"Was die Wirtschaftskrise gebracht hat, sind absurde Reglements"

"Was die Wirtschaftskrise gebracht hat, sind absurde Reglements"

FORMAT: Herr Brabeck-Letmathe, Sie stammen aus einer musikalischen Familie, ihr Grossvater war Komponist und Sänger an der Berliner Oper. Ist die Musik auch eine Leidenschaft von Ihnen?

Peter Brabeck-Letmathe: Ich bin nicht so ein leidenschaftlicher Typ. Es gibt nur wenig Zeit, wo ich Musik genieße. Denn wenn ich Musik höre, dann mache ich nichts anderes. Ich lese nicht und höre nebenbei Musik. Ich mag gute Musik: Ob Jazz oder Klassik, hin und wieder auch zeitgenössische Kompositionen. Obwohl ich diese Musik eher für eine intellektuelle als eine emotionelle Angelegenheit halte. Für mich waren aber auch die Beatles gute Musik. Das war moderner Schubert. Aber mein privates Interesse für Musik hat nichts mit dem Sponsoring von Nestlé zu tun. Da geht es um professionelle Abgrenzung: Ich muss ja meinen Aktionären Rechenschaft geben über Zeit und Geld, das wir investieren. Und man muss dem Verwaltungsrat erklären, weshalb sich ein finanzielles Engagement lohnt. Philanthropie können Privatpersonen betreiben, aber nicht ein börsennotiertes Unternehmen.

Nestlé ist der dienstälteste Sponsor der Salzburger Festspiele. Was ist der Mehrwert des Engagements?

Markus Brabeck-Letmathe: Wir haben vor über 20 Jahren mit Gerard Mortier begonnen. Unsere finanzielle Unterstützung war ausschließlich für innovative Produktionen vorgesehen. Es ist ein Engagement, bei dem wir versucht haben, gewisse Grundwerte zwischen Sponsor und Festspielen abzustimmen: Tradition und Innovation. Die Tradition war in Salzburg immer stark, wir wollten helfen, dass auch Innovation verstärkt möglich ist und auch die Jugend Zugang zu den Festspielen hat.

2014 finanzieren Sie den "Nestlé and Salzburg Festival Young Conductors Award“ bereits zum fünften Mal und präsentieren sich damit als Startrampe für Neues.

Brabeck-Letmathe: Die Innovation greift dort, wo sie auf einem gesunden Traditionssockel steht. Es geht darum, sich zu erneuern, ohne die alten Werte außer Acht zu lassen. Das versuchen wir auch im Unternehmen.

Hinterhäuser: Wenn man über das Verhältnis von Kunst und Wirtschaft spricht, muss man klar sagen: Sponsoring ist kein Altruismus, das ist ein Geschäft und ein Gegengeschäft. Aber dieses Geschäft kann man intelligent führen. Das führt dann eben zu neuen Ideen wie dem Young Conductors Award, den ich mitinitiiert habe: Ein Förderpreis für junge Dirigenten, also die nächste Generation, die die Festspiele mitprägen wird.

Der Sponsorvertrag läuft 2015 aus. Wie geht es weiter?

Brabeck-Letmathe: Wir haben ja erst 2013. Aber wir sind mit dem Projekt sehr glücklich. Es stößt auf Interesse, bei den jungen Dirigenten wie dem Publikum. Diese Konzerte sind Sternstunden geworden.

Ein Dirigent muss unterschiedliche Menschen zu Gleichklang und guter Performance bringen. Gibt es auf der Leadership-Ebene Parallelen zwischen Management und dem Führen eines Orchesters?

Brabeck-Letmathe: Es gibt Vergleichsmöglichkeiten. In beiden Fällen wird ausgeführt, was der Leader will. Daher ist es wichtig, so zu führen, dass alle das Beste ihrer Idealleistung geben, aber im Sinne des Gemeinwohls. Man muss etwas zum Klingen bringen. Unternehmungsführung ist bis zu einem gewissen Grad eine Kunst. Dazu gehört aber auch eine Unternehmenskultur, die den Rahmen setzt. Auch das Cleveland Orchestra hat wohl eine andere Kultur wie die Wiener Philharmoniker.

Hinterhäuser: Selbst Betriebe wie die Wiener Festwochen oder die Festspiele sind Unternehmen, die nach ihrer unterschiedlichen Identität geleitet werden müssen. Es gibt Parameter, an die man sich halten muss, und Freiräume. Die Erfüllung der Freiräume hat etwas mit intuitiver Intelligenz zu tun, mit Wissen, Können und Charisma. Wie motiviert man Menschen, in eine bestimmte Richtung zu denken, ohne zu viel Autorität anzuwenden? Ein guter Dirigent bringt die Musiker dazu, auf einander zu hören, ein gemeinsames Wollen zu finden und einen gemeinsamen Atem. Das ist essentiell.

