Ausgebrannt: Immer mehr Österreicher leiden unter Depression und ­Erschöpfung

Alarmierende Zahlen belegen, dass es sich bei Burnout keineswegs um eine Modekrankheit handelt. Was Unternehmer ­dagegen setzen und Sie selbst tun können, damit Sie nicht in die Krise schlittern.

Ums Geld war es ihr nicht gegangen. Einen symbolischen Euro ­hatte die Witwe eines Renault-Technikers, der sich aus dem Fenster des Technocenters gestürzt hatte, beim Autohersteller eingeklagt. Was sie wirklich wollte: das Eingeständnis, dass Renault zu viel Druck auf seine Arbeitnehmer ausübt. Zwischen 2006 und 2007 hatte ­nämlich eine ganze Reihe von Mitarbeitern Selbstmord begangen. Das Gericht in Nanterre gab ihr schließlich Recht. Parallel dazu kam es zur Eskalation bei der France Télécom: Innerhalb von 24 Mona­ten nahmen sich 33 Konzern-Angestellte das Leben. In zahlreichen Abschiedsbriefen wurden berufliche Überforderung, Erschöpfung und Gefühle der Ausweglosigkeit als Begründung angeführt.

Arbeitsfrust und Druck nehmen zu

In Österreich lässt sich eine Verschärfung der seelischen Notlage der Arbeitskräfte nicht mehr leugnen: Laut Ärztekammer leiden rund 500.000 Menschen unter Burnout; 1,1 Millionen gelten als gefährdet. Während die Zahl der Krankenstandstage aufgrund physischer Erkrankungen und insgesamt laut Hauptverband seit 1991 gesunken ist, stieg gleichzeitig jene aufgrund psychischer Erkrankungen um 184 Prozent. Außerdem kam es im Bereich der Psychopharmaka in den vergangenen Jahren zu einer Umsatzexplosion. Die PVA, hierzulande größte Pensionsanstalt, meldete Ende 2009 eine bemerkenswerte Steigerung von Früh­pensionsanträgen bei Angestellten: 42,4 Prozent allein aufgrund psychischer Leiden wie etwa Depression respektive Burnout.

Gesellschaft am Limit

Burnout ist alles andere als neu. Seit den 70ern wird das Syndrom – definiert als „Zustand körperlicher und emotionaler Erschöpfung“ – erforscht. Erst galten Menschen in Sozialberufen (Ärzte, Pfleger, Lehrer) als besonders gefährdet, längst weiß man, dass Burnout in jeder Alters- und Berufsgruppe zu finden ist. Dennoch: Wer sich einen Herzinfarkt „erarbeitet“, ist ein Held, wer zu seinem Burnout steht, wird als Loser stigmatisiert. Ein Tabuthema also, das aber langsam aufbricht. Vor allem, weil sich immer mehr prominente Betroffene zu Wort melden.

Stress und Burnout auf der Spur

An dem vom Psychoanalytiker Herbert Freudenberger geprägten Begriff Burnout gibt es also derzeit kein Vorbeikommen. Skeptiker orten aber eine „Krankheitserfindung“, warnen sogar vor der „Modeerscheinung“, auch weil im Zuge der Diskussion immer ­wieder neue Begriffe und Artverwandtes auftauchen. „Bore-out“ (chronische Unterforderung), „Bye-out“ (Flucht in die Arbeit), „Dry-out“ (emotionales Austrocknen). Unterm Strich kommt aber immer dasselbe raus: Selbstentfremdung, Depression und Erschöpfung, verursacht durch Stress. Dystress, wohlgemerkt, also jener Stress, der entsteht, wenn Stressreize als unangenehm, bedrohlich und überfordernd empfunden werden und nicht, wie der gute Eustress, leistungs­steigernd wirken.

