikation das Handgelenk zieren soll, dann kann sie auch dezent dargestellt sein, wie die „Masterpiece Double Rétrograde“ von Maurice Lacroix beweist. Dass bei dieser limitierten Serie mit Handaufzug eine zweite Zeitzone mit retrograder 24-Stunden-Anzeige, eine retrograde Datums- und ebensolche Gangreserveanzeige integriert sind, erkennt man erst auf den zweiten Blick – so zurückhaltend wurden all diese Indikationen in das Zifferblatt­design integriert.
Ein Zeiger ist genug: Diese Philosophie vertritt hingegen ein kleiner Uhrenbetrieb in Münster (Deutschland). Der Erfolg gab Manfred Brassler Recht, der sich von der Ästhetik der Renaissance-Uhren zu einem Aufsehen erregenden Projekt inspirieren ließ. Die Wiederbelebung der Einzeigeruhr hat seiner Marke MeisterSinger (im Bild) seit den Anfängen 2001 schon zahlreiche Uhrenpreise eingebracht. Natürlich baut Brassler auch Uhren mit mehr als einem Zeiger, doch seine bekanntesten Kreatio­nen sind Einzeigeruhren, die seiner Ansicht nach eine hochaktuelle Botschaft vermitteln: „Lebe ruhig und gelassen im Rhythmus der Natur!“

Ines B. Kasparek

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