Vom Young Conductors Award zum Code of Conduct, den die neuen Compliance-Bestimmungen Unternehmen abverlangen. Nach dem Antikorruptionsgesetz wird nun in der Einladungspolitik vieles kriminalisiert, was früher State of the Art war. Wie leicht ist es da, einen Sponsor zu finden bzw. einer zu sein?

Brabeck-Letmathe: Wir haben seit Beginn unserer Sponsortätigkeit in Salzburg Politiker aus der ganzen Welt geladen. Nachdem diese kritisiert wurden, sind wir aber von solchen Einladungen im großen Stil abgekommen. Heute können aber selbst unsere Partner aus der Wirtschaft auf Grund von Fragen der Compliance und des Steuerrechts kaum Einladungen annehmen. Das ist unangenehm und bei weitem übertrieben. Wir Unternehmen haben nicht so viel Macht, wie die meisten Leute glauben. Wir müssen in einem Umfeld leben, das uns die Politik vorgibt. Aber man kann natürlich dennoch Sponsorship betreiben. Man muss es nur anders ausrichten. Man kann etwa Projekte wie den "Nestlé and Salzburg Festival Young Conductors Award“ veranstalten und anlässlich dessen internationale Journalisten zu Gesprächsrunden aktueller Themen nach Salzburg einladen.

Ist es nicht absurd, Energie und Geld verbrauchen zu müssen, um compliant zu sein?

Brabeck-Letmathe: Auf der Welt ist vieles absurd. Was die letzte Wirtschaftskrise am meisten gebracht hat, sind absurde Reglements.

Hinterhäuser: Man muss aufpassen, dass eine Gesellschaft nicht in eine Form von Überreglementierung und Kleinkariertheit verfällt. Man muss sich ja mittlerweile spontane und herzliche Großzügigkeit schon verkneifen, um niemanden zu kompromittieren. Diese Verbotsgesellschaft ist eine problematische Entwicklung, die man gesellschaftspolitisch weiterdenken muss. Der gesunde Menschenverstand kommt da oft zu kurz. Eine Gesellschaft funktioniert ja auch durch Abmachungen, die einem natürlichen Umgang folgen.

Brabeck-Letmathe: Wir entwickeln uns zu einer Compliance-Gesellschaft. Wenn ich die Coporate Governance-Regeln betrachte, wird die Checkliste immer länger. Unsere Aufgabe wäre aber, Freiräume zu schaffen, in denen das Management innovativ arbeiten kann, um Werte zu schaffen. Doch die Entwicklung ist gegenläufig. Jede Krise bekommt als Antwort 5000 neue Regulierungen. Wir wollen heute den Menschen kontrollieren von dem Moment an, wo er aufwacht bis zu jenem, in dem er wieder einschläft. Und am liebsten auch noch im Schlaf.

Ist eine Gegenentwicklung absehbar?

Brabeck-Letmathe: Ich bin nicht sehr zuversichtlich. Weil es wenig Politiker gibt, die sich dafür einsetzen. Wer hätte auch Interesse daran? Man wird heute politisch nicht belohnt, wenn man eine Krise präventiv verhindert. Sie werden nur belohnt, wenn Sie als Politiker eine vorhandene Krise lösen.

Was kann die Kunst da leisten? Welche Fragen stellen?

Hinterhäuser: Große Kunst kann niemals von gesellschaftlichen Entwicklungen getrennt werden. Ergo muss man die Fragen in der Gegenwart stellen. Vieles, was mit Musik zu hat, hat mit Erinnerung zu tun. Das ist die Krise der neuen Musik, dass da das empirische Gedächtnis nicht mehr aktiviert werden kann. Erinnerung allein reicht aber nicht. Ein großartiger Satz von Paul Valéry lautet: Das Gedächtnis erwartet die Intervention des Gegenwärtigen. Man muss die Zusammenhänge und die Berührungspunkte finden auch zur Kunst des Barock oder der Renaissance. Das bereichert ein Publikum.

Das bedarf aber intensiver Vermittlung.

