"Wenn du Kinder begeistern kannst, musst du dich nicht am Establishment zu reiben."

Helge Schneiders durchgeknalltes Musik-Kabarett ist eine Hauptattraktion des heurigen Jazz Fests Wien. Im Interview erklärt der Komiker die Gemeinsamkeiten von Quatsch und hoher Improvisationskunst.

Als Helge Schneider vor seinem Konzert im Münchner „Zirkus Krone“ zum Interview erscheint, fährt er in einem großen, dunklen Mercedes vor. Der Wagen trägt das Nummernschild von Mülheim an der Ruhr, wo Deutschlands wohl schrägster Komiker geboren wurde und bis heute lebt. Bereits 1989, als Schneider sein Debütalbum mit dem Titel „Seine größten Erfolge“ veröffentlichte, hatte er ein Rezept gefunden, das ihn aus halb leeren Jazzclubs in ausverkaufte Hallen führen sollte. Bei seinen Auftritten bietet der 53-Jährige ein Potpourri aus absurden Erzählungen und sinnfreien Songs („Katzeklo“), zugleich treibt er seine Band zu instrumentalen Höhenflügen an. „Das ganze Geld mit Quatsch verdient“, singt der Mercedes-Fahrer in einem seiner Stücke selbstironisch – im Herzen ist Schneider, der eine Vielzahl von Instrumenten beherrscht, aber ein Jazzmusiker geblieben.

"Spiele eigentlich immer Jazz"
FORMAT: Sie treten am 3. Juli beim Jazzfest in der Wiener Staatsoper auf. Wo bewegt sich Helge Schneider denn in der Wertschätzung der Jazzkenner?
Schneider: Ich hab immer das gemacht, wozu ich Lust hatte, dazu gehört einfach rhythmisch orientierte, swingende Musik. Ich muss diesen Rhythmus haben, darüber hinaus kann ich auch immer Neues erfinden. Das gefällt mir natürlich an Jazz, denn da ist der Rhythmus wild und ungebremst. Ich spiele eigentlich immer Jazz. Und wenn 2.000 Leute kommen, sind vielleicht 20 dabei, die in die „Kaste der Jazzkenner“ fallen. Ich mache Musik für alle, natürlich auch für Jazzkenner – aber ich wäre sehr unzufrieden über meine Arbeit, wenn ich mit meiner Musik nur Menschen berühren würde, die in einer speziellen „Kaste“ vor sich hin vegetieren.

"Muss nicht so genannte 'Kopfmusik' machen"
FORMAT: Viele Künstler brauchen das Establishment aber als Reibebaum …
Schneider: Das habe ich nie gemacht. Ich bin ein Künstler fürs Volk. In der Oper spielen wir, was wir eben spielen. Das hat Lionel Hampton auch immer so gemacht, und Duke Ellington, oder wen du auch nimmst. Wenn du etwas tust, zu dem du stehst, und wenn du auch Kinder mit dem Rhythmus begeistern kannst, dann inter­essiert es dich nicht mehr, dich an einem Establishment zu reiben. Als ich angefangen habe, Jazz zu spielen, da war die Reibung natürlich da, aber eher umgekehrt: Ich wollte immer, dass die Leute die Musik, die ich mache, akzeptieren, auch wenn sie noch so kompliziert war.
FORMAT: Warum sind Kinder als Maßstab so wichtig?
Schneider: Wenn Kinder zur Musik tanzen können, dann ist das einfach ein Zeichen, dass sie die Urform der Musik, die vor dem Gespräch da war, verstehen. Bevor man sprechen und laufen kann, kann man sich rhythmisch unterhalten. Musik berührt die rudimentären Gefühle der Menschen. Da muss ich nicht etwas erfinden, das diese Gefühle extra nicht berührt, und so genannte „Kopfmusik“ machen.

"Nuschelstimme durch Zufall gefunden"
FORMAT: Man spricht bei Jazzmusikern, etwa bei Saxofonisten, immer wieder davon, dass sie „ihre Stimme finden“, wenn sie ihren Stil entwickeln. Mich inter­essiert, wie Sie Ihre typische Nuschel­stimme gefunden haben.
Schneider: Ach die – die hab ich durch Zufall gefunden. Ich habe immer schon Scat (Improvisation mit bedeutungslosen Silben, Anm.) gesungen. Was die Idee der „eigenen Stimme“ angeht, möchte ich mal Vergleiche ziehen: Der Saxofonist Sonny Rollins hat aus den 50er-Jahren viele Dokumente hinterlassen, viele Schallplatten gemacht – und in den 60ern haben die Leute geschrieben, Rollins hätte einen neuen Ton. Doch für mich stimmt das nicht. Ich finde, der Ton ist eigentlich sofort gefunden, nur muss man mit diesem Ton einfach weitermachen. Im Grunde ändert er sich nicht – er wird nur immer älter und erfahrungsreicher.
FORMAT: Wenn Sie das auf Ihre eigene Entwicklung umlegen, was heißt das dann bei Ihnen?
Schneider: Ganz einfach: Man findet den Ton sofort, und mit dem Ton macht man dann sein Leben lang Musik. Dieser Ton verändert sich andauernd, aber es bleibt der eigene Ton, wenn man nicht ­geflissentlich dahinter her ist, jemanden nachzuäffen.

