Zwischen Donna-Summer-Discokugel und Mundl-Sackbauer-Charme

Am 22. Jänner würde Bruno Kreisky 100 Jahre alt werden. Auf zwei Wiener Bühnen beschäftigt man sich schon vorab mit dem Phänomen Kreisky und seiner Zeit. Eine lustvolle Spurensuche nach den verbliebenen politischen Utopien.

Das Buffet im Entree ist ein Konsum-Stand mit Afri-Cola im Tagesangebot, aus dem Radio dröhnt „Autofahrer unterwegs“, am TV-Schirm serviert Hilli Reschl gerade eine Melange im „Seniorenclub“ – „Raus aus dem trostlosen 21. Jahrhundert! Tauchen Sie mit uns ein in die Roaring 70er!“ ist Motto der Erlebniswelt zwischen Donna-Summer-Discokugel und Mundl-Sackbauer-Charme, die man im Wiener Palais Nowak rund um die Bühnenshow „Lasst Kreisky und sein Team arbeiten“ aufgebaut hat. Im Zentrum stehen Bruno Kreisky und seine Zeit als Bundeskanzler zwischen 1970 und 1983. Am 22. Jänner würde der Ausnahmepolitiker und Inbegriff des polyglotten Sozialdemokraten seinen 100. Geburtstag feiern. Seine Popularität scheint ungebrochen. Immerhin prägte der weltoffene Intellektuelle den politischen und wirtschaftlichen Aufstieg Österreichs.

„Was damals in der Bildungsoffensive geleistet wurde, hat sogar meiner erzkatholischen ÖVP-Mutter imponiert“, erinnert sich Albert Schmidleitner. Der 53-jährige Chef von Simpl, Vindobona und Palais Nowak hat gemeinsam mit Fritz Schindlecker das Buch zur Kreisky-Show geschrieben. „Ich erinnere mich noch gut an meine erste persönliche Begegnung mit Kreisky. Das war, nachdem er 1975 das zweite Mal die absolute Mehrheit erreicht hatte, bei einem imposanten Auftritt in einem urroten Gemeindebau. Er stand im Maßanzug da, und als sich zwei, drei Unmutsstimmen in den Jubel mischten, sandte er sofort einen Adlatus hin, mit den Worten: Schreiben Sie auf, was die Leute da wollen, ich werd mich drum kümmern.“ Diese Volksnähe, sein direkter Draht zu den Menschen ist auch Running Gag der Show. Immerhin hatte Kreisky den Leitspruch, 24 Stunden am Tag für seine Bürger erreichbar zu sein. Seine Nummer stand demgemäß auch im öffentlichen Telefonbuch und wurde von vielen tatsächlich genutzt.

Amüsante Zeitreise

Kritische politische Analysen darf man sich in der zweistündigen Show keine erwarten, das betont auch der Kabarett-Profi. Vielmehr sei sie eine amüsante Zeitreise, bei der man auch mit sehr viel Musik – von „Pretty Belinda“ bis zur „Glockn“ – versucht, der Stimmung der Zeit gerecht zu werden. Eine Zeit, die auch mit Illusionen behaftet ist. Einige überfällige Reformen im Familien- und Strafrecht wurden durchgeführt, es gab die Hochschulreform und die Legalisierung von Abtreibung und Homosexualität. „Vieles aber“, so Schmidleitner, „ist Illusion geblieben. Wer redet heute noch von der 35-Stunden-Woche? Der gesamtgesellschaftliche Ansatz, dass alles von der Linken lösbar ist, ist längst zerbrochen. Es herrscht eher Ratlosigkeit.“

Abseits der innenpolitischen Auseinandersetzungen blieb die Weltbühne Kreiskys Lieblingsbetätigungsfeld, wo er als kluger Vermittler große Erfolge feierte. „Ob man damals in Istanbul oder Kairo Urlaub machte, Kreisky war überall ein Begriff“, erinnert sich Schmidleitner. „Dass er hingegen als geborener Jude, der selbst bis 1945 im schwedischen Exil war, die Nazis weniger verabscheut hat als die ÖVP, ist heute wiederum ebenso unverständlich wie Kreiskys unsauberer Umgang mit der Entnazifizierung Österreichs.“

Lernen Sie Geschichte!