Motivation und Anerkennung notwendig

Wenn der Arbeitnehmer dann keine Motivation und Anerkennung mehr erfährt, wird’s ­gefährlich für seine Gesundheit. So unterschiedlich die Ursachen und die körperlichen Symptome bei Burnout-Patienten sein mögen, es gibt mittlerweile zahlreiche medizinische Indikatoren und Messverfahren, die entlarven und visualisieren, wenn der Körper wirklich im roten Bereich ist. Die sogenannte Herzratenvariabilitätsmessung (kurz: HRV) etwa, eine Art 24-Stunden-EKG, misst die Einflüsse des „Aktivierers“ Sympathikus und seines Ant­agonisten Parasympathikus, der für Entspannung und Regeneration verantwortlich ist. Das Ergebnis wird bildhaft dargestellt – bei dauerhafter Überbelastung ist der Parasympathikus kaum mehr zu sehen, aber auch der Sympathikus ist im Schwinden. „Die Daten zeigen, ob stimmt, was die Leute glauben oder glauben machen wollen“, so die Internistin Petra Fabritz. Weitere messbare Faktoren, die Indikatoren dafür sind, ob jemand im „roten Bereich“ ist, wären Schlaf­architektur, Bluthochdruck und Leberwerte.

Anti-Stress-Praktiken boomen

Auch die Wellnessindustrie, inklusive Wochenend­tourismus, erfuhr in den vergangenen Jahren einen Boom. Zuletzt sprangen die Unternehmen – aus echter Sorge um ihre Mitarbeiter oder zur Imagesteigerung – auf den Antistress-Zug auf. Die Implementierung von Programmen zur betrieblichen Gesundheits­förderung mit Yogastunden, gesunder Kantinenküche und Time-Management-Seminaren war der „Mega­trend“ der vergangenen Jahre. Der Haken: Sämtliche angebotenen Präventions- und Lösungsversuche gehen davon aus, dass die wesentlichen Bedingungen für das Entstehen des Syndroms ausschließlich in der Persönlichkeitsstruktur (etwa Neigung zu ­Idealismus, Perfektionismus und Definition über Leistung) liegen.

Massen-Breakdowns wegen Strukturfehlern

„Diese Theorie ist nicht mehr aufrechtzuerhalten“, erklärt die Psychotherapeutin Lisa Tomaschek-Habrina vom Wiener Burnout- und Stressmanagement-Institut IBOS. „Wenn es in einer Organisation auffallend viele aus der Bahn trägt, liegt es vermutlich auch an den Strukturen und nicht nur am Unvermögen der einzelnen Betroffenen.“ Viele Ärzte und Therapeuten machen neben der Arbeitsverdichtung (weniger Arbeitnehmer müssen immer mehr leisten) die Art der Unternehmens­führung für den Massen-Breakdown verantwortlich. „Wenn Inhaber, Manager und Führungskräfte ihr ­Unternehmen noch auf dieselbe Weise führen wie vor 20 oder 30 Jahren, sind Probleme programmiert.“

Veränderte Arbeitsbedingungen

Die unmittelbaren Kommunikationstechnologien und wirtschaftlichen Sachzwänge hätten die Anforderungen an die Menschen in der Arbeitswelt stark verändert. „Wo Anpassung und Innovation verweigert oder verschlafen wurden, bröckeln die Strukturen.“ Die Probleme sind vielerorts bekannt: In Zeiten, in denen der Großteil der Gesellschaft ein hohes Wohlstandsniveau erreicht hat wünschen sich Arbeitnehmer eine Aufgabe, bei denen Freude und Befriedigung empfunden werden. Das sind wesentliche Faktoren hinsichtlich Gesundheit und Produktivität.

Spätestens seit dem Ende des New-Economy-Booms ist aber der wirtschaftliche Druck ­derart gewachsen, dass der Kampf um Zahlen das beherrschende Thema in Unternehmen ist. Lisa Tomaschek-Habrina: „Spitzenmanager starren wie hypnotisiert auf ihre Bilanzen und vergessen darüber, dass sie nicht nur den Shareholdern, sondern auch den Mitarbei­tern und der Gesellschaft gegenüber in der Pflicht sind.“

Nina Kreuzinger
Mitarbeit: Dina Elmani, Manfred Gram

Lesen Sie den vollständigen Artikel in der FORMAT-Print-Ausgabe vom 28. Mai 2010

Society

Opernball-Lady Treichl-Stürgkh: "Rücktritt am 4. Februar!"

Land der unbegrenzten Möglichkeiten: Die 10 reichsten Amerikaner

Leben

Land der unbegrenzten Möglichkeiten: Die 10 reichsten Amerikaner

Women Leadership Forum 2014

Society

Women Leadership Forum 2014