Dem Stress auf der Spur: Die HRV-Analyse lässt Überlastungsursachen erkennen

Ein neues Analyseverfahren misst nicht nur den Grad der Stressbelastung, sondern macht auch die Ursachen sichtbar: Durch Herzratenvariabilitätsmessung lassen sich jetzt maß­geschneiderte Lösungsstrategien zur „Entstressung“ erarbeiten.

Damit hat wohl niemand gerechnet. Freunde, Familie, Arbeitskollegen – sie alle hatten Stefan S., 43, längst ein Burnout bescheinigt, hätten sogar ihre Hände dafür ins Feuer gelegt. Selten, dass der Projektmanager eines internationalen Unternehmens nicht über regelmäßige Überstunden bis 22 Uhr und Einschlafprobleme klagte. Aber auch die häufigen Absagen von Freizeitterminen, generell gehetztes Auftreten und nicht zuletzt die dunklen Augenringe – all das sprach dafür.

Überraschende Testergebnisse
Stefan S. wollte es genau wissen und unterzog sich als FORMAT-Proband einer Herzratenvariabilitätsmessung, kurz: HRV. Das Ergebnis macht ihn und sein Umfeld staunen. Von Burnout keine Spur, im Gegenteil: Stefan S. braucht den Stressreiz, um sein volles Leistungs­potenzial­ abrufen zu können, und sein Körper erholt sich nach den Phasen der Belastung außergewöhnlich gut. Gegengleich erging es Karin M., 36. Die Bankerin, die sich selbst hohe Stressresistenz attestiert hatte, ließ sich ebenfalls durchchecken und war vom Testergebnis – chronische Stressbelastung im fortgeschrittenen Stadium – regelrecht schockiert. „Mir ist schon während der Messung aufgefallen, dass in meinem Terminkalender kein einziges Mal ,Pause‘ vorgesehen war“, so Karin M., „mit derart alarmierenden Werten habe ich aber nicht gerechnet.“

HRV soll Bewusstsein schaffen
Die HRV ermöglicht also auch, subjektive Wahrnehmung und objektive Messung zu vergleichen. „Dadurch wird ein Bewusstwerdungsprozess in Gang gesetzt, wie man mit den eigenen Ressourcen umgeht, was entspannt, was positiv anregt, fordert – aber eben auch unter- und überfordert“, erläutert Petra Fabritz, Fachärztin für Innere Medizin und Oberärztin im Krankenhaus Klosterneuburg, die sich in ihrer Privatpraxis unter anderem auf die HRV spezialisiert hat. „Meist sind es ja nicht die Arbeitsaufgaben an sich, die negativen Stress verursachen, sondern gewisse Kommunikationssituationen, oft auch der gut gedachte, aber zu intensiv betriebene Ausgleichssport, private Beziehungsprobleme oder das Fernsehen vorm Schlafengehen.“

Genaue Problemortung
Bekannte Anti-Stress-Maßnahmen wie positives Denken, Atemtechnik oder Massagen seien freilich sinnvoll, aber oftmals würde es zusätzlich eines Ernährungscoachings, Rhetorikkurses oder einer Paartherapie bedürfen, so Fabritz, die HRV im Gesamtpaket mit medizinischer Abklärung im Vorfeld sowie Begleitung und Erfolgskontrolle bei der Umsetzung der individuellen Lösungsstrategien anbietet. „Wenn man die Probleme orten kann, ist es möglich, konkrete Veränderungsstrategien zu erarbeiten. Wer nicht weiß, wo er anfangen soll, ist noch mehr überfordert und greift eher zu Psychopharmaka oder Alkohol.“

Herzmessung im Millisekundenbereich
Dem „Stress-Detektor“ entgeht nichts. Die HRV ist eine Art EKG, das unter Alltagsbedingungen über 24 bis 48 Stunden ohne Unterbrechung durchgeführt wird. Dabei wird bis zu 4.000-mal pro Sekunde die Herzaktion abge­tastet – das macht, im Gegensatz zu einem normalen EKG, bei dem das Schlagen des Herzens sehr regelmäßig aussieht, die unterschiedlichen Abstände im Millisekunden­bereich sichtbar. Diese beständigen Veränderungen werden vom vegetativen Nervensystem verursacht und sind für eine schnelle Anpassung an verschiedenste Umstände im Alltag erforderlich. Fabritz: „Je größer die Variabilität, umso biologisch jünger und gesünder ist ein Mensch.“