Ist so eine Seltsamkeit in der Politik noch zulässig? Wäre sie gesellschaftsfähig? Wäre Kreisky heute noch medienaffin? Das sind daher Fragen, die man beim Projekt „Kreisky – wer sonst?“ im Wiener Schauspielhaus ins Zentrum stellt. Nach Doderer, Freud und den Zehn Geboten widmet sich die Bühne ab Ende Dezember in zehn Folgen dem höchst widersprüchlichen, charismatischen, radikalen und sprunghaften Politikmenschen Kreisky. Frei nach jenem Satz, mit dem der „Alte“ mit gewohnt sonorer Stimme 1981 vor laufender Kamera einen unvorbereiteten Journalisten maßregelte: „Lernen Sie Geschichte!“

Denn, so der 45 Jahre alte Schauspielhaus-Boss Andreas Beck: „Meine Altersgruppe weiß, wer Kreisky ist, und ich bin kein Österreicher. Aber wenn man eine jüngere Generation auf Kreisky anspricht, denken die heute zuerst an die Popgruppe.“

So beschäftigt man sich mit Kreiskys Reformen, Auftreten und Regierungszeit „Für mich ist er – wie Willy Brandt für die Bundesrepublik – der Aufbruch in eine moderne Zeit. Solche charismatischen Persönlichkeiten gibt es heute aber, wenn überhaupt, seltsamerweise eher in der rechten und nicht mehr in der linken Szene“, bedauert Beck. „Wir erleben eine Konzeptlosigkeit der Linken, die vor 30 Jahren noch Reformwillen hatte. Obwohl sich die Welt radikal verändert hat, gibt es keine Überarbeitung des Konzeptes, keinen Gegenentwurf zum Wirtschaftsliberalismus. Ausgehend davon fragen wir uns mit der Serie auch: Wie politisch sind wir eigentlich noch?“

Die Herangehensweise im Schauspielhaus ist die eines Biopics. Man durchläuft das Leben Bruno Kreiskys in zehn Etappen, betitelt nach den zahlreichen Spitznamen des Kanzlers von „Kaiser Bruno“ über „Mehlspeisen-Metternich“ bis zu „Sonnenkönig“ – und mit echten Zeitzeugen.

Die haben sich auch zuhauf für die Premiere der 70er-Jahre-Revue im Palais Nowak angesagt; Bundespräsident Fischer hat sich sogar das Plakat der Show schicken lassen. Außergewöhnliche Projekte für eine widerspruchsvolle Persönlichkeit, die natürlich auch Thomas Bernhard nicht unbeschrieben ließ: „Er ist seit Jahren der gewohnheitsmäßig geliebte Abonnementbundeskanzler mit dem besten Schmäh, der keinem nützt und keinem schadet, eine süßsaure Art von Salzkammergut und Walzertito, vor dessen Verschwinden alles Angst hat. Als ginge die Sonne unter, wenn Kreisky untergeht “, schrieb er 1979.

– Michaela Knapp

Palais Nowak: Lasst Kreisky und sein Team arbeiten
Im Zelt beim Gasometer unternimmt man nach dem Buch von Fritz Schindlecker und Albert Schmidleitner eine Zeitreise in die 70er. Premiere: 15. 10., 19.30 Uhr, Karten: 01/512 47 42

Schauspielhaus: Kreisky – wer sonst?
Andreas Beck lädt zur zehnteiligen Serie mit biografischen Stationen aus dem Leben des „Sonnenkönigs“. Der „Pilot“ „‚Kaiser Brunos‘ Vita“ startet am 31. 12. Info & Karten: 317 01 01-18, www.schauspielhaus.at

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