Die Kakerlake unter den Tonträgermedien: Vinyl-Platten florieren am Nischenmarkt

Sie ist wieder da: die Langspielplatte. Obwohl, weg war sie eigentlich nie. Ein kleiner Streifzug durch sensible Vinyl-Welten. Wo bereits kleine Kratzer alles ins Wanken bringen.

Totgesagte leben länger. Vor allem, wenn es um alte Medien geht. Sicher, der Stehsatz ist jetzt nicht sonderlich originell. Wenn man es also exakter erklärt haben möchte, warum sich die gute alte Langspielplatte aus Vinyl (PVC) nach wie vor mit 33 1/3 Umdrehungen in der Minute auf den Plattentellern Musikbegeisterter dreht, kann man im Small Talk ruhig eines draufsetzen. Und zwar mit dem – Achtung, jetzt kommt’s – „Riepl’schen Gesetz der Medienkomplementarität“. Das vom Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Riepl bereits 1913 formulierte Theorem besagt, dass bewährte Instrumente des Informations- und Gedankenaustausches von anderen und vor allem neuen Medien, die das Gleiche leisten, nie völlig ersetzt und verdrängt werden.

Stabile Nische
Gut zu wissen für die dräuende Printmedien-Krise. Gut auch für die Vinyl-Schallplatte, der in den letzten 30 Jahren durch Digitalisierung gehörig zugesetzt wurde. Allerdings hat sich auch ein Kult, respektive ein stabiler Nischenmarkt, um sie etabliert. Dank DJs und audiophilen Feinspitzen, die auch nach Nachpressungen alter Klassiker verlangen, floriert dieser Wirtschaftszweig sogar ein wenig. So wurden in den USA und Kanada 2009 2,1 Millionen Vinyl-Alben abgesetzt. Das entspricht einem Plus von 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr, teilt die renommierte Marktstudie „Nielsen Soundscan“ mit. Und auch hierzulande sieht es für die schwarzen Scheiben nicht ganz so finster aus, wie man meinen möchte. „Jährlich werden mit Vinyl-Schallplatten rund 800.000 Euro umgesetzt“, fasst Thomas Böhm vom Verband der Österreichischen Musikwirtschaft IFPI zusammen. „1996 waren es zwar noch sechs Millionen Euro, aber als Nischenmarkt hat sich das Vinyl-Geschäft behauptet und macht ca. 0,5 Prozent des Gesamtmarktes bei Musik aus.“

Für Kenner
Vinyl ist also ein Minderheitenprodukt, etwas für Klang-Kenner, für die Hardcore-Fraktion in Sachen perfekter Sound. Davon ist auch Heinz Lichtenegger überzeugt. Der Wiener produziert seit Anfang der 90er-Jahre mit seinem Unternehmen Pro-Ject High-End-Elektronik zu äußerst günstigen Preisen. Im Bereich audio­phile Plattenspieler avancierte das Unter­nehmen zum weltweit größten Hersteller. Den kleinen Vinyl-Boom der letzten Jahre erklärt sich der Firmenchef auch mit dem Wunsch der Menschen nach Entschleunigung. „Legt man sich eine Platte auf, ist das ein Akt des Zelebrierens und bewussten Hörens. Ähnlich dem Dekantieren von gutem Rotwein. Das hat vor 15 Jahren auch kaum jemand gemacht, jetzt ist es Usus.“ Und natürlich – so die Verfechter des analogen Sounds – ist der Klang von perfekt gewarteten und gepflegten LPs einfach wärmer und schöner. Auch, wenn im High-End-Bereich Klangunterschiede zwischen ­digital und analog völlig vernachläs­sigbar sind. Die ­Geschmacks- und Streitfrage hat es trotzdem in sich. „Man muss natürlich aufpassen, dass man sich nicht in Klischees verwickelt, aber das Knistern von alten Platten ist etwas Wunderschönes, es erschließt einem ein komplett anderes Universum. Von der Haptik und dem Cover-Artwork einzelner Platten ganz zu schweigen“, schwärmt Robert Stadlober. Der 27-jährige Schauspieler und Musiker betreibt gemeinsam mit Bernhard Kern seit fünf Jahren das Plattenlabel Siluh Records in Wien.

