Kulturphilosoph Egginton: "Ein perfekter Teufelskreis"

Kulturphilosoph Egginton: "Ein perfekter Teufelskreis"

Ein Interview mit dem US-Kulturphilosophen William Egginton rund um die Schwerpunktthemen Freiheit und Sicherheit am Europäischen Forum Alpbach, Trumps Rassismus als politisches Kalkül, das "Rattennest" Baltimore und den Dauerbrenner Sicherheit im US-Wahlkampf.

trend: Donald Trump hat Baltimore, wo Sie mit Ihrer Familie leben und an der renommierten Johns Hopkins University unterrichten, als "schlimmer als Honduras" und als "widerliches, von Ratten und Nagern befallenes Drecksloch" bezeichnet. Was haben Sie gedacht, als Sie das gehört haben?
William Egginton: Trumps Breitseiten gegen Baltimore sind einfach die noch extremere Ausformung der Dynamik, die schon 2016 seinen Wahlkampf befeuert hat: die Verunglimpfung urbaner, kosmopolitischer Vielfaltsgesellschaften mit der Absicht, sich bei den vorrangig weißen konservativen Wählern in den ländlichen Gebieten beliebt zu machen. Amerikanische Städte haben erhebliche Probleme, Baltimore gehört da zweifellos zu den Härtefällen mit einer Per-capita-Mordrate, die zehnmal höher ist als die von New York, mit ganzen Straßenzügen leer stehender Häuser und der himmelschreienden Ungleichheit zwischen seiner hochgradig separiert lebenden schwarzen und weißen Bevölkerung.

Was bedeuten solche Szenarien für den Alltag in Städten wie Baltimore?
Egginton: Städte wie Baltimore sind in einem politischen Paradoxon gefangen: Die reale wirtschaftliche und soziale Unsicherheit, in der der unterdrückte, verarmte Bevölkerungsteil der Schwarzen aus den großen Städten lebt, wird in ein Unsicherheitsschreckgespenst verwandelt, um die Ängste eines anderen Teils der Bevölkerung, nämlich der nichturbanen Weißen, zu schüren. Die Angst um die persönliche Sicherheit angesichts von Gewalt ist sehr real für die, die in den betroffenen Stadtgebieten leben. Eingesetzt wird sie aber als eine Art Negativfantasie für die, die das nicht tun. Diese Fantasie lautet, dass gewalttätige, arme Nichtweiße die Ressourcen weißer Amerikaner absaugen oder gar in vorrangig weiße amerikanische Städte und Dörfer strömen und den dortigen Way of Life zerstören könnten.

Es scheint, als würde Trump immer noch eins draufsetzen. Woher kommt seine Politik der wilden rassistischen Ausritte?
Egginton: Die politische Strategie, die Trump perfektioniert hat, ist nicht im Geringsten neu. Es ist die gute alte "Southern Strategy", die unter Nixon entwickelt und schließlich von Reagan dazu benutzt wurde, um die US-Südstaaten, die seit der Zeit der Reconstruction im dritten Drittel des 19. Jahrhunderts immer demokratisch gewählt hatten, in republikanisches Kernland zu verwandeln. Die Strategie fußte auf rassistisch kodierten Zwischenrufen, die "dog whistles" genannt werden, weil sie wie Pfiffe aus Hundepfeifen funktionieren, die für die, an die sie sich richteten, besonders gut hörbar waren. Eines ihrer Hauptziele war es, weiße Südstaatler davon zu überzeugen, gegen staatliche Beihilfen und Regulierungen zu stimmen, um ihre Freiheit gegenüber einem Staat abzusichern, der vermeintlich beabsichtigte, ihnen das ihnen Zustehende wegzunehmen, um es an faule Farbige zu verteilen. Wenn Trump also die soziale Tragödie der Kriminalitätsrate und Armut von Städten wie Baltimore an den Pranger stellt, aktiviert er damit einen politischen Topos, der tief in der amerikanischen Psyche verwurzelt ist - mit außergewöhnlicher Wirkung.

