Zum 80. Geburtstag von Donald Duck: Interview mit Cartoonist Manfred Deix

Zum 80. Geburtstag von Donald Duck: Interview mit Cartoonist Manfred Deix

Er ist ein Unglücksrabe und Choleriker. Ein fauler, arbeitsscheuer Ungustl, der permanent scheitert, vor allem weil er sich grandios selbst überschätzt. Unterkriegen lässt sich Donald Duck trotzdem nicht. Er rafft sich auf, packt seinen Optimismus zusammen und macht weiter. Deswegen liebt man die Ente im Matrosenanzug. Und zwar seit nun genau 80 Jahren.

Wobei: Hier beginnen dann schon die Diskussionen unter den Hardcore-Fans des Erpels. Zwar hat Donald seinen ersten Auftritt vor der Welt am 9. Juni 1934 im Disney-Film "The Wise Little Hen“, allerdings war er - so die Entenhausen-Experten - ja bereits ausgewachsen. Folglich muss er früher aus dem Ei geschlüpft sein.

An dieser Stelle soll es genügen, wenn man das Leinwanddebüt Donalds als Geburtsstunde hernimmt. Auch aus pragmatischen Gründen. Erstens gäbe es sonst nichts zu feiern. Und zweitens änderte die frühere Geburt auch nichts am Status der Ente als größter Comic-Held aller Zeiten.

"The Wise Little Hen" - der allererste Disney-Film mit Donald Duck aus 1934

Einen Status, den er übrigens erlangte, ohne Superkräfte zu besitzen. Es ist Donalds Durchschnittlichkeit, sein absolutes Dasein als Jedermann, die ihn über die Maßen erfolgreich werden ließ. Und anders als der biedere Mäuserich Micky, Erfindung und Liebkind von Walt Disney höchstpersönlich, geht Donald selten als Sieger aus seinen Alltagskämpfen hervor.

Erfolgreich scheitern

"Das Leben ist eines der schwersten“, sinniert die gepeinigte Ente in melancholischen Minütchen, und leicht hat er es wirklich nicht.

Zur Qual machen es ihm mitunter der stinkreiche Onkel Dagobert, sein vom Glück verfolgter Vetter Gustav Gans, seine drei Neffen, Tick, Trick und Track, und nicht zuletzt auch die angebetete Daisy, die Donald mit Kalt-Warm-Duschen bei Laune hält. Dazwischen: Pech, Tobsuchtsanfälle und ein subversives Potenzial, das sich radikalrabiat gegen allzu Glattes stemmt. Scheitern als Erfolgsmodell schürt Sympathien, hat kathartische Funktion und stimmt das Publikum auf das eigene Leben ein. Oder, wie Adorno in seiner "Dialektik der Aufklärung“ fest hielt: "Donald Duck in den Cartoons wie die Unglücklichen in der Realität erhalten ihre Prügel, damit der Zuschauer sich an die eigenen gewöhnen kann.“

Es war vor allem der Zeichner Carl Barks, der Donald mit all seinen Schwächen seinen Stempel aufdrückte und nebenbei mit Entenhausen eine Parallelwelt erschuf, die kongenial von Erika Fuchs ins Deutsche übertragen wurde. Von diesen Legenden zehrt man noch heute und aktualisiert den Kosmos. So überlegt man etwa, ob demnächst eine Conchita Duck dort ein stoppeliges Gastspiel geben soll. Donald, der Underdog und Außenseiter, wird sie lieben.

FORMAT: Herr Deix, Sie gelten als großer Verehrer von Donald Duck. Erinnern Sie sich noch an Ihren Erstkontakt mit dem Erpel?

Manfred Deix: Als ich sieben Jahre alt war, hatte ich das erste Mal ein Heft mit Donald in die Finger bekommen. Ich war positiv geschockt und wusste, wenn ich jetzt sterbe, habe ich den Höhepunkt erreicht, weil ich die Donald-Geschichten gesehen habe. Ich war fix und fertig und vor allem überglücklich.

Mit sieben?

Deix: Ich war hingerissen. Bis dato hab ich ja nur Max und Moritz und anderes von Wilhelm Busch gekannt. Mehr an Comics hat es damals nicht gegeben. Plötzlich stoße ich dann auf diese Goldschätze und habe sofort erkannt, was es noch alles gibt. Man kann sagen, dass Donald mein Leben verändert hat. Ich bin ein anderer Mensch durch ihn geworden.

