Überflieger: Der Aufstieg der Turkish Airlines

Überflieger: Der Aufstieg der Turkish Airlines

Noch zehn Jahre. Jeder Mitarbeiter der Turkish Airlines hat das Jahr 2023 rot in seinem Kalender angestrichen. Zum 100. Jahrestag der Republik soll die Airline nämlich die größte des europäischen Kontinents sein.

Diese Parole hat Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ausgegeben, und dieses Ziel wird auch vom Airline-Management mit aller Kraft verfolgt.

Die Erfolge der letzten zehn Jahre können sich sehen lassen: Die Zahl der Passagiere vervierfachte sich auf knapp 40 Millionen jährlich, jene der Flugzeuge verdreifachte sich in derselben Zeit. Damit ist Turkish Airlines - nach Lufthansa und Air France - schon die drittgrößte Fluglinie Europas. Allein im abgelaufenen Jahr wurden dem Flugplan 22 neue Destinationen hinzugefügt. In dieser Tonart soll es weitergehen, verspricht CEO Temel Kotil: In den nächsten zehn Jahren sollen mit 350 Fliegern 300 statt 250 Destinationen angeflogen werden, 90 Millionen Passagiere jährlich sind erklärtes Ziel.

Österreich-Offensive

Auch Österreichs Reisende kommen verstärkt in den Genuss der türkischen Überflieger. 28-mal wöchentlich verkehren sie zwischen Wien und der Türkei. Zwischen Österreich und der Türkei hat Turkish Airlines mit knapp 400.000 Passagieren schon die Lufthoheit vor der AUA. Im heurigen Frühjahr kommt ein fünfter Flug Wien-Istanbul dazu, und Salzburg wird ab Ende Mai viermal wöchentlich angeflogen. Dabei dürfte es aber nicht bleiben. "Graz, Linz und Innsbruck stehen am Radar der Turkish Airlines. Mittelfristig werden wir darüber entscheiden“, verspricht die Pressestelle.

Wieso aber ist der türkische Carrier so erfolgreich, in einer Zeit, wo andere Linien um ihre Existenz und mit schrumpfenden Umsätzen kämpfen müssen? "Wir versuchen die Besten in unserem Business zu sein, indem wir mehr als alle anderen arbeiten“, lautet eine Antwort des Turkish-Managements. Auch Do&Co-Chef Attila Dogudan, der gemeinsam mit Turkish in Istanbul ein Catering-Joint-Venture betreibt, ist überzeugt, dass sich der Fokus auf Qualität auszahlt. "Das Beispiel Turkish zeigt, dass sich gutes Service an Bord doch bezahlt macht“, glaubt er. Dogudan catert alle Flüge aus der Türkei heraus, auch die Economy Class. "In der Economy Class entscheidet sich auch das Match um die Kunden“, ist er überzeugt. Denn in der Business Class bieten fast alle Linien gutes Service an. Mittlerweile sind bereits 250 fliegende Do&Co-Köche für die Türken im Einsatz. 1.000 sollen es in den nächsten Jahren werden. Auch in den Lounges am Flughafen kommt die Qualität gut an: Einer 3.000 Quadratmeter großen Turkish-Lounge am Istanbuler Flughafen Atatürk sollen weitere in Moskau, London, New York und Paris folgen. Mit Do&Co-Verköstigung, versteht sich.

Staat hilft

Qualität hat aber auch ihren Preis. Und viele Konkurrenten von Turkish Airlines beäugen es mit einem gewissen Argwohn, dass das Geld dort mit vollen Händen ausgegeben wird. "Es gibt praktisch keine Kostenkontrolle. Und der Staat erfüllt der Airline jeden Wunsch“, berichtet ein Brancheninsider. Denn der türkische Staat ist mit 49 Prozent am Unternehmen beteiligt. Ticketabgaben wie in Österreich gibt es natürlich nicht, und wenn der Heimatflughafen aus allen Nähten platzt, dann wird eben rasch ein neuer aus dem Boden gestampft. Schon im Jahr 2017 soll die erste Bauphase des weltgrößten Airports nahe Istanbul, der 150 Millionen Passagiere fassen und mehr als sieben Milliarden Euro kosten soll, abgeschlossen sein.

Auch das Marketing ihrer Airline lassen sich die Türken einiges kosten: 120 Millionen Dollar will die Turkish heuer in Werbung wie jene mit Fußballgott Lionel Messi (siehe Bild) und Basketballer Kobe Bryant stecken. Begonnen wurde vor acht Jahren mit Werbekosten von knapp fünf Millionen Dollar jährlich.

Dass die teilstaatliche Fluglinie bei all diesen Ausgaben dennoch einen schönen Gewinn - nach neun Monaten waren es beeindruckende 482 Millionen Dollar - erwirtschaftet, liegt daran, dass anderswo tüchtig gespart wird. Die mit einem durchschnittlichen Flugzeug-Alter von sechseinhalb Jahren sehr junge Flotte verbraucht deutlich weniger Sprit als alte Flieger. Und auch die Personalkosten halten sich in Grenzen. Die Piloten - viele davon sind pensionierte US-Air-Force-Leute - sollen rund zwei Drittel weniger verdienen als AUA-Piloten.

Lufthansa-Boss auf Türkei-Mission

Im Lufthansa-Konzern soll sich hinsichtlich des stark wachsenden Konkurrenten aus dem Osten allmählich Nervosität breitmachen. Nahezu jede deutsche Großstadt wird von Turkish angeflogen, und das zumeist billiger als mit dem blauen Kranich. Offiziell spricht man nur in den höchsten Tönen von dem erfolgreichen Partner - seit 2008 sind die Türken Teil der Star Alliance -, inoffiziell wird aber schon an einer umfangreichen Gegenstrategie gearbeitet. Diese Woche erst war Lufthansa-Boss Christoph Franz mit Kanzlerin Angela Merkel in Ankara. Gespräche über eine weiter gehende Kooperation der beiden nationalen Carrier sollen wichtiger Teil des Business-Trips gewesen sein, ist zu hören. Flugpläne, Preise und der Ticketverkauf könnten schon bald abgestimmt erfolgen, glauben Insider. Gemeinsam will man nämlich den immer stärker werdenden Scheich-Linien aus dem Nahen Osten wie Emirates oder Etihad die Stirn bieten.

Allerdings müssen sich Österreicher wie wohl auch Deutsche noch an manche Usancen bei den Turkish Airlines gewöhnen: Stewardessen sollen künftig stärker verhüllt werden, kesse kurze Röcke sind bald passé. Die osmanische Tradition soll auch im Flugzeug aufleben. Und seit kurzem herrscht - vorerst auf Inlandsflügen - ein striktes Alkoholverbot an Bord. Alles eben ganz so, wie sich Ministerpräsident Erdogan, der größte Aktionär der Fluglinie, das wünscht.

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