Hinterhäuser: Man muss sein Publikum ernst nehmen, Herz wie Kopf fordern. Ich will aber niemanden überfrachten, so dass er das Gefühl hat, er kann nur mit zwei Kilogramm Vorbildung im Gepäck eine Veranstaltung besuchen. Es geht um die Einheit von Interpret, Raum und Publikum. Wir bitten ja Menschen, das Kostbarste herzugeben, was sie haben: ihre Zeit. Wenn sich also 2000 Menschen versammeln, um einem Pianisten zuzuhören, ist das ein wertvoller Vorgang.

Ihr Programm für die Wiener Festwochen präsentieren Sie im Dezember, in Salzburg ist bis zu Ihrem Amtsantritt im Oktober 2016 noch Zeit. Alexander Pereira hat den Betrieb mit intensiver Programmierung überhitzt. Wie lautet ihre Strategie?

Hinterhäuser: Weniger ist mehr! Unter zwei Aspekten: Nach Innen muss man fragen, welche Kapazität hat ein Unternehmen, ohne, dass es überreizt wird und die Begeisterung verloren geht? Nach Außen darf es keine dauernde Aneinanderreihung von Veranstaltungen geben. Das Publikum braucht eine Navigationshilfe. Zuletzt wurden dem Publikum innerhalb von fünf Wochen 270.000 Karten angeboten! Mein Ziel ist Qualität nicht Quantität. Selbst wenn wir von Redimensionierung sprechen, reden wir bei den Salzburger Festspielen immer noch von einem Festival, das in seiner Größenordnung weltweit unvergleichbar ist.

Wie sieht das der Manager? Nestlé legt Wert auf kontinuierliches Wachstum.

Brabeck-Letmathe: Ob wir nun von Festivals oder Unternehmen reden: Was man wild wachsen lässt, wird nicht unbedingt der schönste Baum. Das Zurückstutzen ist ein notwendiger Prozess. Das machen wir in der Firma auch: Wir nennen das dann einfach Portfolio-Management. Permanente Erneuerung gehört zur Tradition der Innovation. Nur so kann ein Unternehmen langfristig bestehen.

Stichwort Innovation: Welche neuen Strukturen braucht es im Kuratorium wie bei der kaufmännischen Aufstellung der Salzburger Festspiele?

Hinterhäuser: Ich habe eine lange Geschichte bei den Festspielen. Sie werden von mir sicher nicht hören, dass die Strukturen nicht funktionieren, denn ich habe mit diesen Strukturen sehr gute Erfahrungen gemacht. Das sage ich nicht aus Opportunismus. Aber es gibt auch so etwas wie die Psychologie des Umgangs. Es ist beschränkt zu glauben, dass man die außer Acht lassen kann. Und man muss auch Kompromisse schließen können. Das macht man ja auch im Privatleben.

Weihnachten ist nicht mehr allzu weit. Was wünscht sich der Sponsor von Salzburg, was ein Kulturmanager vom Sponsor?

Brabeck-Letmathe: Wir wünschen uns, dass wir weiter Verantwortliche bei den Festspielen haben, die an der Tradition der Innovation festhalten, die weiterhin diese Festspiele so entwickeln und gestalten, dass sie weltweite Attraktivität haben und dass wir weiterhin eine gute Partnerschaft haben - aufgebaut auf die gemeinsamen Werte.

Hinterhäuser: Da bleibt mir nur wenig hinzuzufügen. Es gilt eine intelligente und kluge Form des Miteinanders zu finden, um den Begriff des Sponsoring nicht überzustrapazieren. Ich möchte aber eigentlich mit einem alten Schlager antworten: "Wenn ich mir was wünschen dürfte, möchte ich einfach glücklich sein.“

Zu den Personen:

Markus Hinterhäuser: 1959 im italienischen La Spezia geboren, absolvierte ein Klavierstudium und ist als Pianist vor allem auf die Musik des 20. Jahrhunderts spezialisiert. Der Kulturmanager (Zeitfluss-Festival, Zeit-Zone) war ab 2005 bereits fünf Jahre Konzertchef der Salzburger Festspiele und Interims-Intendant. Ab 2014 wird er, gemeinsam mit Frie Leysen, die Wiener Festwochen leiten. Im Oktober 2016 tritt er dann die Intendanz der Salzburger Festspiele an.

Peter Brabeck-Letmathe: Der 1944 in Villach geborene Manager absolvierte die Hochschule für Welthandel und trat 1968 in die Nestlé-Gruppe ein, deren aktueller Verwaltungsratspräsident er ist. Neben dem Lucerne Festival und dem Jazzfestival in Montreux sponsert Nestlé seit 1990 die Salzburger Festspiele. 2010 hat der Konzern den mit 15.000 Euro dotierten "Nestlé and Salzburg Festival Young Conductors Award“ ins Leben gerufen.

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