Wutbürger Roland Düringer im FORMAT-Interview

Der Kabarettist Roland Düringer gilt als ein Aushängeschild der Protestbewegung. Dabei hält er wenig von bloßer Wut aufs System.

Es war kalt am Stephansplatz. Vielleicht ist das der Grund, warum am vergangenen Sonntag nur wenige Leute kamen, um sich über die Anliegen der Protestbewegung Occupy Vienna zu informieren. Dabei war einer der Redner durchaus prominent: der Kabarettist Roland Düringer. Mit seiner Wutbürger-Rede ist er ein YouTube -Star geworden: Mehr als 200.000 Personen haben seinen Auftritt im Internet abgerufen. Der frühere Werbeträger für eine Kreditkartenfirma ist zum Konsumkritiker geworden.

Besonders beeindruckt hat ihn das Buch „Vom Systemtrottel zum Wutbürger“ der Philosophen Eugen Maria Schulak und Rahim Taghizadegan. „Wir müssen uns ändern, den Weg vom Affen zum Menschen fertig gehen“, fordert Düringer. Im FORMAT-Interview erklärt er seine Position zu den aktuellen politischen und wirtschaftlichen Problemen – die überraschend wenig von Wut geprägt ist.

FORMAT: War Ihr Auftritt am Stephansplatz das Ende des Wutbürgers Düringer?

Roland Düringer: Ich wollte meine Position darstellen, weil so viel über meine Wutbürger-Rede bei „Dorfers Donnerstalk“ reflektiert und gesprochen wurde. Es war mir wichtig, das abzuschließen. Den Leuten zu sagen, dass es leichter ist, sich selbst zu ändern als das System.

FORMAT: Was ist denn das System?

Düringer: So genau weiß das keiner. Es ist eine Gedankenform, ein Selbstläufer, den wir säugen und nähren. Vielleicht hilft ein bildlicher Vergleich: Oben auf einer Almhütte sind Betrunkene und ein alter Leiterwagen. Ma, des wär lustig, mit dem den Hang runterzufahren, sagen ein paar und hüpfen ins Wagerl. Und sie freu’n sich, dass sie immer schneller fahren, bis es ihnen komisch vorkommt und sie Angst bekommen, wie das wohl endet. Für mich ist das Leiterwagerl das System. Und wir bräuchten den Mut, hinauszuspringen. Weil jetzt hat man noch die Möglichkeit, dass man mit kleinen Blessuren davonkommt, mit Rippenbrüchen, einer Platzwunde am Kopf, und nicht letal zerschellt.

FORMAT: Sind wir vor dem Abgrund?

Düringer: Noch lange nicht. Und was ist der Abgrund? Wenn ein Staat bankrott geht? Wenn es keine Pensionen mehr gibt? Wenn wir nichts mehr zum Essen haben? Wenn ein Atomkraftwerk explodiert?

FORMAT: Bei der „Donnerstalk“-Rede – wie viel war Kabarett, wie viel war echt?

Düringer: Ich habe den Text geschrieben, weil ich denke, dass da viel Wahres dran ist. Bisher hat mich aber noch kein Einziger gefragt, wie ich das gemeint habe, was ich etwa zum Gesundheitssystem gesagt habe: dass wir nicht an Maschinen angeschlossen dahinvegetieren wollen. Wir alle zahlen dafür ein, dass wir, wenn für uns der Zeitpunkt wäre, würdig zu sterben, das Leben noch verlängert wird und wir irre lange an Maschinen angeschlossen werden, um nur noch dem Bruttoinlandsprodukt zu dienen. Die Kritik an Banken und Politikern wurde oft aufgegriffen. Dabei haben wir die Politiker gewählt und sehr lange das Banksystem wunderbar auf Händen getragen. Wir wollten Kredite, wir wollten viel Zinsen auf dem Sparbuch, ohne zu fragen, wer bezahlt.

FORMAT: Ihre Erklärung?

Düringer: Weil wir alles wollen und davon immer mehr. Weil wir das Gefühl für das rechte Maß verloren haben. Weil wir viel zu schnell unterwegs sind, alles immer mehr beschleunigen.

FORMAT: Weniger ist also mehr?

Düringer: Der richtige Weg ist, Ruhe zu finden und nachzudenken, was mich wirklich glücklich macht. Was ist Lebensqualität? Sind das die vielen Dinge, die ich zuhause habe? Ist das iPhone 4S wirklich Lebensglück? Denkt man nach, kommt man drauf, dass man viele Sachen wegstreichen kann, weil sie einen nur belasten. Ich habe einmal sehr viel Geld verdient und mir irr viel angeschafft. Weil ich es mir hab leisten können. Aber ich bin draufgekommen, dass mich die Sachen fordern, ich muss mich darum kümmern, ich muss sie pflegen. Seit zehn Jahren fast bin ich nur noch am Loswerden, und das ist viel schwieriger, als zu kaufen.

