Was kostet die Welt? Österreichischer Dokumentarfilm „Let’s make Money“ im Kino

Ende Oktober startet der Film zur aktuellen Krise: Dokumentarfilmer Erwin Wagenhofer will in „Let’s make MONEY“ die wahren Zusammenhänge der globalen Finanzmärkte zeigen.

Ein Interview? Gerne. Josef Ackermann sagte zu, über die globalen Finanzmärkte aus Sicht der Deutschen Bank zu sprechen. Der Flug nach Frankfurt am Main war bereits gebucht, als der Vorstandsvorsitzende absagte. Peinlich: Sein Büro vergaß dabei, das interne Recherche-Ergebnis im Mail zu löschen. Die Empfehlung an Ackermann: Von einem Gespräch ist abzuraten. Für Helmut Grasser, den Produzenten von „Let’s make MONEY“, ist der Rückzieher ein Armutszeugnis: „Die neo­liberalen Experten sind zu feige, sich den Fragen Andersdenkender auszusetzen.“

Wege des Geldes
Nach „We feed the world“ spürt Erwin Wagenhofer erneut den Dynamiken einer globalisierten Welt nach. Diesmal möchte der Dokumentarfilmer nicht wissen, wie der Fisch auf unseren Teller kommt, sondern wie und wo sich „unser“ Geld auf wundersame Weise vermehrt. Anders als bei Ackermann trifft er dabei bei einigen Akteuren der internationalen Börsenwelt auf weniger Medienscheu. Jovial gewähren sie Einblick in ihr Tun. So spricht der „Guru“ der Emerging Markets, Mark ­Mobius, an seiner Wirkungsstätte in Singapur ganz nüchtern vom Leid anderer als ­Basis des Erfolgs. Während der österreichische Industrielle Mirko Kovats sein Denken scheinbar auf knappste Erkenntnisse reduziert hat. Sätze wie „Das muss man um jeden Preis kaufen. Das wird nur teurer.“ oder „Irgendwelche Diskussionen mit Gewerkschaften?“ kommen Kovats ohne einen Zweifel über die Lippen.

Abstrakte ökonomische Unvernunft
Indien, wo die ­Kamera ihn bei der Besichtigung eines neuen Werks in Madras begleitet, hält er für die Zukunft, denn: „In Europa studieren sie ­Soziologie, hier Ingenieurswissenschaft.“ Wenn Kovats spricht, dehnt er jede Silbe so, als ob er den Inhalt dadurch vollkommen versachlichen könnte, als ob seine Worte nicht Menschen gälten, sondern nur einer abstrakten ökonomischen Vernunft. Dass diese in einer Welt der Cross-Border-Leasings, der Offshores und Hedgefonds-Abenteuer aber längst verlassen wurde, gerät in „Let’s make MONEY“ nicht nur vor der aktuellen globalen Finanzkrise zum eigentlichen Zentrum des Films.

System-Error
Dabei geht es Wagenhofer nicht um Kapitalismuskritik an sich, sondern um Fehler in dessen System. Interessant ist, mit welcher didaktischen Verve Wagenhofer die weit verzweigten Zusammenhänge finanzpolitischen Handelns aufzeigt. Fast erinnert „Let’s make MONEY“ an frühere Sach- oder Lehrfilme, so wort- und inhaltszentriert ist diese Arbeit. Auch wenn Wagenhofer nur wenige Talking Heads im Bild zeigt und vielfach auf die Schauwerte der Geisterstädte der Costa del Sol (als Teil der spanischen Immobilienblase) oder der unglaublichen Bodenverwüstungen im westafrikanischen Staat Burkina Faso setzt, so lässt einen die Dichte der Informationen schon hin und wieder den Faden verlieren. Da der Film aber weniger der stringenten Narration eines Krimis folgt, sondern sein Bild mosaikartig zusammensetzt, ist das nicht so tragisch. Zudem begegnet einem das, was Wagenhofer hier in einem Stück an Fakten zusammengefügt hat, in einer in Aktualitätswerte zersplitterten Medienlandschaft nur in Glücksfällen.

US-Steuern für Wiens Öffis
Wussten Sie zum Beispiel, dass Wiens Straßenbahnen und
U-Bahnen nicht nur einem US-Investor verkauft wurden, sondern dass britische und andere Banken für die Stadt Wien seither – auf Kosten der US-Steuerzahler und in einem hochspekulativen Geschäft – Leasing­raten zahlen, sodass die Allgemeinheit ­wieder in ihren Öffis fahren kann? Für ­Argumentationen nimmt Wagenhofer sich nicht immer Zeit. Eindrucksvoll werden die die Landschaft verwüstenden Sprengungen in Ghana gezeigt, um dort Gold zu schürfen. Wie der eingeblendete Verteilungsschlüssel von 3 Prozent für Afrika, 97 Prozent für den Westen zustande kommt, bleibt unkommentiert. Wie sehr „Let’s make MONEY“ ­Normalität abbildet, wird erst das Ausmaß der Irritation des Publikums zeigen.

„Let’s make MONEY“ folgt dem Geld rund um die Welt. Die Recherche hat FORMAT-Redakteurin Corinna Milborn geleistet, die auch den Industriellen Mirko Kovats nach Indien begleitet hat. Der Film ist bei der Viennale am 29. 10. um 11 Uhr im Künstlerhaus Kino zu sehen. Regulärer Kinostart ist am 31. Oktober.

Von Gunnar Landsgesell

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