Wall Street 2 – Money never sleeps: Gordon Gekko ist zurück

Oliver Stones „Wall Street 2“ läuft an. Manfred Gram über den geläuterten Gordon Gekko: Ein familientaugliches Feelgood- Filmchen zur Finanzkrise, das unter Beißhemmung leidet.

Die Haftstrafe verbüßt. Die Welt hat sich in acht Jahren Gefängnis aber weiter gedreht. Ziemlich schnell. Das sieht man nicht zuletzt an den „Habseligkeiten“, die dem Sträfling kurz vor den ersten Schritten in die Freiheit wieder ausgehändigt werden. Nebst goldenem Siegelring, goldener Rolex und goldener Geldklammer befindet sich auch ein gut zwei Kilogramm schweres Mobiltelefon darunter. Ein harter Knochen. Fast so hart wie der afroamerikanische Mithäftling, der mit der Stretch-Limo vor der Zuchtanstalt abgeholt wird. Instinktiv geht der zerknautscht wirkende Mann einen Schritt näher, glaubt, die Nobelkarosse sei für ihn bestimmt. Ein Irrtum, für den er noch einen wortlosen Abschiedsgruß erntet. Fensterscheibe runter, Mittelfinger raus. Willkommen zurück, Gordon Gekko!

Um sich an der Finanz- und Wirtschaftskrise respektive den Gründen dafür abzuarbeiten, drehte der New Yorker Regisseur Oliver Stone mit „Wall Street – Geld schläft nicht“ nach 23 Jahren das Sequel zu einem seiner größten filmischen Erfolge. Und haucht damit auch der Filmfigur Gordon Gekko neues Leinwandleben ein. Michael Douglas wurde für die Darstellung des glitschigen, skrupellosen Finanzgenies damals mit einem Oscar ausgezeichnet. Und auch noch von einer ganzen Börsianergeneration, die kein Problem damit hatte, die harte, gallige Kapitalismuskritik des Films auszublenden, in den Ikonenstand gehoben.

Die Trennung von Fiktion und Realität funktionierte eben Ende der 80er-Jahre nicht optimal, als Mitarbeiter von Private-Equity-Firmen, Börsen-Broker und Hedgefonds-Manager plötzlich der von Douglas verkörperten Filmfigur nacheiferten. Die Haare wurden mit Gel zurückgekämmt, die Hosenträger avancierten zur Erfolgsinsignie, und ständig intonierte man das Gekko’sche Mantra: „Gier ist gut.“ Eine Umdeutung, die von Oliver Stone so nicht gedacht und vor allem nie erwünscht war.

Apokalypse now!

Zeit, das Bild geradezurücken. Zwanzig Jahre später hat sich nämlich das System verfeinert. Banking auf Anabolika und mit Steroiden aufgepumptes Geld regieren die Welt. Wir schreiben den Spätsommer 2008. Die Börsenhäuptlinge sind härter, skrupelloser und gieriger denn je. Und noch ist die Welt in Ordnung. Wobei, ein paar Parameter haben sich schon verschoben.

Ein sichtlich gealterter und scheinbar auch geläuterter Gordon Gekko verdingt sich mit dem Buch „Ist Gier gut?“ als Autor und hält gut dotierte Vorträge. Acht Jahre Häfen gehen ja doch nicht spurlos vorbei. So prangert der Ex-Finanz-Titan nun also Maßlosigkeit und fehlenden Anstand an und prophezeit auch noch einen Systemcrash. Dass Gekko nach wie vor Killerinstinkt haben dürfte, verrät sein leises, wissendes Grinsen, das er ständig auf den Lippen trägt.

Der große Manipulator lässt sich zudem auch auf den jungen, aufstrebenden Broker Jacob (Shia LaBeouf, etwas konturschwach) ein. Der Wunderknabe ist nämlich im Begriff, Gekkos Tochter Winnie (Carey Mulligan) zu heiraten, und hat trotz unverkennbaren Gewinnstrebens so etwas wie moralische Werte, Idealismus und Gewissen. Das äußert sich in den Kreisen, in denen er verkehrt, in einer Schwäche für alternative, grüne Energien, in die er seine Kunden investieren lässt. Selbstredend, dass der junge Mann auch eine wichtige Rolle dabei spielt, dass ein ordentlich gestörtes Vater-Tochter-Verhältnis ins rechte Lot kommt. Fehlt nur noch ein richtiger Bösewicht, den es in einer Welt braucht, in der ein zahnlos gewordener Börsenhai wie Gekko seinen Herzschlag entdeckt.

Das wäre der Investmentbanker Bretton James (Josh Brolin in Spiellaune). Ein übler Charakter, der naturgemäß eher weniger von erneuerbaren Energiequellen hält und den Jacob, der für ihn arbeitet, für den Selbstmord seines Mentors und väterlichen Freundes verantwortlich macht. Als dann auch noch das Finanzsystem in sich zusammenkracht, die Immo-Blase platzt, spitzt sich alles auf zwei Fragen zu: Wann kriegt dieser Heuschreck endlich eine drauf? Und vor allem: Wie lange lässt sich der Jagdinstinkt eines leidenschaftlichen Spielers unterdrücken – wie gut ist Gekko wirklich?

Beißhemmung

Mit einigen mehr oder weniger überraschenden Plotwendungen betätigt sich Stone also wieder als Chronist von Zeitgeschichte und will nun in „Wall Street 2“ die Mechanismen erklären, die vor zwei Jahren zur Finanzkrise führten. Dabei mag sich der Regiemeister nicht recht entscheiden, ob er jetzt eine bissige Satire, ein finanzpolitisches Pamphlet oder doch ein Spiel über Moral und Anstand in einer Welt, die außer Kontrolle gerät, inszeniert.

Für deutliche Ansagen reicht es aber allemal. „Spekulationen sind die wahren Massenvernichtungswaffen“, heißt es etwa an einer Stelle. Und die Tatsache, dass Finanzspritzen vom Staat das marode System aufrechterhalten, wird trocken ironisch kommentiert: „Das ist Sozialismus. Dagegen habe ich mein ganzes Leben lang gekämpft.“ Dazwischen verliert sich Stone allerdings immer wieder in der für ihn typischen Filmsprache. Splitscreen, Überblendungen und Montagen zertrümmern peu à peu die Welt und kündigen die monetäre Apokalypse an.

Dass die Skyline von Manhattan eine tolle Metapher für Aktienkursbewegungen ist, wird dabei einige Male ausgereizt. Dass sich der Regisseur für das altbackene Bild von Seifenblasen, die in den New Yorker Himmel steigen, nicht zu schade ist, verwundert ein wenig. Irgendwie befindet man sich also in einer familientauglichen 70-Millionen-Euro-Feelgood-Produktion zum Untergang. Krisen-Aspekte werden zusammenfasst, beschrieben, der Lifestyle der Hochfinanz ins Bild gerückt, aber alles leidet ein wenig unter Beißhemmung. Und das, obwohl das Finanzmonster bereits wieder schmatzt.

- Manfred Gram

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