FORMAT: Sie können die Sachen ja einfach verschenken …

Düringer: Das ist das Beste, das hab ich auch schon oft gemacht. Verschenken macht glücklich. Beide Seiten. Daran sollten wir denken, wenn wir das Wort „Umverteilung“ in den Mund nehmen. Nicht darauf warten, dass die Politik für uns umverteilt.

FORMAT: Wie hört sich dieses Problem des Zu-viel-Habens gegenüber Leuten an, die an der Armutsgrenze leben?

Düringer: Wo ist die Armutsgrenze?

FORMAT: Bei etwa 1.200 Euro.

Düringer: 1.200 Euro ist eine Zahl. Ich habe einmal sagen können, um 50 Schilling bekomme ich ein Menü. Jetzt bekomme ich einen Kaffee dafür. Wir sollten wieder in wirklichen Werten denken und nicht in Zahlen. Ich kann etwas für dich tun – was kannst du für mich tun?

FORMAT: Sind Sie bei einem Tauschring?

Düringer: Ich probiere das jetzt. Meine Frau und ich arbeiten an Konzepten, um aus diesem Wahnsinn herauszukommen. Ich wohne am Land. Das war für mich ein ganz wichtiger Schritt. Das Problem eines Menschen an der Armutsgrenze ist, dass er keine Zeit hat nachzudenken. Dass er nur tun muss, um durchzukommen. Jetzt gibt es Menschen, die das Glück gehabt und eine Entscheidung getroffen haben, die sie aus dem Spiel hinausgespült hat. Das Einzige, was die jetzt tun können, ist, Vorbild zu sein, zu zeigen, es geht auch anders.

FORMAT: Wie konsequent haben Sie Ihr Konzept jetzt schon umgesetzt?

Düringer: Begonnen hat es mit dem Garten. Ich habe durch meinen Garten so viel gelernt: dass man Geduld braucht, Dinge nicht erzwingen kann. Du kannst nicht sagen, der Paradeiser muss jetzt am soundsovielten fertig sein. Es ist, wenn es ist. Ich habe auch viele Fehler gemacht. Ich habe geglaubt, ich brauch ein tolles Haus mit Swimmingpool, mit Gschistigschasti, alles elektronisch. Ich muss mich um den Scheißdreck kümmern, weil dauernd was kaputt wird. Daher das Konzept Holzhütte: 30 Quadratmeter, Holzofen, Sonnenkollektoren am Dachl, Trockentoilette, das hab ich jetzt in meinem Garten stehen, und meine Frau und ich leben darin. Vielleicht bekommt mein Haus einmal einen Sinn, wenn es in der Not Menschen Platz bieten kann.

FORMAT: Wie reagiert Ihr Umfeld?

Düringer: Ich hab das große Glück, ich bin ein Künstler und damit sowieso der Wahnsinnige. Sonst wäre es schwerer, weil du sicher eine Zeitlang geächtet wirst. Erklär einmal deinen Kindern: Es war nicht gescheit, was wir gemacht haben, wir ändern das jetzt – hinaus mit der PlayStation, wir haben jetzt einen Holzofen.

FORMAT: Was machen Sie mit dem Geld, das Sie verdienen?

Düringer: Circa 60 Prozent zahle ich an den Staat. Angeblich an die Gemeinschaft. Vom Rest decke ich die Kosten, die ich angehäuft habe. Reparaturen im Haus, Handygebühren, Autoversicherung. Mit dem, was übrig bleibt, probiere ich, Menschen zu helfen. Das ist das einzig Richtige, das man jetzt noch mit Geld machen kann. Weil Geld verliert an Wert, und wir wissen nicht, wie schnell das gehen kann. Jetzt ist in dem Geldschein noch ein bisschen Energie drin. Wenn ich jemandem 1.000 Euro gebe, kann ich ihm helfen. Wenn ich ihm die in einem halben Jahr gebe, kann er sich vielleicht nichts mehr kaufen. Das heißt nicht, dass ich jetzt vollkommen hysterisch überall anfange zu spenden, aber dass ich in meinem Umfeld helfe.

FORMAT: Was ist Erfolg für Sie?

Düringer: Wenn ich Schnurspringen übe, weil ich das als Kind nie konnte, und es jetzt zwei Minuten schaffe, ohne über meine Füße zu stolpern. Wenn mir das Essen, das ich koche, gut gelingt.

FORMAT: Es hat viel Resonanz gegeben, auf Ihren Auftritt in „Dorfers Donnerstalk“. Sind Sie das Gesicht der Wutbürger-Bewegung geworden?

Düringer: Um Gottes willen, ich hoffe nicht. Das bin ich überhaupt nicht. Ich bin einer, der etwas gesagt hat, was viele andere auch schon gesagt und in Büchern geschrieben haben. Das ist nichts Neues, keine Revolution.

FORMAT: Gibt es in Österreich zu viele „Konsumtrottel“?

Düringer: Nicht nur hier, überall.

FORMAT: Aber es hängen doch auch viele Arbeitsplätze am Konsum.

Düringer: Das erzählt uns die Politik.