Das waren die Storys von Carl Barks in der genialen Übersetzung von Erika Fuchs. Verfolgen Sie eigentlich heute noch Donalds Abenteuer?

Deix: Ich verehre ausschließlich die Arbeiten von Carl Barks und Erika Fuchs. Alles, was danach kam, ist schlecht und uninteressant. Es ist das traurige Schicksal von Donald, dass er jetzt von schlechten Menschen interpretiert wird. Von Nichtskönnern, die sich dieses großen Themas annehmen und aus Donald einen Durchschnittsheini machten. Jeder, der sich an ihm vergreift, ist mein Todfeind.

Wobei ja die Durchschnittlichkeit Donald so sympathisch macht …

Deix: Ja, aber er rackert sich dabei ab, fällt hin, steht auf und macht wieder weiter. Donald ist in dieser Hinsicht weniger Durchschnitt, sondern vielmehr ein Gigant. Ein bedeutender Vogel, ein ganz bedeutender Mensch.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Micky Maus?

Deix: Gebrochen. Es war immer schon gebrochen. Zuerst bin ich zu Micky übergangen, und später, als ich acht oder neun Jahre alt war, habe ich versucht, Anknüpfungspunkte zu finden. Ich dachte: "Irgendwas wird er wohl haben, der Micky, wenn er schon so berühmt ist.“ Aber da war nichts. Nach wie vor halte ich diesen Mäuserich für einen Ungustl, einen Langeweiler und ganz fürchterlichen Spießgesellen. Zu Micky Maus fällt mir leider nur Schlechtes ein.

Wen hätte Micky Maus bei der EU-Wahl gewählt?

Deix: (lacht) Mein Gott. Wahrscheinlich irgendeine rechtsgerichtete Wapplerpartie. Aber ich weiß es nicht. Ich müsste darüber viel nachdenken, das ist es mir aber nicht wert.

Und trotzdem ist der spießige und aalglatte Mäuserich das Aushängeschild des Disney-Konzerns, und nicht Donald, dem allerorts Sympathien entgegenschlagen …

Deix: Das liegt daran, dass die Amerikaner den Witz und den Charme von Carl Barks nie kapiert haben. Man muss ihnen den Vorwurf machen, dass sie nicht wissen, was gut ist. Sie erkennen nicht, dass Donald der Retter der Menschheit ist. Er ist berühmter als alle amerikanischen Präsidenten zusammen. Und vor allem: Er ist ihnen allen haushoch überlegen.

Donald's Geburtstag; &Copy Disney 1949

Was macht Donalds Überlegenheit aus?

Deix: Es ist sein Charme. Alles, was er macht und sagt - er ist einfach unschlagbar. Er ist charakterstark und gleichzeitig durchtrieben. Er hat unzählige Schwächen und ist doch eine natürliche Autorität. Donald ist der König der Könige.

Was halten Sie von den anderen Figuren in Entenhausen?

Deix: Die sind natürlich alle großartig. Daniel Düsentrieb, Dagobert Duck oder die Panzerknacker, die Könige der Unterwelt, sie alle rangieren gleichrangig in meiner Gunst.

Glauben Sie auch an die Theorie, dass Donalds Neffen, Tick, Trick und Track, eigentlich seine Kinder mit Daisy sind?

Deix: Selbstverständlich. Das weiß man doch, auch wenn es nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt wird.

Wann wird denn in Entenhausen kopuliert?

Deix: Das sind Geheimnisse, die sollen Donald und Daisy vorbehalten bleiben. Die beiden sollen schustern, soviel sie wollen - ich will es nicht wissen.

Warum so zurückhaltend? Sie sind ja der Meister im Hervorkehren der allzu offensichtlich versteckten Dinge. Immerhin laufen die Ducks ja unten ohne durch Entenhausen …

Deix: Daisy und Donald sollen für mich clean bleiben. Ich möchte dieser kindlichen Phantasie weiterhin anhängen und sagen können, dass Sex für die zwei nicht wichtig ist. Bei Donald einen Penis zu sehen, ist wirklich nicht nach meinem Geschmack.

Es gibt zahlreiche Bücher und Studien, die Entenhausen und die Vorgänge, die dort passieren, in die reale Welt holen. Lesen Sie so etwas?

Deix: Nein, das sind grundverschiedene Welten. Die Theoretiker sollen uns doch bitte damit verschonen und die Hände von solchen Ausführungen lassen.

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