"Wir sehen nur die Spitze des Eisberges“

"Wir sehen nur die Spitze des Eisberges“

FORMAT: Rückenbeschwerden sind die Volkskrankheit Nummer eins. Warum?

Gerold Ebenbichler: Wir bewegen uns einfach zu wenig. Arthrosen waren früher auch weit verbreitet, aber Schmerzen, die heute im Bereich der Wirbelsäule, im Rücken und Nacken auftreten, haben einen deutlichen Trigger: die Bewegungsarmut.

Ab wann muss man sich Sorgen machen?

Ebenbichler: Es beginnt bereits im Kindes- und Jugendalter. Schlechte Haltung vor dem Computer oder ungünstige Distanzen zum Bildschirm sind nur zwei Gründe, dass heute junge Leute bereits häufig Schmerzen haben.

Wie viele Menschen nehmen medizinische Hilfe in Anspruch?

Ebenbichler: Es gibt eine rezente Studie aus der Schweiz, die sich auch auf Österreich umlegen lässt. Die besagt, dass weniger als ein Drittel der Patienten mit Rückenbeschwerden tatsächlich zum Arzt gehen. Wir sehen also nur die Spitze des Eisberges. Der Rest versucht sich über Hausmittel und Selbstmanagement Linderung zu schaffen.

Was tun, damit es erst gar nicht so weit kommt?

Ebenbichler: Ausgleichsbewegungen, soweit es der Arbeitsplatz zulässt, sind wesentlich und ein Bewegungsprogramm für Schulter und Nacken ist einfach umzusetzen. Es hilft bereits, wenn man sich immer wieder während der Arbeit auflockert oder aufsteht und herumgeht.

Durch chronische Schmerzen entstehen jährlich bis zu 6,6 Mrd. Euro an direkten und indirekten Kosten.

Ebenbichler: Die direkten Kosten der Behandlung sind auch beim Rücken relativ hoch. Die höchsten Kosten entstehen aber für den Arbeitgeber, durch Abwesenheit am Arbeitsplatz, Arbeitsineffizienz, negativer Gruppendynamik. Und dann entstehen auch Folgekosten im Gesundheitssystem. Hat man Schmerzen, bewegt man sich weniger. Diabetes, Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen schreiten rascher voran.

Wie wichtig ist die Psyche bei der Entstehung von Rückenschmerzen?

Ebenbichler: Bestimmte psychische Veränderungen wie permanenter negativer Stress oder depressive Verstimmungen können Verspannungen verursachen. Daraus entstehen meist Schmerzen, das desensibilisiert Muskelstrukturen und kann den Weg in eine chronische Erkrankung ebnen. Leider ist es bei chronischen Rückenschmerzen so, dass in sehr vielen Fällen keine monokausalen Ursachen für das Problem gefunden werden.

Wie therapiert man dann Rückenbeschwerden?

Ebenbichler: Mit einem komplexeren Behandlungsansatz und einer Anamnese, die kritische Details in der Krankenakte aufspürt und auch das soziale und berufliche Umfeld ausleuchtet. Man kooperiert in einem Team aus Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Psychologen, medizinisch-technischen Assistenten und Trainingswissenschaftern. Ziel ist es, Operationen zu vermeiden und mittelfristig von Schmerzmitteln wegzukommen. Wesentlich ist, dass wir heute ein Programm auf Basis unserer Befunde exakt auf den Patienten abstimmen.

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