Wie Uhrendesigner ticken

Wie Uhrendesigner ticken

Stille Stars: Die Designer der Uhrenszene haben keine Starallüren. Im Gegenteil, sie sind Teamplayer par excellence und brauchen vor allem viel Geduld. Denn die Entwicklung einer anspruchsvollen Uhr kann Jahre dauern.

Ohne sie wäre das Metier der Zeitmessung nur halb so spannend. Sie sind bodenständig, bescheiden und weit entfernt von egozentrisch - im Gegensatz zu ihren Kollegen in der Haute Couture stehen sie auch nicht im Rampenlicht. Teamfähigkeit ist eine der wichtigsten Tugenden, wenn es um die Kreation edler Zeitmesser geht, denn im Alleingang lässt sich keine komplexe mechanische Uhr realisieren. Zu viele Faktoren spielen mit: Die Grenzen der technischen Umsetzbarkeit, die Geometrie der Konstruktion, der Anspruch höchstmöglicher Widerstandfähigkeit, begrenzte Dimensionen, Design-Codes der Marke und vieles mehr. Werk- und Gehäusekonstrukteure, das Team der Industrialisierung, Produktmanager und Prototypenbauer arbeiten Hand in Hand und müssen manchmal Hindernisse überwinden, die nicht internen Ursprungs sind, zum Beispiel wenn der Zifferblatt-Lieferant nicht in der Lage ist, das gewünschte Design zu fertigen.

Wie in jedem Industriezweig sind die Entwicklungsabteilungen der Luxusmarken für die meisten Besucher tabu. Darf man doch in das Allerheiligste der Manufaktur vordringen, erschließt sich einem die wahre Faszination der Uhrenwelt: das unentwegte Streben nach Perfektion und die Passion, die Zeitmessung immer wieder neu zu erfinden. Und das in einem Metier, in dem es längst alles zu geben scheint.

Blick hinter die Kulissen

Ob es sich um die Realisierung einer komplexen Innovation handelt oder um den Entwurf einer ganzen Uhrenlinie - immer wird ein ganzes Team benötigt, um das Ziel zu erreichen: die Serienreife. Manchmal müssen sogar Werkzeugmacher hinzugezogen werden. In Extremfällen werden für die neuen Anforderungen der Komponentenfertigung eigene Maschinen gebaut.


Cartier stellte sich selbst die Aufgabe, ein optimal ablesbares Kalendarium zu bauen. Das Resultat beeindruckt: " Rotonde de Cartier Astrocalendaire “ (li). Piaget arbeitete rund drei Jahre an der Entwicklung der flachsten mechanischen Armbanduhr der Welt: " Altiplano 38 mm 900P “ (re) mit nur 3,65 mm Höhe

Bei IWC wird in regelmäßigen Zyklen jede der sechs Kollektionen überarbeitet. Kreativdirektor Christian Knoop und sein Team begannen vor viereinhalb Jahren, den Relaunch der "Aquatimer“ vorzubereiten, der Ende Jänner am Genfer Uhrensalon präsentiert wurde. Fast die Hälfte der Gesamtentwicklungszeit wurde dabei auf die Vorentwicklung des Drehringsystems verwendet. Mehrere Jahre für ein einziges technisches Detail, das für den Visionär Christian Knoop jedoch ein entscheidendes Element der gesamten Kollektion darstellt: "Im Gespräch mit einem unserer Ingenieure erfuhr ich von der Konzeptidee eines Außen-Innen-Drehrings, die ebenso gewagt wie faszinierend war. Ich wusste sofort, sollte dies gelingen, wäre das der Schlüssel, nach dem ich suchte, um die neue Kollektion aufzubauen.“ Nach dem Motto "design follows function“ kam die optische Gestaltung erst am Schluss der Entwicklungsphase. 2014 präsentiert IWC über ein Dutzend Aquatimer Modelle in verschiedenen Gehäusematerialien - von Edelstahl über Titan und Rotgold bis Bronze, von der einfachen Diver Automatic bis hin zum Ewigen Kalender.


Die weltweit flachste Minutenrepetition mit integriertem Tourbillon heißt " Master Ultra Thin Minute Repeater Flying Tourbillon “ von Jaeger-LeCoultre (li). Roger Dubuis bringt - ganz im Sinne des Firmengründers - eine völlig neue Kollektion unter dem Namen " Hommage “ (re) auf den Markt. Prädikat: uhrmacherisch wertvoll.

Die Entwicklung eines Werkes mit uhrmacherischer Komplikation und innovativer Technologie dauert im Schnitt drei bis fünf Jahre. Bei Jaeger-LeCoultre legte man sich für das diesjährige Messe-Highlight die Latte besonders hoch: "Wir wollten eine Uhr mit klassischem Aussehen und komplett neuer Technologie im Inneren - eine sehr komplizierte Uhr, die aber schlicht und elegant aussehen sollte“, erinnert sich Chefdesigner Janek Deleskiewicz an die ursprünglichen Vorgaben. La Grande Maison Jaeger-LeCoultre konnte bereits zuvor zahlreiche Innovationen im Bereich Tourbillon und Minutenrepetition vorweisen und verfügt über eine große Kompetenz bei ultraflachen Uhren. Die Quintessenz dieser Expertise auf allen Ebenen des Uhrenbaus ist die "Master Ultra Thin Minute Repeater Flying Tourbillon“. Extrem flache Uhren gelten an sich schon als besonders anspruchsvoll. Integriert man dann noch ein Schlagwerk für die akustische Zeitanzeige, so gehört das bestimmt zu den größten Herausforderungen für den Meisteruhrmacher.