"Fallenlassen ins Kindlich-Naive"
FORMAT: Ist die Nuschelstimme ein wichtiger Bestandteil Ihres Tons?
Schneider: Ja, das ist ein Bestandteil. Aber das heißt nicht, dass ich diese Lispelstimme immer und ewig habe. Manchmal habe ich sie noch, aber ich hatte sie früher extremer.
FORMAT: Inwiefern ist das Nuscheln mit dem Scat-Gesang verwandt?
Schneider: Da ist schon eine Verwandtschaft, seine Stimme zu verstellen, das macht man beim Scatten auch. Zunächst improvisiert man melodiös, dann lässt man die Melodie weg, und dann kommt so etwas zustande. Es hat aber auch etwas mit Kindsein zu tun. Es geht um dieses Fallenlassen ins Kindlich-Naive. Die Geschichten, die ich erzähle, sind in einer kindlich-nai­ven Form erzählt, aber mit einem hochintellektuellen Hintergrund und Gerüst. Die Geschichten gehen von A nach B, sie gehen über Tausende von Bewegungen.

"Beim Solo den Faden nicht verlieren"
FORMAT: Läuft so eine Geschichte von Ihnen also wie ein Jazz-Solo ab?
Schneider: Das kann ich ganz genau erklären: Beim Solo ist die Rhythmik wichtig, die Pausen, das neue Ansetzen, das Verändern, das Wieder-Zurückbringen, den Faden nicht verlieren – all das ist auch in einer erzählten Geschichte wichtig. Es stehen auch dieselben Beweggründe dahinter, nämlich zum Schluss zu kommen. Das Allerwichtigste für einen Solisten ist, dass er weiß, wann er mit dem Solo aufhört, und das auch so erklärt, dass die ­Geschichte schlüssig ist.
FORMAT: Wie stark improvisiert sind Ihre Geschichten?
Schneider: Die sind eigentlich zu hundert Prozent improvisiert, aber wenn ich sie dann einmal erzählt habe, und ich bin dann ein paar Tage später woanders, dann tauchen sie wieder auf und werden anders improvisiert. Man könnte auch sagen, sie sind zu 60 Prozent improvisiert oder zu 90 – je nachdem, wie weit die Geschichte schon in meinen Sprachschatz aufgenommen ist oder in meinen Bühnenschatz.

"Ich bin der Trend"
FORMAT: Sehen Sie Verbindungen zwischen Ihrer spontanen Kunst und aktuellen TV-Comedy-Formaten?
Schneider: Damit hab ich nichts zu tun. Es heißt ja im Fernsehen auch „Format“, das sind meistens Sachen, die irgendwo gekauft wurden und in einer bestimmten Form wieder dargeboten werden müssen. Vielleicht ist es ein altes Handwerk, was ich da mache – ich vergleiche mich mit einem ­guten Schuster, der in Handarbeit Schuhe macht, oder mit einem Schneidermeister. Wenn man da seine innere Stimme gefunden hat, kann man noch besser arbeiten: Wenn ich weiß, ich bin Schuster, dann bleib ich bei meinem Leisten und schere mich auch nicht um Moden und Trends. Wenn, dann bin ich der Trend, mit dem antiquierten Zeug, das ich da mache.

Interview: Michael Huber

Jazz Fest Wien, 29. Juni bis 9. Juli
Für Helge Schneiders Staatsopern-Konzert am 3. 7. sind noch Restkarten verfügbar (Weitere Termine: 4. 7. Salzburg/Congress, 5. 7. Innsbruck/Sparkassenplatz). Neu im Programm des Jazz Fests Wien sind die kubanische Sängerin Omara Portuondo, die für die erkrankte Mercedes Sosa einspringt (1. 7., Staatsoper); Funk-Legende Chaka Khan spielt mit Frank Zappas Ex-Keyboarder George Duke anstelle von Randy Crawford & Joe Sample, die ebenso krankheitsbedingt ausfallen (5. 7., Staatsoper). Weitere Top-Acts: Marianne Faithfull (4. 7., Staatsoper), Seun Kuti (6. 7., Rathaus, ­Arkadenhof), Solomon Burke (4. 7., Fernwärme Spittelau). www.viennajazz.org

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