Wie verhadert ist der Brenner? Kabarettist und Schauspieler Josef Hader im Interview

Josef Hader zählt zu Österreichs erfolgreichsten Kabarettstars. Er hat aber auch dem Brenner in den Wolf-Haas-Krimi-Verfilmungen sein ganz spezielles Profil gegeben. Ein Interview über Alter, Kirche und schlechte Kritik.

Derzeit ist Josef Hader mit seinem 2004 aus der Taufe gehobenen Programm „Hader muss weg“ höchst erfolgreich auf großer Deutschlandtour. So ganz nebenbei hat der 47-­jährige gebürtige Oberösterreicher auch bei der Berlinale Station gemacht, um seinen neuen Film „Der Knochenmann“ zu promoten. Die schwarzhumorige Krimi­groteske ist nach „Komm süßer Tod“ und „Silentium“ die dritte Umsetzung nach der kultigen Romanreihe von Wolf Haas um den phlegmatischen Teilzeit-­Privatdetektiv Simon Brenner. Das Drehbuch hat Hader gemeinsam mit Haas und Regisseur Wolfgang Murnberger erarbeitet. Am 6. 3. hat der Alpenkrimi in Österreich Premiere.

Deutschlandtour "eher gesund"
FORMAT: Macht es Spaß, Deutschland von Oldenburg bis Bad Tölz zu bereisen?
Hader: Das ist schon Stress. Aber ein Stress, den man gut aushält, weil man ja selber im Mittelpunkt und wichtig ist. Da wird man nur im eigenen Größenwahn bestätigt. Davon kriegt man keinen Herzinfarkt. Das ist eher gesund.
FORMAT: Die ersten Kritiken für den „Knochenmann“ waren phänomenal. Sind Sie auch so zufrieden?
Hader: Ich muss sagen, dass er in dem ständigen Wechsel von Schrecken, Lachen und tragischen Momenten wirklich unglaublich dicht gelungen ist.
FORMAT: Sehen Sie sich damit auch als Teil des österreichischen Filmwunders, das ja momentan medial so gehypt wird?
Hader: Ich sehe mich immer nur im Spiegel in der Früh, sonst nirgends… Es ist es für mich nicht überraschend, dass jetzt die Bestätigungen kommen. Der österreichische Film ist im Ausland immer mehr geschätzt worden.
FORMAT: Woran liegt das?
Hader: Der Österreicher hat generell keine besonders optimistische Sicht auf sich und die Umgebung. Das ist aber nicht nur schlecht. Dadurch sind auch gute künstlerische Ergebnisse möglich. Ich bin ganz zufrieden mit dem Österreicher an sich, solange er Künstler ist…

"Nahe dran, aus Kirche auszutreten"
FORMAT: Wie viel Kabarettist Hader steckt im Filmschauspieler Hader, wie verhadert ist der „Brenner“?
Hader: Die Schizophrenie ist doch ganz anders geartet. Wer ich bin, weiß ich immer. Aber ich denke nicht in Berufsbezeichnungen wie Kabarettist oder Schauspieler. Ich schreibe im Hotel immer „freiberuflich“ in den Meldezettel.
FORMAT: Zum Thema Formblatt: Sie haben oft Ihre Hassliebe zur katholischen Kirche thematisiert, waren Zögling von Stift Melk, Chorknabe und Mesner. Sind Sie immer noch Mitglied der katholischen Kirche?
Hader: Ich bin nahe dran, auszutreten. Man glaubt immer, ärger geht’s nicht mehr, aber dann merkt man: Es geht. Jene Bischöfe, von denen man vor Jahren gesagt hat, das sind die Konservativen in der Kirche, fungieren fünf Jahre später als die liberalen, weil es immer weiter nach rechts geht. Die Entwicklung ist katastrophal. Aber ich bin ja kein gläubiger Katholik, sondern Mitglied aus einer Verbundenheit, die aus den 70er-Jahren herkommt. Weil ich damals viele vernünftige Leute kennen gelernt habe, die gute Arbeit in der Kirche geleistet haben und immer noch leisten. Daher habe ich den emotionalen Schlussstrich noch nicht gezogen. Aber man kann ja nicht ewig zu einem Tierschutzverein gehören, der inzwischen von Großwild­jägern übernommen wurde…