Parasympathikus sorgt für Erholung
Die maßgeblichen Impulsgeber für die Herzratenvariabilität sind zwei Teile des vegetativen Nervensystems: Sympathikus („Stressnerv“) und Parasympathikus („Entspannungsnerv“). Während der Sympathikus vornehmlich auf die Außenreize untertags reagiert und die typischen körperlichen Stressreaktionen wie erhöhte Aktivität und Wahrnehmung auslöst, sorgt der Parasympathikus als ausgleichender Gegenspieler in erster Linie für Entspannung und vor allem in der Nacht für die Regeneration. Wird der Körper mit Stressreizen dauerhaft überbelastet, nimmt ­seine Erholungsfähigkeit ab – der Para­sympathikus wird immer schwächer. Dem Sympathikus fehlt somit das Erholungs­regulativ, ihm geht früher oder später das „Feuer“ aus.

Speziell gefährdet: Führungskräfte
Der Körper schaltet dann auf „Notaggregat“, Energie wird nur noch für die lebenserhaltenden Funktionen bereitgestellt. Fabritz: „Schwere Burnout-Patienten liegen zuhause nur noch auf der Couch und sind nicht einmal mehr in der Lage, sich ein Glas Wasser zu holen.“ Wer die Warnsignale des Körpers nicht rechtzeitig ernst nehmen möchte und ins Burnout schlittert, braucht etwa eineinhalb Jahre, um sich davon wieder zu erholen. „Leider kommen die meisten erst dann zu mir, wenn sie kurz vor dem Burnout stehen“, sagt Fabritz. „Meistens sind es Personen über 40, die, wie viele Mittdreißiger, die ersten körperlichen Anzeichen zur rechten Zeit ignoriert haben.“ Der Großteil ihrer Klientel sei in Führungspositionen tätig. „Hier scheint der Druck besonders groß zu sein, vor allem der, keine Schwäche zu zeigen.“ Wer rechtzeitig Maßnahmen setzt, kann innerhalb von drei bis sechs Monaten den Parasympathikus wieder aktivieren.

Methode mit Geschichte
Das Prinzip der HRV basiert auf uraltem Wissen. Schon 220 v. Chr. beobachtete der chinesische Mediziner Wang Shu-ho den unmittelbaren Zusammenhang von Herzratenvariabilität und vegetativem Nervensystem. Wang stellte fest: „Wenn der Herzschlag so regelmäßig wie das Klopfen des Spechts oder das Tröpfeln des Regens auf dem Dach wird, wird der Patient innerhalb von vier Tagen sterben.“ Der „Gesundheitsindikator“ variabler Herzschlag fand allerdings erst Ende des vergangenen Jahrhunderts Einzug in die „moderne“ Wissenschaft. Anfang der 90er wurde die HRV zur Astronautenvorbereitung herangezogen.

Schulunterricht wird gemessen
Heute ist sie im Leistungssport, etwa beim ÖSV, längst etabliert. Zunehmend wird sie auch in Wirtschaftsunternehmen wie IBM oder Procter & Gamble im Zuge diverser Programme zur betrieblichen Gesundheitsprävention angeboten, und beim Möbelhändler Leiner nimmt die Führungsebene das HRV-Coaching in Anspruch. Die jüngsten Studien beschäftigen sich auch mit Schulkindern. Bei ihnen wird während des Unterrichts die HRV durchgeführt: In der Auswertung werden Schwächen und Potenziale ersichtlich, es zeigt sich genau, in welchen Stunden die Kinder geistig angeregt werden und in welchen weniger.

Individuelle Lösungen finden
Bei FORMAT-Testerin Karin M. hat sich herausgestellt, dass der alltägliche Mail­verkehr kaum Gehirnaktivität erfordert, bei Meetings und Verhandlungen ist der Er­regungszustand der eher zurückhaltenden Frau allerdings ungesund hoch. „Ein Präsentationskurs würde ihr mehr Sicherheit und damit mehr Ruhe bringen“, meint Fabritz. Der Geist der heutigen Arbeitswelt nimmt immer weniger Rücksicht auf individuelle Befindlichkeiten. Dabei ist Gesund­heit die wichtigste Ressource jeder Arbeitskraft. Eigenverantwortliche Lösungsstrategien sind gefragt. Manchmal sind sie auch ganz einfach gestrickt. Wie etwa bei Stefan S.: Dass er Schwierigkeiten mit dem Einschlafen hat, liegt an seinem Biorhythmus. Sein Körper ist zu jenem Zeitpunkt, zu dem er ins Bett zu gehen pflegt, einfach noch nicht auf Schlafen eingestellt.

Nina Kreuzinger

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