Warum Platte?
Der kleine Musikverlag veröffentlichte ursprünglich Musik ausschließlich auf Vinyl, mittlerweile werden aber auch CDs gebrannt. „Weil die Produktion von CDs einfach günstiger als die von Schallplatten ist. Vinyl unter 500 Stück zu produzieren ist sinnlos, knapp kalkuliert, kommt man dann auf rund 2.000 Euro, ca. 20 Prozent mehr als bei CDs“, rechnet Stadlober vor und erklärt den etwas höheren Preis auch mit dem teureren Artwork. „Man kann übrigens auch noch höherpreisige Sammler- und Liebhaberstücke produzieren, etwa durch schwereres Vinyl“, fügt er hinzu. „Bei unserem Label ist es zudem so, dass sich Vinyl fast besser verkauft als CDs.“ Der Luxus, den sich kleinere Liebhaber-Labels leisten, einzelne Zugpferde im Stall analog zum Klingen zu bringen, zahlt sich also mitunter aus. Auch weil Langspielplatten ein Prestigeobjekt sind. „LPs sind einfach schöner und ein Erlebnis zum Angreifen. Es wird sie immer geben, und sie werden alles überleben – wie Kakerlaken!“, schließt Stadlober, der mit seiner Band „Gary“ im Frühling ein neues Album (natürlich auch auf Vinyl) rausbringen wird. Walter Gröbchen, Musikexperte und ebenfalls Labelchef (monkey.), sieht noch andere Gründe, die ausschlaggebend für eine parallele Vinylproduktion sind. „Oft wünschen Künstler dezidiert eine LP, und eine Platte zu pressen ist auch für manche Bands ein beliebtes PR-Tool, das Aufmerksamkeit schafft. Und es ist natürlich auch eine ökonomische Überlegung: Der Breakeven bei einer Pressung von 500 Stück liegt bei ungefähr 300 verkauften Einheiten, das kann sich mit dem einen oder anderen Künstler schon ausgehen“, erörtert Gröbchen.

„Schwarzes Gold“
Zudem ist etwas, das nicht für jedermann leicht zu reproduzieren ist und nur in limitierten Stückzahlen auf den Markt kommt, bald einmal wertvoll. Und leidenschaftliche (meist männliche) Sammler, die mit kleinen Kostbarkeiten atavistische Triebe befriedigen, finden sich gar nicht so selten. So liest man immer wieder Geschichten von Plattenraritäten, die sich als Goldgrube entpuppten. Etwa die des Kanadiers Warren Hill, der auf einem New Yorker Flohmarkt um 75 Cent die auf Acetat gepresste Rohversion von „The Velvet Underground & Nico“ erstand. Um 25.000 Dollar wechselte die Scheibe jüngst via eBay den Besitzer. „Das ist schon sensationell, aber in Sammlerkreisen zahlt man das eben für Seltenheiten“, kommentiert der gebürtige Steirer Werner Schartmüller, der in Wien seit über 20 Jahren den Plattenladen „Rave up“ betreibt, enthusiastisch. Und seltene Erstpressungen von Klassikern wie den Beatles, den Rolling Stones, Bob Dylan oder Elvis Presley sind immer rentabel und bringen gutes Geld. Aber auch mit kaum bekannten Bands, die nur eingeweihten Kreisen etwas sagen, kann man Geld verdienen. Vorausgesetzt, die Tonträger sind in einem Topzustand, haben keine Kratzer und kein abgenudeltes Cover. So rechnen Experten, dass eine über die Jahre aufgebaute Sammlung im Schnitt Renditen von zwei Prozent bringt. Lucky Shots nicht eingerechnet. Das schwarze Gold lässt sich allerdings schwer liquidieren. „Eigentlich nur über Plattenbörsen, Fachblätter und eBay, aber welcher Sammler will das schon“, bremst Schartmüller Anlageträume ein.

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