Zum 70er: Christian Ludwig Attersee im FORMAT-Interview

Er hat seine eigene Sprache kreiert, mehr als 8.500 Bilder gemalt und 450 Ausstellungen bestückt. Am 28. 8. wird der Künstler Christian Ludwig Attersee 70 Jahre. Ein Interview über Eitelkeit, Erotik & angewandte Kunst.

FORMAT: Was bedeutet dieser Geburtstag für Sie: Freude, endlose Feste, Rückbesinnung?

Attersee: Mich interessiert mein Alter nicht, ich fühle mich nicht wie 70 sondern wie 18, weil ich im altmodischen Sinne große Freude an der Kunst habe. Ich liebe Kunst und halte sie für die höchste Form menschlicher Verständigung. Aber man hat viel für mich arrangiert, mein Geburtstag hat Benützerqualität für die Veranstalter. Das Feiern macht aber viel Arbeit. Es war anstrengend, den 70er vorzubereiten, weil ich die Ausstellungen sehr ernst nehme. Jede Schau hat ein eigenes Thema: Ob die Gischt, die mich als Segler beschäftigt, die Zeit oder das Christentum. Es gibt derzeit zwei Attersees: den, der feiert und den, der zuschaut.

FORMAT: Bringt die mediale Aufmerksamkeit auch eine Neudeutung des Werkes mit sich?

Attersee: Natürlich wird mein Werk neu und hoch bewertet werden, weil die Menschen vieles von mir gar nicht kennen. Ich habe ja verschiedene Berufe: Ich bin Maler, Bühnenbildner, schreibe Bücher, habe über 100 Lieder geschrieben, unterrichte. Und ich bin DER angewandte Künstler Österreichs. Ich bin der Mosaikkünstler Europas. Bei mir fängt die Kunst bei der Briefmarke an und hört bei der Kirchengestaltung auf. Jetzt habe ich ein neues Gebiet für mich entdeckt: die Keramik.

FORMAT: Dass Sie keine Berührungsängste zur angewandten Kunst haben, wurde ihnen andererseits oft zum Vorwurf gemacht. Was würden Sie nicht machen?

Attersee: Ich mache alles, wenn ich Freude daran habe. 99 Prozent des Lebens sind angewandte Kunst. Ich war 1972, der erste, der eine Weinetikette gestaltet hat: Ein Mann und sein Hund auf der Kellerstiege sitzend, und beide speiben sich an. So eine Etikette hat es natürlich vorher nicht gegeben. Das ist heute ein gesuchtes, einige tausend Franken teures Stück. Und Ich habe mich auch vor der Wurstetikette nicht gescheut. Auch die ist sehr erfolgreich. Die Putenwurst ist die meistverkaufte am arabischen Markt. Unterhaltung auf Lebensmitteln, warum soll das nicht schön gestaltet sein? Ich freue mich, wenn die Leute zehn Deka Atti verlangen.

FORMAT: Es heißt Menschen, die nie schön waren, haben keine Angst vorm Alter. Sie galten immer als der schöne Attersee, gibt es nun mit der Eitelkeit Probleme?

Attersee: Das Alter ist für mich auch diesbezüglich kein Thema. Für mich gilt: Ich lebe ewig bis zum meinem Tod. Natürlich könnte ich jetzt auch anfangen, über mein Leben nachzudenken. Was habe ich falsch gemacht? Es hat nur keinen Sinn, weil ich’s nicht mehr ändern kann. Ich beschäftige mich nicht mit meiner Vergangenheit. Erotik ist für mich immer noch das Zentrum der Welt und meiner Arbeit. Ich gehe auf Bilderjagd. Will ein Ersterlebnis, wenn ich male, einen Gesamtkörperorgasmus! Solange ich das habe, habe ich Leben in mir. Ich bin ein Schauspieler der Malerei, male die Bühnen, die ich besteige. Ich lebe mit den Tieren und Frauen, die ich in meiner Malerei erzeuge.

FORMAT: Kein Problem mit den Jubiläums-bedingten Rückschauen?

Attersee: Nein, weil ich alles ziemlich gut gemacht habe. Ich suche auch nicht nach meinen eigenen Fehlern. Das Einzige, was mir bei der Arbeit am biographischen Buch aufgefallen ist, dass ich bald wieder eines machen muss, weil nicht alles Platz fand. Ich habe über 450 Ausstellungen gemacht, über 8500 Bilder gemalt. Ich war ja, als halbes Wunderkind, mit 16 Jahren schon an der Angewandten und früh in den wichtigen Kreisen von H.C. Artmann, Rühm oder Wiener. Das Buch wird ein Kultbuch werden, weil es diese Zeit betrachtet – alle Aspekte, auch die politischen. Ich halte ja Kunst nicht nur für eine erotische, sondern auch für eine gesellschaftskritische Sache. Es geht immer auch um eine politische Haltung.

FORMAT: Sie haben von 1990 bis 2009 die Meisterklasse für Malerei an der Angewandten unterrichtet. Sie haben dabei immer vermittelt: Es genügt nicht, Talent zu haben, man muss auch ein besonderer Mensch sein, um zu reüssieren.

Attersee: Kunst kann man ja nicht lehren, man kann aber Leben lehren: Das habe ich immer versucht. Mein erster Satz für die Studenten war: „Ab jetzt gehen wir nicht mehr bei Grün, sondern bei roter Ampel über die Strasse. Da beginnt das Leben.“ Ich habe meine Erfahrungen weitergegeben, aber natürlich kann man auch irren. Ich habe viel in diesem Beruf gesehen und erarbeitet. Es ist ein beinharter Beruf und keiner, den ich empfehlen würde.

