Walla.! Walla.!

An einem seiner Geburts­tage hat sich August Walla gewünscht, essen und trinken zu dürfen, so viel er will. „Er hat dann 12 Schnitzel, 20 Marmeladepalatschinken gegessen und dazu 12 Bier getrunken. Fünf Stunden hat das reichhaltige Dinner gedauert“, erinnert sich Johann Feilacher, Psychiater und künstlerischer Direktor des „Art / Brut Center Gugging“, wo Walla von 1983 bis zu seinem Tod 2001 im Haus der Künstler lebte.

Er gilt als der vielseitigste Art-brut-Künstler der Gegenwart. Großformatige Leinwände rangieren derzeit am internationalen Kunstmarkt bei 100.000 Euro und finden sich in allen großen zeitgenössischen Sammlungen. Dennoch sei Walla bei weitem noch nicht in der ganzen Vielfalt seines Œuvres erkannt, betont Feilacher. Seine tatsächliche Bedeutung für die Kunstwelt soll ab 28. März mit der von Feilacher kuratierten Schau „Weltallende“ im Museum Gugging demonstriert werden: Erstmals zeigt man den eigenwilligen Künstler nicht nur als Maler, sondern auch als Fotografen, Philosophen und Schreiber.

Der Egomane

Neben Malen und Schreiben war Essen die große Leidenschaft von August Walla. Der 140-­Kilo-Mann hat gern fünf Mahlzeiten zu sich genommen. Er tat dies, wie alles, äußerst langsam und genießerisch. Vorsorglich hat er sich einen eigenen Gewürzkanister kreiert, in dem er Maggi, Salz, Pfeffer und Öl mit sich führte, um nachzuwürzen. „Hat er aus gesundheitlichen Gründen im Haus der Künstler Diät halten müssen, hat er die Gasthäuser der Gegend unsicher gemacht und dort drei Torten gegessen. Er hat getan, was er wollte“, resümiert Feilacher. „Er hat sich sein eigenes Universum kreiert, in das er niemanden hineinließ. Er war dominant, sehr fordernd und egozentrisch. Kein freundlicher Zeitgenosse, sondern einer, der nur nach seinen eigenen Bedürfnissen gelebt hat. Ganz und gar unsozial von Kindheit an.“

Als Mädchen erzogen

Geboren wurde August Alois Walla 1936 in Klos­terneuburg als Sohn einer alten Mutter, die als stadtbekannte Außenseiterin galt. Sie erzog ihn bis zur ­Pubertät als Mädchen, um ihm den Kriegseinsatz zu ersparen. Walla kämpfte in der Folge sein Leben lang mit Identitätsproblemen. Schon in frühester Jugend begann er, künstlerisch zu arbeiten. Er malte, fotografierte und gestaltete seine Umgebung, indem er auch Häuser und Bäume mit seinen Symbolen beschriftete. Walla schuf sich seine eigene Mytho­logie mit bekannten und erfundenen Göttern. 1983 holte Leo Navratil, Leiter und Begründer des „Zentrums für Kunst-Psychotherapie“, Walla und seine 87-jährige Mutter nach Gugging. 1986 folgte Johann Feilacher als Leiter des Zentrums und benannte es in „Haus der Künstler“ um. Der Psychiater, der selbst als Bildhauer tätig ist, verbannte Begriffe wie Künstlerpatient und begann mit der Professionalisierung der künstlerischen Tätigkeit der Patienten. Nicht die Kunsttherapie, sondern die pure Kunst stand fortan im Vordergrund. Auf seine Initiative wurde mit den ersten Fassadenmalereien am Künstlerpavillon begonnen, wo nun Arbeiten von Johann Hauser, Oswald Tschirtner oder eben Walla verewigt sind. In seinem Gestaltungsdrang bemalte Walla auch jeden Winkel seines Zimmers, das nach seinem Tod als eine Art Walla-­Gedenkstätte fungiert, genannt „die kleine Sixtina“, weil der Künstler hier Figuren und Schriften seiner polytheistischen Philosophie festgehalten hat: vom Teufelgott übers Weltallende bis zur Betonung seiner Männlichkeit auf Russisch.

