Von der bürgerlichen Sehnsucht nach wildem Sex

In "Das bessere Leben“ begibt sich Juliette Binoche auf sexuelle Sinnsuche. Auslöser für die privaten Umwälzungen sind zwei studierende Escort-Girls.

Paris ist ein teures Pflaster. Mieten, Lebensunterhalt und Ausgehen, das kostet. Das müssen insbesondere Studenten erkennen, die traditionell über ein niedriges Monatsbudget verfügen. Man muss sich also etwas dazuverdienen. Unangenehm, denn die typischen McJobs, die neben dem Studium betrieben werden, bringen jetzt auch nicht gerade einen warmen Geldregen. Nicht selten landen auch Studentinnen der ehrwürdigen Sorbonne in der Prostitution oder - etwas euphemistischer umschrieben - werden Mitarbeiterinnen eines Escort-Service. Eine Tatsache, die nicht mehr ganz so neu ist und schon des Öfteren thematisiert wurde. In Romanen, Sachbuch-Geständnissen, Fernsehdokus und Zeitschriftenartikeln.

Genau hier setzt die polnische Regisseurin Malgorzata Szumowska mit ihrem dritten Spielfilm "Das bessere Leben“ an. Denn die erfolgreiche Journalistin Anne, einfühlsam und nachdrücklich verkörpert von Juliette Binoche, stellt gerade so einen Zeitschriftenartikel über Studentinnen, die ihren Körper verkaufen, fertig. Ein Job, der von der erfahrenen Redakteurin, die gut situiert mit Managergatte und zwei Söhnen im Herzen der Stadt lebt, alles abverlangt. Denn in ihre schöne, schnöde Welt der Bürgerlichkeit, mit vielen Bio-Produkten im Eisschrank, klassischer Musik als Unterlegung bei den Mahlzeiten und einer Inneneinrichtung wie aus dem Designkatalog, ist die sexuelle Realität der Welt da draußen eingebrochen.

Frei(er)zeit-Studie?

Wie, das erfährt man nun sukzessive in Rückblenden. Denn für die Artikelrecherche hat Anne Lola (Anaïs Demoustier) und die polnische Sprachstudentin Alicja (Joanna Kulig) interviewt. Junge, attraktive und intelligente Frauen, die offen sprechen und so gar nicht in das Klischee ausgebeuteter Sexarbeiterinnen passen. Im Gegenteil, mit einer gewissen Freude und Faszination erzählen sie der Journalistin von ihren Erlebnissen mit den meist wohlhabenden Freiern. Männer in ihren besten Jahren, mit nicht ganz alltäglichen Vorlieben, die in der Ehe nicht so erfüllt werden können. Anne blickt in die Abgründe einer durch und durch sexualisierten Gesellschaft, ein berauschender Blick in Sexwelten, der ihr nicht ganz bekommt. Auch weil die Recherche nicht ihren Erwartungen entspricht und so zwangsläufig neue Fragen gestellt werden müssen.

Sind alle Männer und also auch ihr Mann so? Wer beutet hier eigentlich wen aus? Wie geht Sex ohne Liebe überhaupt zusammen? Was haben Herkunft und sozialer Status mit Prostitution zu tun? Fragen über Fragen tun sich auf, und ehe sich die attraktive Endvierzigerin versieht, ist sie auch schon in einem Strudel aus Scham, Schuld, Lust und Verführung gefangen.

Malgorzata Szumowska will in "Das bessere Leben“ einiges abdecken und begibt sich, wenn sie die unterschiedlichen Lebenswelten und Milieuschichten ihrer Figuren kollidieren lässt, auf sehr wackeliges Terrain. Auf der einen Seite die Journalistin, deren über die Jahre aufgebaute Prüderie langsam bröckelt und die krampfhaft versucht, ihren auf Eis gelegten Eros aufzutauen. Zwischen Berufs- und Hausfrauenalltag beginnt sie sich wieder langsam zu spüren - ein Spüren, das schon mal zum Masturbieren neben der Waschmaschine führen kann. Auf der anderen Seite die Studentinnen aus dem Plattenbau, die sich ihren sozialen Aufstieg mit aller gegebenen Härte und Abgebrühtheit erarbeiten müssen und dann, trotz aller Selbstbestimmtheit über ihre Vagina, doch nicht alles so super finden.

Das ist dramaturgisch ein dünnes Süppchen, insbesondere dann, wenn mit plumper Offensichtlichkeit auf moralischen Erkenntnisgewinn abgezielt wird. Der experimentierfreudige Schnitt und die häufigen Perspektivenwechsel der Kamera machen "Das bessere Leben“ leider auch nicht runder - im Gegenteil. Was in Erinnerung bleibt, ist eine entfesselt spielende Juliette Binoche, die den Film stemmt und damit bourgeoisen Sehnsüchten ein Gesicht gibt.

"Das bessere Leben“ ("Elles“)

Die Journalistin Anne (Juliette Binoche) lernt im Zuge einer Recherche zwei Studentinnen kennen, die neben der Uni anschaffen. Die Gespräche mit den selbstbewussten Damen verwirren und faszinieren sie. Sexuelle Sehnsüchte, die eigene Rolle als Frau und noch mehr unausgesprochene Eheprobleme sind die Folge. Ab 6. April im Kino.

Manfred Gram

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