FORMAT: In den 60er Jahren gab es vier Galerien in Wien. Heute ist der Markt kaum überblickbar, auch die Zahl der Künstler nicht. Welche Karrieretechniken empfehlen Sie?

Attersee: Viele wollen heute ja schon eine Ausstellung festsetzen und dann erst die Bilder machen. Das geht nicht. wenn ich ein Galerist bin und komme zu einem jungen Künstler, will ich 200 Bilder sehen zur Auswahl. Also: Ware, und nicht bloß Ideen und Konzepte. Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden.

FORMAT: Karrieren haben heute auch eine ganz andere Geschwindigkeit.

Attersee: Ich habe da eine andere Bescheidenheit. Ich habe zehn Jahre lang kein Bild verkauft. Habe oft nicht einmal gewusst, wie ich meine Miete zahlen soll. Man muss sich entscheiden, welches Leben man leben will. Viele junge Künstler gehen heute ganz anders an den Beruf, wollen vor allem Geld verdienen. Das sind dann immer „die besten Künstler der Welt“ des Jahres. Ich besuche alle Biennalen und Ausstellungen, ich bin informiert, aber es gibt derzeit wenig, das mir Freude bereitet, oder mich berührt. Vieles ist dekorativ, plakativ, exotisch – ich kann das aber nicht als Kunst sehen.

FORMAT: Sie leiden nie an Inspirationsmangel?

Attersee: Mir fällt viel zu viel ein. Ich denke, dass der Mensch sich an der Schöpfung beteiligen sollte. Und ein Künstler macht das auf besondere Weise. Wenn ich mit einem Werk fertig bin, fühle ich mich fast gottgleich. Das ist ein schöner Teil des Berufes. Ich habe immer gearbeitet, für mich gibt es keinen Samstag oder Sonntag oder Urlaub. Selbst wenn ich mit dem Segelboot über den Atlantik fahre, male ich. Das ist Suche, Jagd, Abreaktion. Früher habe ich zudem weder Tag noch Nacht eingehalten. Erst als ich zu unterrichten begonnen habe, also mit 50, hat für mich ein geregelter Ablauf begonnen, wie ihn andere ein Leben lang einhalten müssen. Das war fast ein Schock.

FORMAT: Sie waren dreifacher österreichischer Staatsmeister im Segeln. Hat Ihnen der Sportsgeist auch im Beruf geholfen?

Attersee: Natürlich hat mir das etwas gebracht. Ein gesundes Misstrauen gegen alle Menschen. Weil die Segler kämpfen alle gegeneinander. Beim Segeln und in der Kunst ist immer alles möglich.

FORMAT: Sie sind international gut unterwegs, dennoch spielt die österreichische Kunst am internationalen Markt nur marginal eine Rolle. Warum?

Attersee: Das hat gar nichts mit Wertigkeit zu tun. Österreich war in den 60er Jahren sicher so wichtig wie New York, aber in Österreich hat es keinen Kunsthandel und kein Management gegeben. In Österreich kann man keine Weltkarriere machen. Aber ich liebe Wien. Es geht ja auch um Lebensqualität. Und ich freue mich, wenn meine Bilder unter Menschen sind. In den Museen sind sie oft im Depot.

FORMAT: Was halten Sie von der aktuellen Preisstruktur am Kunstmarkt?

Attersee: Österreich ist ein kleiner Markt – wenig Geld, wenig Sammler. Ich glaube auch keiner Galerie ein Wort, wenn es um Geld geht. Niemand wird erzählen, dass er nichts verkauft. Den Preis selber bestimmt immer noch der Künstler, heute auch großteils der Händler. Man kann aber keine Preisentwicklung abschätzen. Ich denke, dass noch eine stärkere Krise in der Kunst kommt. Die Leute kaufen Kunst, wenn es ihnen gut geht. Wenn man aber in einer Nachrichtenwelt lebt, die nur von Geldverlieren spricht, ist die Kunst nicht vorn dabei.

FORMAT: Wie werden sie denn am 28.8. feiern?

Attersee: Auf Schloss Parz wird eine Schau mit noch nie gezeigten Bildern eröffnet …

FORMAT: Und die Vernissage geht dann in ein rauschendes Fest über?

Attersee: Ich kann das nicht absehen. Da kommt meine Generation. Ich weiß nicht, ob sich die 60-70jährigen da so austoben wie 18 jährige…

Interview: Michaela Knapp

Programm zum Attersee-Jubiläum

Der 1940 in Bratislava geborene und am Attersee aufgewachsene Christian Ludwig wird zu seinem 70. Geburtstag umfangreich geehrt: Mit dem Fotobuch „Pinselfresser“ von Kurt-Michael Westermann (Brandstätter, € 29,90) und der Attersee-Biografie „Sein Leben. Seine Kunst. Seine Zeit.“ von D. Gregori & R. Metzger (Brandstätter, € 29,90, Präsentation: 2. 9., Wien, MuMoK, 19.30 Uhr). Dazu sechs Ausstellungen: Galerie Zwach, Schörfling am Attersee, „Gischtmitte“, bis 29. 8. Galerie Heike Curtze, Salzburg, „Er gab uns die Flasche und den Glauben“, 20.–30. 8. Schloss Fischhorn / R & H Galerie, Zell am See, „Zeitversuch“, 22. 8. – 5. 9. Schloss Parz, Grieskirchen, OÖ, „Duettlust“, 29. 8. – 17. 10. Galerie Hilger (neue Grafikmappe), Evastunden, ab 19. 10. Galerie Goldener Engl, Tirol, „Zierkrieg“, ab 13. 11.

Die Preise für Attersees Papierarbeiten bewegen sich um € 5.000, mittelgroße Leinwände liegen bei € 30.000, große bei € 55.000.

www.attersee-christian-ludwig.at

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