Reinhold Messner - ein Leben für die Berge

Reinhold Messner - ein Leben für die Berge

Extremabenteurer Reinhold Messner in seinem Sommersitz und Museum in Südtirol.

Reinhold Messner mag Dinge, die sonst keiner macht und wagt. Morgen, am 17. September, feiert der Extremabenteurer und Bergmuseumsmacher seinen 70. Geburtstag. FORMAT hat ihn in Südtirol besucht.

Reinhold Messner sitzt an einem langen Tisch im Innenhof von Schloss Sigmundskron bei Bozen. Hier hat das Messner Mountain Museum, kurz MMM, seinen Zentralsitz. Wie ein Adlerhorst thront die Burg ganz oben auf einem steilen Hügel. Der Spätsommerabend ist kühl und klar, der Rundumblick gigantisch: in der Ebene die Stadt Bozen, am Horizont hier der Mendelkamm, da die Zentralalpen und dort der Schlern, von dem aus es weiter geht in die Rosengartengruppe der Dolomiten. Das Essen ist pakistanisch, der Rotwein kommt aus Südtirol, und der Pächter des Schlosslokals trägt wie Messner eine Kette mit einer tibetischen Dzi-Steinperle um den Hals. In warmem Rot leuchtet das Porphyrgestein, aus dem Burg und Fels gemacht sind. "Wo gibt es das sonst auf der Welt? Ein Bergmuseum mit einer 15 Meter hohen Felswand im Innenhof?“, fragt Messner in die Runde.

Er mag Dinge, die es nirgendwo anders gibt, und Dinge, die sonst keiner macht und wagt. Das ist geradezu seine Spezialität. Immer schon. "Das Können ist des Dürfens Maß“: Diesen Satz von Paul Preuß, dem großen österreichischen Kletterer und Erneuerer des Alpinismus, zitiert Messner oft. In Gesprächen, in Vorträgen, in seinen Büchern. Man könnte ihn Messners inoffiziellen Leitspruch nennen. "Im Grunde gilt das für alle Lebensbereiche“, sagt er und nimmt einen Bissen vom pakistanischen Lammgulasch.

Energiebündel

Am 17. September wird Messner 70. Sein Bart und seine legendäre Lockenpracht sind grau geworden, aber er ist immer noch der berühmteste Bergsteiger der Welt. Er hat alle 14 Achttausender bestiegen und die Seven Summits, war als erster solo und ohne Sauerstoff auf dem Mount Everest. Als Kletterer sind ihm zahllose Erstbesteigungen gelungen. Je weniger Hilfsmittel, desto besser. Messner ist Extremabenteurer, Purist und Chronist des Alpinismus in Personalunion. Viele Male ist er dem Tod von der Schaufel gesprungen. Seine Spezialgebiete sind die Kunst des Überlebens und die des Sich-Neu-Erfindens.

Die Extrembergsteigerei hat er nach einem Fersenbruch Mitte der 90er-Jahre aufgegeben. Das hat ihn nicht daran gehindert, seine Lust auf Grenzgänge an den leeren Weiten der Erde auszuprobieren, bei Durchquerungen von Grönland, der Antarktis oder der Wüste Gobi. Seine Energie ist ungebrochen: Er betreibt sein Südtiroler Museumsprojekt, er züchtet Yaks und unterhält einen großen Bauernladen. Er war fünf Jahre für die italienischen Grünen im Europäischen Parlament. Er hält Vorträge, gibt Managerseminare, reist um die Welt, schreibt Bücher und denkt ständig über Neues nach.

MMM Juval Messners Sommersitz, ist auch ein Museum.

Wenn im heurigen Winter der sechste, letzte und mit 2.275 Meter höchstgelegene Standort seines Messner Mountain Museums eröffnet wird - das von Zaha Hadid geplante MMM Corones auf dem Gipfel des Kronplatzes - wird sein Bergmuseumsprojekt abgeschlossen sein. Was kommt danach? "Ich möchte gerne Filme machen“, sagt Messner. Und weil er der ist, der er ist, hatte er beim Schreiben des Drehbuchentwurfs, den er schon in petto hat, keinen anderen als Clint Eastwood als Hauptdarsteller vor Augen. Messner lacht, wenn er es erzählt. Das heißt nicht, dass er es nicht für möglich hält. Sein ganzes Leben schon hat er die Grenzen des Möglichen gedehnt.

