Monopoly ist 80

Monopoly ist 80

WIRTSCHAFT BRUTAL. Wie in kaum einem anderen Spiel werden junge Menschen bei Monopoly mit den gnadenlosen Regel des Business konfrontiert.

Vier Ökonomen erfinden das erfolgreichste Wirtschafts-Brettspiel der Welt, für viele Kinder der Erstkontakt mit Pleite, Wucher und Abkassieren, neu.

Amelia, neun Jahre jung, streichelt die beiden Würfel, schüttelt sie mit ihrer zarten Faust, haucht noch "bitte, bitte", zwickt fest die Äuglein zusammen und lässt sie über das Monopoly-Brett rollen. Eine Drei. Auch das noch. Gerade hat sie 200 M Spielgeld an die Steuer zahlen müssen, jetzt landet sie in der Schlossallee, der teuersten Adresse, die es gibt. "Ojemine."

"Miete mit vier Häusern", grinst ihr Bruder Leon, 11, der Krösus am Tisch. "Macht 1.700 M. Oder du gibst mir den Rathausplatz, die Hauptstraße, die Goethestraße und alle deine Bahnhöfe." Das Mädchen wird ganz leise, rechnet verzweifelt ihre letzten Scheinchen zusammen. "Du bist ja so gemein." Auch wenn sie alle Grundstücke verpfändet, wie ihr die Eltern sofort raten - es reicht einfach nicht. Tränen rollen über ihr blasses Gesicht.

"Das berühmte Spiel um den großen Deal", so der Claim der Monopoly-Jubläumsausgabe zum heurigen offi ziellen 80. Geburtstag, hat Amelia die brutalste Erfahrung ihres unschuldigen Lebens beschert. Sie ist pleite, hat alles verloren, und ihr Bruder, dieser Schuft, findet das auch noch witzig. Kurzum: Amelia ist genau das passiert, worauf die historische Erfinderin des Spiels, die amerikanische Quäkerin Elizabeth Magie Phillips, mit ihrer Urversion, "The Landlord's Game", Anfang des 20. Jahrhundert hinauswollte.

"Ich hoffe", so Magie in Anspielung auf die damaligen superreichen New Yorker Industrie- und Immobilienmagnaten, "dass Männer und Frauen sehr schnell begreifen, dass ihre Armut daher kommt, dass Carnegie und Rockefeller mehr Geld haben, als sie ausgeben können." Das 1904 als US-Patent Nr. 748626 registrierte "Vermieterspiel" fußte auf den Reformthesen des Sozialökonomen Henry George und kam also als fundamentale Kapitalismuskritik in Verkleidung eines lustigen Zeitvertreibs daher. Ihr erklärtes Ziel, so Magies Biografie: "Das Übel der Geldvermehrung auf Kosten anderer durch monoplistischen Landbesitz aufzeigen."

Fünf Milliarden Erlös

Entwickelt hat sich daraus aber das erfolgreichste Wirtschafts-Brettspiel der Welt. Monopoly, in Österreich besser als DKT oder "Das kaufmännische Talent" bekannt, wird heute in 43 Sprachen und über 100 Ländern in den jeweiligen Regional-Varianten verkauft. Seit der US-Spieleverleger Parker Brothers, eine Marke des Gaming-Giganten Hasbro, das Magie-Patent 1935 um läppische 500 Dollar erworben und das Spiel umgetauft hat, sind Unternehmensschätzungen zufolge knapp 300 Millionen Exemplare über den Ladentisch gegangen.

Auf Basis des heutigen Durchschnittspreises von etwa 20 bis 25 Euro entspräche das einem Gesamterlös von über fünf Milliarden Euro. Es wurden auch bereits etwa sechs Milliarden Monopoly-Häuschen produziert, ganz grob gesagt, eines für jedes reale Wohnhaus auf dem Globus. Und natürlich sind längst unzählige Klone, Ableger und lokale Varianten auf dem Markt, bis hin zur Luxusversion mit Häusern aus purem Gold. Wert: 25.000 Dollar.

Monopoly reloaded

Aus Anlass des 80. Geburtstags des erfolgreichsten Wirtschafts-Brettspiels der Geschichte haben sich auf Bitte von FORMAT vier Ökonomen ihre Köpfe über neue, zeitgenössische Spielregeln zerbrochen, die die Wirtschaftsrealitäten des 21. Jahrhunderts widerspiegeln. Und wie kaum anders zu erwarten, kommen Alexandra Strickner von Attac, der Ex-IHS- Direktor Christian Keuschnigg, der liberale Gründer des Thinktanks Agenda Austria, Franz Schellhorn, und der Finanzmarktkritiker Stephan Schulmeister zu äußerst kontroversiellen Resultaten. Einig sind sie sich nur in der Einschätzung von Alexandra Strickner: "Das Monopoly aus meiner Kindheit zeigt ein völlig veraltetes Bild des Kapitalismus."

GESCHICHTE

Lizzie Magie vs. Charles Darrow

Obwohl die Quäkerin Elizabeth "Lizzie" Magie Phillips, die sich die Urversion von Monopoly - "the Landlord's Game" - bereits 1904 patentieren ließ, galt Heizgerätevertreter Charles Darrow lange Zeit als Erfinder des Spiels. Er hatte die Idee von Magie abgekupfert, weiterentwickelt und dann 1935 an den US-Spieleverlag Parker Brothers mit einem Linzenzvertrag, der ihn zum Millionär machte, verkauft. Magies Variante geriet indes in Vergessenheit und wurde erst in einem Urheberrechtsprozess in den 70er-Jahren gewürdigt.

Die wichtigsten Spiel-Versionen

Fast 300 Millionen Monopoly-Spiele wurden in den vergangenen 80 Jahren weltweit verkauft. Neben lokalen Varianten existieren inzwischen unzählige Klone. Etwa Monopoly World, Monopoly Banking, Monopoly Tycoon, die Onlineversion Monopoly City Streets und natürlich das vom Wiener Spieleverlag Piatnik vertriebene österreichische DKT, von dem laut Piatnik-Chef Dieter Strehl "seit den 30er-Jahren sicherlich Millionen" über den Tische gegangen sind.

Lesen Sie die komplette Geschichte im FORMAT Nr. 44/2015
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