Die demokratische Partei schickt in ihrem Vorwahlkampf um die Präsidentschaft neben Bernie Sanders vor allem vier linke, farbige Frauen mit Migrationshintergrund ins Rennen. Auf sie haben Trump und die Republikaner ebenfalls bereits zur Jagd geblasen.
Egginton: Donald Trumps üble Attacke auf die vier Politikerinnen, die als "the Squad" bekannt sind, ist angesichts der fast unüberbrückbaren politischen Spaltung des Landes ebenfalls eine brillante Strategie. Trump hat erkannt, dass er und seine Partei nur gewinnen können, wenn es ihnen gelingt, die Demokraten, die im Gegensatz zu den Republikanern tatsächlich politische Ideen haben, die die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen für die städtischen wie auch für die nichtstädtischen Teile des Landes verbessern könnten, als radikale Linke darzustellen. Zu Radikalen, in ihrem politischen Spektrum, haben sich allerdings eher die Republikaner entwickelt.

Eines von Trumps Argumenten: Der "Sozialismus" der vier jungen demokratischen Politikerinnen sei unamerikanisch und stehe im Widerspruch zum traditionellen US-Freiheitsbegriff ...
Egginton: Indem er die "Squad" mit seiner rassistischen Rhetorik angegriffen hat, hat Trump praktisch alle Kandidaten der Demokraten gezwungen, ihre Kolleginnen zu verteidigen. Das musste den Anschein erwecken, dass auch die Partei als Ganzes deren politische Positionen vertritt - ganz besonders betrifft das Alexandria Ocasio-Cortez' Gleichsetzung mit dem Demokratischen Sozialismus. Aber unter den Präsidentschaftskandidaten und -kandidatinnen der Demokraten ist Bernie Sanders wirklich der Einzige, der sich selbst einen Sozialisten nennt. Die ebenso linke Elizabeth Warren sagt, sie sei eine Kapitalistin. Außerdem haben die meisten Kandidaten erkannt, dass das Selbst-Labeling als Sozialisten in den USA einer Verliererstrategie gleichkommt. Selbst Bernie Sanders ist kein Sozialist im Wortsinn, sondern ein Sozialdemokrat, der glaubt, dass der Staat Verantwortung für die üblicherweise als "positive Freiheiten" bezeichneten Freiheitsrechte übernehmen muss, nämlich die Rechte auf Selbstbestimmung, Bildung, Gesundheit, Arbeit oder wirtschaftliche Sicherheit, während die sogenannten "negativen Freiheitsrechte" wie Redefreiheit oder Religionsfreiheit vor allem von der Verfassung geschützt werden.

Wie es aussieht, wird der US-Wahlkampf zum Kampf um Rassismus und Ausgrenzung. "Security first" ist eines der großen Schlagwörter von Trump. Freiheitsrechte, wie die von Ihnen genannten, erleben immer größere Einschränkungen. Warum gerät in so vielen westlichen Demokratien die Balance zwischen Sicherheit und Freiheit ins Wanken?
Egginton: Das ist die Crux an der ganzen Sache. Trumps Strategie ist es, die wirtschaftliche Unsicherheit auszunutzen und umzumünzen, indem er bei seinen Wählern Angst um ihre persönliche Sicherheit und ihren Way of Life schürt. Genau auf dieselbe Weise ist es der europäischen Rechten einschließlich der Brexiteers gelungen, an die Macht zu gelangen. Wirtschaftspolitische Richtungen, die überall in der Welt die wirtschaftliche Unsicherheit verschärfen, verstärken gleichzeitig genau die Ängste, die die Wähler dann umgekehrt dazu bringen, genau solche politischen Richtungen zu unterstützen. Es ist eine Art perfekter Teufelskreis. Um ihn zu durchbrechen, muss man sich klarmachen, dass das, was uns bedroht, nicht "die anderen" sind - ganz gleich, ob in unseren eigenen Städten oder an unseren Grenzen -, sondern die wirtschaftliche Unsicherheit. Wir müssen aufhören, Kurzschlüsse zu ziehen und jene Sicherheitsnetze zu zerstören, die unsere Entwicklungsfreiheit schützen, weil sich sonst immer mehr eine total verkürzte Vorstellung vom Staat in der Rolle eines Polizisten durchsetzt, der in erster Linie dazu da ist, uns und unser Eigentum vor inneren und äußeren Bedrohungen zu schützen.