Lange Krankengeschichte

„Bei allen seinen Arbeiten ist immer Schrift dabei. Er hat ja schon als Jugendlicher kaum gesprochen, seine Kommunikation erfolgte durch Schrift und Zeichnung. Ein Verhalten, das zum Teil als asozial terminilogisiert wurde“, plaudert Feilacher aus der Krankengeschichte, die „ähnlich wie bei van Gogh diverse Diagnosen von der Schizophrenie bis zur Debilität festhielt“, obwohl er, wie Feilacher zurechtrückt, „überhaupt nicht geistig minderbemittelt war, er hat sich nur so verhalten“. Egal ob er Farben benötigt hat oder sich über etwas geärgert hat, Walla hat Briefe verschickt anstelle von Kontaktaufnahme. „Wenn er etwas von mir wollte“, so der Gugging-Chef, „ist er nicht in mein Zimmer gekommen, sondern hat Briefe geschrieben, an meine Privatadresse! Er hat aber auch an den Bürgermeister oder ans Stift geschrieben.“ Drei Aktenordner voll haben sich in all den Jahren an­gesammelt, über 2.000 Briefe und ­diverse Zettel, die als Faksimile in dem dieser Tage erscheinenden Prachtband „August Walla.!“ nachzulesen sind.

Walla starb 2001 an Krebs

Im Juli 2001 starb Walla an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Geld war ihm immer wichtig. Er hat Geld verdient, wusste, was seine Arbeiten in den Galerien wert waren, hat aber, wie sich Feilacher erinnert, „nie den Banken vertraut, sondern nach dem Motto ‚Nur Bares ist Wahres‘ gelebt“. Der Staat hat Walla 2001 beerbt, ­Feilacher hat dann mit der von ihm gegründeten Art Brut KEG den Nachlass aufgekauft.

Genie statt Therapie

2006 wurde auf dem Gelände der ehemaligen psychiatrischen Klinik das Museum Gugging eröffnet, wo man neben den Werken der Gugginger auch internationale Art Brut zeigt. Dem Museum ist die Privatstiftung Künstler aus Gugging angeschlossen, die den Erhalt der Werke und die professionelle Vermarktung sichern soll. Die Künstler selbst bzw. ihre Sachwalter sind Besitzer einer Produzentengalerie und zu 50 Prozent beteiligt. Das „Haus der schlafenden Vernunft“ hat der Schriftsteller Gerhard Roth das im Wienerwald, nördlich von Klosterneuburg, eingebettete Haus für Langzeitpatienten einmal genannt.

Mittlerweile ist in Gugging ein lebendiges „Art / Brut Center“ entstanden, das es auf beeindruckende Weise schafft, Kunst von Psychiatriepatienten aus dem Therapieeck zu ­holen. „Dennoch bleibt noch genügend zu tun“, betont Johann Feilacher. „Art Brut wird immer noch mit ­psychiatrischer Kunst gleichgesetzt. Das ist falsch.“ Der französische Maler Jean Dubuffet, der den Begriff einst geprägt hat, wollte damit herbe, ursprüngliche Kunst definiert wissen. Kunst, die von persönlicher, unangepasster Formensprache zeugt, frei von Trends und ohne kunsttheoretischen Hintergrund entsteht. Art Brut ist, wie der Experte nachsetzt, „kein Symptom, sondern eine Talentfrage“.

Derzeit leben zehn Personen im Haus der Künstler, sechs davon werden von der Galerie vertreten, „weil sie“, so Feilacher, „ein künstlerisches Niveau erreicht haben“. Die „Rekrutierung“ Neuer läuft ständig, denn „das fiktive Künstlerpotenzial ist bundesweit verstreut. Es gibt zwar viele Therapie-Malgruppen, aber die Ergebnisse dürfen nicht fehlinterpretiert werden: Die meisten haben höchstens handwerkliches, aber kein künstlerisches Talent. Es geht ja nicht darum, schöne Blumen zu malen, sondern um das Skurrile, Einmalige. Und diesbezüglich gibt es in der Psych­iatrie genauso wenige Talente wie draußen.“

– Michaela Knapp

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