FORMAT: Stimmt das nicht?

Düringer: Ich glaube nicht. Was macht die Industrie? Sie schaut, dass sie automatisiert und Arbeitsplätze loswird. Und damit alle eine Arbeit haben, müssen wir konsumieren, konsumieren, konsumieren. Das ist ein totaler Teufelskreis. Viele arbeiten viel zu viel. Warum muss ich 40 Stunden in der Woche arbeiten?

FORMAT: Wegen des Geldes?

Düringer: Wenn ich mit mir zufrieden bin und erkenne, was Wert hat im Leben, nämlich Zeit mit der Familie, mit dem Hund spazieren zu gehen, drei Stunden durch den Wienerwald zu wandern, Himbeeren zu pflücken und eine Marmelade daraus zu machen, die man dann verschenken kann, das ist Lebensqualität. Wenn ich in einem Geschäft etwas sehe, muss ich mich fragen, ob ich das wirklich brauche, was das an meinem Leben ändert und ob es mir danach besser geht. Nur wenn ich das mit ja, ja, ja beantworten kann, soll ich es kaufen.

FORMAT: Die Occupy-Bewegung hat die Idee, sie vertritt 99 Prozent, und es gibt ein Prozent in abgeschotteten Machtzentren. Wer sind denn die Profiteure?

Düringer: Sehr viele. Und die werden erst dann demonstrieren gehen, wenn sie vom System rausgeworfen werden. Wenn ich einen Arbeitsplatz habe, in einer Versicherung, im Media Markt, und immer mein Geld bekomme, ist das eine heile Welt. Erst wenn ich entlassen werde, ist das alles vorbei.

FORMAT: Welche Rolle spielt Politik?

Düringer: In meinem Leben relativ wenig. Klar ist man von Gesetzen abhängig, aber die beschneiden mich nicht.

FORMAT: Wählen Sie noch?

Düringer: Nein. Aber ich treffe jeden Tag Entscheidungen. In der Urne hinterlasse ich eine Nachricht wie „gültige Stimme“.

FORMAT: Wie gehen Sie damit um, dass Österreich das Triple-A-Rating verliert?

Düringer: Das hat auf mein Leben keinen Einfluss.

FORMAT: Was hätte Einfluss?

Düringer: Ich würde spüren, wenn es eine gesetzliche Verordnung gäbe, dass man nicht mehr Kabarett spielen oder Gemüse im eigenen Garten anbauen darf. Dagegen würde ich mich wehren. Ich bin ja einer der unpolitischen Kabarettisten auf der Welt. Weil mir die restlichen acht Millionen Österreicher viel wichtiger sind als die paar Politiker. Weil ich fürchte, dass jeder, wenn er Politiker wäre, das nicht anders machen würde.

FORMAT: All die Leute, die hoffen, dass Sie eine Partei gründen …

Düringer: Ich gründe sicher keine Partei. Das ist nicht meine Welt.

FORMAT: Werden Sie die Occupy-Bewegung weiter unterstützen?

Düringer: Für mich war wichtig, zu sagen, dass ich kein Wutbürger bin, dass man bei sich selbst beginnen muss.

FORMAT: Viele Leute haben Angst, dass alles nur noch schlechter wird …

Düringer: Ich habe vor Veränderungen keine Angst. Wenn man Angst hat, dass man kein Geld und keine Arbeit mehr hat, wäre es das Beste, das jetzt zu üben. Wenn ich Angst habe, im Meer zu schwimmen, übe ich im Swimmingpool. Man kann ja als Familie sagen, wir machen nächsten Monat ein Experiment: Wir schalten keinen Fernseher ein, werden einen Sack Kartoffeln haben und Mehl, werden nichts kaufen, nicht mit dem Auto fahren, machen Lagerfeuer, also einen Adventure-Urlaub daheim. Und wenn man merkt, dass das eh ganz super war, wovor soll man Angst haben?

FORMAT: Aber ganz lässt Sie die Systemkritik nicht los, auch wenn Sie kein Wutbürger sein wollen.

Düringer: Wir haben die Weihnachtszeit dafür genutzt, aus dem „Systemtrottel“-Buch ein Hörbuch zu machen. Und wir haben eine philosophische Küche abgehalten und über verschiedene Dinge gesprochen – und werden das ins Internet hineinstellen.

Interview: M. Bachler, M. Koch

ZUR PERSON: Roland Düringer ist ein vielfach ausgezeichneter Kabarettist und Schauspieler. Der gebürtige Wiener war früher Werbeträger für eine Kreditkartenfirma, leidenschaftlicher Motorradfahrer und Autosammler. Mittlerweile lebt er am Land, ist bekennender Gärtner und führt philosophische Gespräche in der Küche. Der 48-Jährige gilt seit einer Wut-Rede in der ORF-Sendung „Dorfers Donnerstalk“ als Aushängeschild der Protestbewegung. Er glaubt, Geld sei eine Illusion, und plädiert für Konsumverzicht.

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