"Die Amerikaner sind nicht zynisch, sie haben Hoffnung und glauben an die Freiheit. Der europäische Zynismus glaubt an gar nichts." Würden Sie diesem Satz der Philosophin Ágnes Heller, die als eine der großen Denkerinnen zum Thema Freiheit gilt, zustimmen?
Egginton: Ich stimme Ágnes Heller zu, dass es einen allgemeinen kulturellen Unterschied in der Art gibt, wie Amerikaner und Europäer das Problem der Freiheit und Sicherheit betrachtet haben, aber ich glaube auch, dass die beiden Seiten einander näher kommen. Traditionell haben die Europäer eine umfassendere Vorstellung von der Verantwortung des Staates für die Wahrung der Freiheit seiner Bürger gehabt und in diese Vorstellung - wie Isaiah Berlin das in einem einflussreichen Essay aus dem Jahr 1958 nannte - sowohl positive als auch negative Freiheiten inkludiert. Die Amerikaner hatten immer die Sorge, dass zu viel Staat, zum Beispiel in der Wirtschaft, eine Gefahr für die persönliche Freiheit in wirtschaftlichen Belangen bedeuten könnte. Heute jedoch verschmelzen diese zwei unterschiedlichen Freiheitsvorstellungen immer mehr zu einer neuen Vorstellung von Sicherheit: Die besagt, dass das Fernhalten von Menschen, die anders sind als wir, quasi gleichbedeutend ist mit der Freiheit, wir selbst zu sein. Unter solchen Vorzeichen ist der Staat nicht mehr dazu da, wirtschaftliche Sicherheit zu gewährleisten, sondern wird zu einer gemeinsamen, nationalen Identität umgestaltet, die vor Invasion oder Verunreinigung geschützt werden muss.

Die Ende Juli tödlich verunglückte Ágnes Heller hätte beim Europäischen Forum Alpbach 2019 die Eröffnungsrede zum diesjährigen Generalthema "Freiheit und Sicherheit" halten sollen. Was genau verlieren wir, wenn wir nach immer mehr Sicherheit schreien?
Egginton: Paradoxerweise ist es so: Je mehr wir nach unserer eigenen Sicherheit verlangen, desto mehr geben wir die Sicherheit auf, die wir brauchen, um wirklich frei sein zu können. Wir opfern unsere positiven Freiheiten für eine imaginäre negative Freiheit. Das ist eine kurzsichtige, schlecht durchdachte Strategie.

Was tritt an die Stelle der verloren gegangenen Sicherheit und Freiheit?
Egginton: Das ist ganz offensichtlich: eine nationalistisch gefärbte Atmosphäre, die vorrangig Innenschau betreibt und ihren Genuss daraus bezieht, das "Andere" auszuschließen.


Zur Person

William Egginton , 50, ist Kulturphilosoph, Literaturwissenschaftler, Buchautor und Professor an der Johns Hopkins University in Baltimore. Er schreibt regelmäßig für Medien wie die "New York Times" über gesellschafts- und kulturpolitische Themen und Literatur. Zuletzt erschien sein Buch "The Splintering of the American Mind" über das US-amerikanische Universitätsbildungssystem. Egginton ist mit der österreichischen Dokumentarfilmemacherin und Professorin Bernadette Wegenstein verheiratet und lebt in den USA und Wien.


Das Interview ist dem trend-SPEZIAL zum EUROPÄISCHEN FORUM ALPBACH vom 14. August 2019 entnommen.

Leben

Vinyl-Boom bringt Kult-Plattenspieler zurück

Kultur & Style

ePaper Download: Das Ranking der 500 wichtigsten Künstler Österreichs

Kultur & Style

★ David Bowie: Starman, Waiting in the Sky★

Slideshow

Kultur & Style

Weihnachtsbäume der Welt