System Reinhold Messner

"Ich habe nach wie vor keine Erklärung anzubieten für meine Leidenschaft“, schreibt er in seinem neuen Buch "Über Leben“, das dieser Tage mit einer Startauflage von 50.000 Exemplaren erscheint. Messner meint damit die Extremabenteurerei, die ihn berühmt gemacht hat. Es gibt Dutzende Bücher von ihm und genauso viele über ihn. Jeder Winkel seines Tuns ist ausgeleuchtet. Aber niemand hat je mit größerem Furor sein Selbstbestimmungsrecht und "die Eroberung des Nutzlosen“ verteidigt als Messner selbst. Bescheidenheit ist dabei eine Zier, von der der Südtiroler Lehrersohn aus dem Villnößtal weitgehend unberührt ist. Sätze wie "Die Szene hielt den Atem an, während ich ihr ohne Atemmaske vorführte, wie flach ihre Welt war“ kann man jederzeit von ihm haben.

Unbestritten sind sein Unternehmungsgeist und seine Entschlossenheit. Streitbar nennen ihn die einen, egomanisch die anderen. Was für manche Messners Fähigkeit ist, Leute für seine Projekte zu begeistern, gilt anderen als Menschenschinderei. Messner hat es zeit seiner langen Karriere an Bewunderern genauso wenig gefehlt wie an Kritikern. Ihn stört das nicht. Im Gegenteil: "Mit jedem Widerstand, den man mir entgegensetzt hat, bin ich nur noch stärker geworden.“

Vermittler am Berg

Seine Tochter Magdalena, 25, die in Messners Bergmuseumsprojekt mitarbeitet und gerade ein Buch über ihren Vater als Selbstversorger und Bergbauer geschrieben hat (BLV, 41,20 Euro) - ja, das ist er auch! -, erzählt, dass ihnen oft Beschimpfungen nachgerufen wurden. Vor allem weil Messner schon früh, als die Politik ihn vereinnahmen wollte, öffentlich erklärte, er sei nicht für Südtirol auf den Mount Everest gestiegen, und seine Fahne sei sein Taschentuch. Das machte ihn auf Jahrzehnte für viele in seiner Heimat zum Nestbeschmutzer und vaterlandslosen Gesellen. "Als ich in der Volksschule war, war das oft nicht leicht“, sagt Magdalena Messner und fügt ganz unverblümt hinzu: "Auch weil der Papa da gerade seine Yeti-Phase hatte.“ Darüber lacht Messner nicht weniger herzlich als alle anderen in der Runde.

Stararchitektin Zaha Hadid baute für Messner am Kronplatz-Gipfel ein Museum. Es eröffnet im Winter.

Ganz gleich, wie der Mensch Messner wirklich tickt, eines ist Messner ganz bestimmt: eine weltweit erfolgreiche Marke. Diese Marke finanziert ein beeindruckend vielseitiges modernes Bergmuseumsprojekt in Südtirol. Sie finanziert Hilfs- und Umweltprojekte. Messners Konterfei prangt sogar auf einer Kosmetikserie, die unter dem Namen "Messner Mountain Moments“ für jeden Achttausender ein Körperpflegeprodukt im Programm hat und unter dem Titel "Messner Mountain Magic“ gleich auch noch für jeden Achttausender einen eigenen Duft. Und "Castel Juval“ - nach Messners privatem Schloss-Wohnsitz am Eingang zum Schnalstal - heißt eine Weinmarke, unter der pro Jahr 30.000 Flaschen in den Handel kommen. Messner weiß als Unternehmer geschickt auf der Klaviatur seines Ruhms zu spielen. Aber er hat auch eine Mission und ein Erbe.

Das wird deutlich, wenn er durch die Museumsräume von Schloss Sigmundskron führt, in denen es um die vielgestalten Beziehungen zwischen Mensch und Berg geht. Über 30 Jahre lang hat Messner Reliquien berühmter Bergsteiger und Kunstobjekte gesammelt. Und immer noch kommt Neues hinzu. Jeden Raum hier hat er selbst konzipiert. Ständig schafft Messner Neues und ist sich doch wie kaum ein anderer ständig der Endlichkeit alles Seins bewusst. Sogar der Endlichkeit der Berge. Am Ausgang des Museums singt Bob Dylan in Endlosschleife den immer gleichen berühmten Satz aus "Blowin’ In The Wind“: "How many years can a mountain exist before it’s washed to the sea?“

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