Überraschungseffekt

Ein völlig anderes Konzept verfolgten Alexander Schmiedt, Managing Director von Montblanc Uhren, und sein Entwicklungsteam. "Wir haben über ein halbes Jahr noch einer Lösung gesucht, um Superluminova am Tag unsichtbar und in der Nacht sichtbar zu machen“, erzählt Schmiedt. Über mehrere Ecken kamen sie dann auf ein österreichisches Unternehmen - die auf Hybridkeramik spezialisierte Firma Invicon in Vorarlberg - und die perfekte Lösung: Der Stundenring des Zifferblattes wird aus dieser innovativen Hybrid-Keramik gefertigt. Die Pigmente aus Superluminova werden direkt integriert - als Bestandteil des Materials. Diese Entwicklung nahm nochmals ein Jahr in Anspruch, ermöglichte jedoch den entscheidenden, überraschenden Effekt der "mysteriösen Luminova“.


Erstmals lanciert IWC Schaffhausen ein Uhrenmodell mit Bronze-Gehäuse - eine Reminiszenz an Charles Darwin.

Diese sprichwörtliche Tugend sieht man den Uhren aus Glashütte definitiv an. Das jüngste Wunderwerk der Marke A. Lange & Söhne heißt "Richard Lange Ewiger Kalender Terraluna“. Anthony de Haas, Director Product Development bei der Lange Uhren GmbH, liebt solche Herausforderungen: "Es galt, die Vielzahl der technischen Funktionen so miteinander in Einklang zu bringen, dass die Ablesbarkeit der Zeit- und Kalenderanzeigen auf dem Zifferblatt nicht beeinträchtigt wird. Hieraus resultiert zum Beispiel die Entscheidung, die Mondphase auf der Rückseite zu platzieren.“ Eben dort wurde dafür der Platz bewusst ausgenutzt und eine besonders informative Mondphase gestaltet. So lassen sich Mondposition und -phase gleichzeitig ablesen.

Eine ungewöhnlich gestaltete Bühne für die Anzeige der Kalenderdaten bietet die "Rotonde de Cartier Astrocalendaire“. Diese völlig neuartige Interpretation einer an sich gängigen Funktion zieht unweigerlich alle Blicke auf sich. Für die kreative Konzeption ihrer Anzeigen hat sich das Entwicklungsteam offenbar am Aufbau eines Amphitheaters orientiert.


Dank der Fusion von Keramik und Leuchtmasse begeistert der Chronograph "Hommage to Nicolas Rieussec“ mit seinem wechselnden Aussehen.

Die Uhr besticht dabei nicht nur durch ihre unvergleichliche Optik, das Kalendarium lässt sich auch optimal ablesen. Dank einer konzentrischen, dreidimensionalen Anordnung geben die Anzeigen ihre Informationen auf verschiedenen Ebenen preis: Der Wochentag wird auf der untersten Ebene angezeigt, gefolgt vom Monat auf der nachfolgenden und vom Datum auf der obersten Ebene. Die letzte Funktion des Ewigen Kalenders, die Schaltjahresanzeige, wird über einen Zeiger angegeben, der sich auf der Rückseite der Uhr befindet. Ob Zifferblattkonstruktion oder Uhrwerk - im Gegensatz zum traditionellen Konzept des Ewigen Kalenders ist Cartier mit dieser Innovation eine bahnbrechende Alternative gelungen.

Highlight für Uhrenfans

Wenn es um ultra-flache Armbanduhren geht, gehören die Ateliers von Piaget zu den führenden Kompetenzzentren der Uhrenbranche. Nach über 50 Jahren Erfahrung auf diesem anspruchsvollen Gebiet sorgt Piaget mit einem weiteren Rekord für Aufsehen. Mit einer Bauhöhe von nur 3,65 Millimeter ist die "Altiplano 38 mm 900P“ die aktuell flachste Uhr der Welt. Das flachste verbaute Rädchen ist mit 0,06 mm dünner als ein menschliches Haar. Zudem entwickelte man eine neue Anordnung von Brücken, Zifferblatt und Zeigern, die das Werk bei Stößen und Erschütterungen stärker schützen.

Der Bau ultraflacher Uhren und Uhrwerke wird von Experten mit dem Bau großer Komplikationen verglichen, da Komponenten zusammengefasst und extrem verkleinert werden müssen, um die Funktionsfähigkeit und Ganggenauigkeit der Uhr beizubehalten. Zudem gehen die Toleranzen beim ultraflachen Werkebau gegen Null. Bei der Entwicklung der "Altiplano 38 mm 900P“ musste das Piaget-Entwicklungsteam über mehrere Jahre an diesen Parametern arbeiten. Das Endresultat ist eine geniale Fusion von Gehäuse, Zifferblatt und Werk, die nicht nur durch ihre erstaunlich flache Konstruktion punktet, sondern auch durch ihre bestechende Ästhetik.

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