"Realität kein Wettlauf mit Kunst"
FORMAT: Der Film „Silentium“ war eine Abrechnung mit der Bigotterie in der Kirche, im „Knochenmann“ werden Vorgänge in einem Provinz-Keller verhandelt. Hat die Realität nicht längst die kühnsten Szenarien übertroffen?
Hader: Die Kunst behandelt immer Themen, die im Leben auch vorkommen. Aber die Realität ist nie im Wettlauf mit der Kunst.
FORMAT: Erbärmlich, kaputt, zerrüttet und phlegmatisch – diese Typologie wie sie auch im „Knochen­mann“ vorherrscht, wird besonders gerne der österreichischen Mentalität zugeschrieben…
Hader: Jedes Drama funktioniert nur mit solchen Typen. Das ist aber nicht typisch österreichisch. Der Shakespeare berichtet ja auch nicht über glückliche Familien.
FORMAT: Szenen der Trostlosigkeit und grantige Dialoge haben also nichts mit österreichischen Verhältnissen zu tun?
Hader: So viel wie mit den Verhältnissen in jedem anderen Land. Wir gehen ja auch nicht her und wollen eine typisch österreichische Geschichte erzählen. Dadurch, dass wir sie erzählen, hat sie aber eine österreichische Färbung.
FORMAT: „Fargo“ aus der Südsteiermark?
Hader: Genau. Die deutschen Kritiker vergleichen den Humor des Films mit jenem der Coen-Brüder. Der schwarze Humor kann nicht von einer einzelnen Nation gepachtet werden.

Pathologen-Serie "Der Aufschneider"
FORMAT: Sie spielen Ihr Programm „Hader muss weg“ bereits seit 2004. Wann ist ein neues zu erwarten?
Hader: 2011. Üblicherweise wird das wieder ein ganz anderes Programm als das vorherige. Und „Hader muss weg“ verändert sich auch ständig. Ein Programm ist wie ein Organismus, der eine ungestüme Jugend hat und dann immer raffinierter wird – und dann muss man ganz schnell zu spielen aufhören, bevor das Programm alt und schwach wird. Ich spiele ja nicht das ganze Jahr über, sondern immer so rund hundert Abende. Dazwischen kann man andere Sachen machen, wie Drehbücher schreiben oder einen Film entwickeln.
FORMAT: Ihr lange angekündigtes Regiedebüt steht allerdings noch aus.
Hader: Ich versuche zwar immer ein Projekt allein auf die Beine zu kriegen, aber wahrscheinlich brauche ich immer jemand anderen, der mich antreibt.
FORMAT: Derzeit arbeiten Sie mit David Schalko an einem Drehbuch für eine neue Hader-Serie namens „Der Aufschneider“. Worum geht’s da?
Hader: „Der Aufschneider“ ist eine Mini-TV-Serie, sechsmal 30 Minuten, wir drehen im April und Mai. Es ist die Geschichte mehrerer Pathologen, die im Keller eines Krankenhauses arbeiten. Regie führt David Schalko. Er ist ein sehr kreativer Kopf. Wir ergänzen uns gut. Weil er ist sehr unbekümmert und ich sehr besorgt.

"Fühle mich immer älter als ich bin"
FORMAT: „Im Knochenmann“ erleben Sie eine heiße Lovestory mit Birgit Minichmayr. Wird Hader nun zum Sexsymbol?
Hader: Es ist ja nicht so, dass das abfärbt. Wenn man mit einer tollen Frau spielt, wird man selber nicht hübscher. Eher im Gegenteil. Ich habe schon einige Sexszenen in Filmen gehabt, ohne dass ich je meine Attraktivität damit hätte steigern können.
FORMAT: Sie haben eben Ihren 47. Geburtstag gefeiert. Wie ist Ihr Umgang mit dem Altern?
Hader: Das Wichtigste für einen Künstler ist, dass man den Beruf für sich inter­essant erhält, dass man immer wieder Projekte findet, die einen herausfordern, und es schafft, das zu machen, was gerade seinem Alter und Stand entspricht. Man darf sich nie auf Erwartungen und Image festnageln lassen.
FORMAT: Reden wir vom gefühlten Alter.
Hader: Das ist bei mir sehr deckungsgleich mit dem tatsächlichen. Ich fühle mich immer etwas älter als ich bin, schau aber auch so aus.
FORMAT: Kränkt Sie schlechte Kritik?
Hader: Das haut mich ziemlich aus der Bahn. Da bin ich ein paar Tage unrund. Aber ich glaube, dass das ganz wichtig ist. Denn wenn man sich seiner selbst zu ­sicher ist, kann man nichts Gutes mehr machen. Mich quält die Unsicherheit zwar manchmal schon ein wenig, aber sie ist auch ein Kapital.
FORMAT: Mir ist kein Flop von Josef Hader bekannt.
Hader: Der Misserfolg kommt sicher noch rechtzeitig mit den Altersgebrechen, damit ich doppelt getroffen bin.

Interview: Michaela Knapp

Hader im Film
„Der Knochenmann“:  Der dritte Teil der Wolf-Haas-Krimireihe um Privatdetektiv Brenner führt in eine Backhendlstation in der südsteirischen Provinz, wo der Wirt unliebsame Zeitgenossen mit dem Häcksler im Keller entsorgt. Neben Hader spielen Birgit Minichmayr, Simon Schwarz und Josef Bierbichler. Kinostart in Österreich ist am 6. März.

Hader on tour
„Hader muss weg“:  Am 31. 3. spielt Hader sein Kabarett­programm im Volkstheater (19.30 Uhr), am 1. 4. gastiert er in St. Pölten (Bühne im Hof).

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