Voller Körpereinsatz abseits des Klamauk:
Burgstar Joachim Meyerhoff im Porträt

Joachim Meyerhoff „verkörpert“ Sprache, vehement und virtuos. Ab 22. 1. spielt der Burgstar Shakespeares „Othello“ und zeigt ihn als paranoiden Kontrollfreak. Warum, erklärt er im Gespräch über Macht und Eifersucht.

Die schwarzen Ränder unter den Fingernägeln sind auch nach der Probe nicht so leicht wegzukriegen, das Schwarz soll schließlich am Mohren haften bleiben, nicht abfärben wie beim Running Gag in Georges Taboris Kultinszenierung von 1990 mit Gert Voss in der Titel­rolle. Damit kreuzt sich Joachim Meyerhoffs Weg ein weiteres Mal mit dem von Altstar Voss, dessen Mephisto-Rolle in Hartmanns „Faust I“-Inszenierung er nach Voss’ Verletzung übernommen und schnell zu seiner gemacht hat. Die medial hochgespielten Misstöne über mangelnde Kommunikation am Haus „gab es aber nie zwischen uns“, stellt Meyerhoff dazu klar: „Ich freue mich schon, wenn Gert Voss wieder übernimmt, sein Publikum wartet auf ihn.“ Joachim Meyerhoff selbst spielt am 22. Jänner bereits seine nächste große Premiere, den „Othello“ am Akademietheater.

Körpereinsatz abseits des Klamauk
Der 43-jährige Norddeutsche zählt seit September 2005 zum Ensemble des Burgtheaters und zu den Publikumslieblingen des Hauses. Im Zusammenhang mit dem temperamentvollen Körpereinsatz des 1,90-­Meter-Mannes überschlägt sich die Kritik mit Attributen von „hibbelig, drahtig, elas­tisch, federnd“ bis zu „vor Energie vibrierend“. Zu Recht. Ob in Nestroys „Höllenangst“ oder als testosterongesteuerter Benedikt in Shakespeares „Viel Lärm um nichts“, ob als getriebener Anwalt und ­Familienvater in Yasmin Rezas „Gott des Gemetzels“, als Gatte in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, als Schlingensiefs Alter Ego in „Mea Culpa“ oder eben als Mephisto in „Faust“ – Joachim Meyerhoff zeigt in der Tat Körpereinsatz, und zwar immer abseits des Klamaukhaften. Da erschließt sich einer Textkompliziertheit über den Körper, lässt aber das Akrobatische nie zur Attitüde eines Körpertheaters verkommen. Darauf fest­gelegt zu werden wäre, so der Schauspieler, dennoch schlimm: „Sehr physisch zu spielen ist mir schon ein Anliegen und macht auch Spaß, aber man soll nicht denken, ah, das ist der Meyerhoff, der turnt schon wieder rum. – Es geht immer um ein sinnvolles Extrem.“

Othello als Kontrollfreak
Bei „Othello“ geht es der Absolvent der Otto-Falckenberg-Schule erstmals ruhiger an. „Da suche ich nicht die Wildheit, sondern etwas Kontrollierteres. Mit der ­Arbeit von „Othello“-Regisseur Jan Bosse ist Meyerhoff über Jahre vertraut, mit ihm hat er bereits am Schauspielhaus Hamburg gearbeitet, in Zürich als Hamlet triumphiert und auch an der Burg „Viel Lärm um nichts“ und „Virginia Woolf“ erarbeitet. Zur Einstimmung hat sich Meyerhoff nicht nur Peter Sellars Festwochen-„Othello“ angesehen, sondern auch viele Aufnahmen alter Inszenierungen von Tabori bis Zadek: „Ich habe mich vorsätzlich in die Enge getrieben, um mich zu etwas Neuem zu quälen.“ Er sehe den zumeist als redlichen Mohren definierten Protagonisten eher als arroganten Machtmenschen. „Für mich ist das nicht so klar verteilt, Jago/Bösewicht und Othello/ Gutmensch, sondern komplizierter. Das Stück ist wahrlich kein Pamphlet für die ­Liebe, sondern eher für Misstrauen mit der bitteren Erkenntnis, dass man, auch ohne verliebt zu sein, sehr eifersüchtig sein kann. Othello ist ein paranoider Kontrollfreak, der Terror macht. Alle wollen immer seine große Liebe zu Desdemona zeigen, aber meiner Ansicht nach ist Othello zehnmal intensiver in der Eifersucht als in der ­Liebe. Er ist ­Soldat in einer düsteren Männerwelt, wo es auch sehr stark um Macht, Stolz und gekränkte Eitelkeit geht“, definiert Meyerhoff sein Rollenverständnis.

"Thea­ter und Startum passen nicht zusammen"
Das Ereignis der ­Inszenierung sei ohnehin die Desdemona, streut er dann begeistert seiner jungen Kollegin Katharina Lorenz Rosen: „Die kann so ein schönes, geschichtetes Chaos spielen, im Lachen weinen und umgekehrt, herrlich ­unberechenbar! Ich vergesse manchmal ­sogar meine Rolle, weil ich sie beobachte.“ Und man glaubt ihm die Freude sofort. Denn der Schauspieler, der vom Fachmagazin „Theater heute“ zum Schauspieler des Jahres 2007 gekürt wurde, hat keine Starallüren. „Das passt doch gar nicht zusammen: Thea­ter und Startum. Übertriebene Bekanntheit steht der Theaterarbeit eigentlich im Weg. Wenn man dann nur mehr sein Charisma verwaltet und sich die Bekanntheit über die Figur legt. Oskar Werner etwa war meist 80 Prozent Oskar Werner …“ Was seine Biografie betrifft, kann man sie wohl kaum besser schildern als Meyerhoff selbst in seiner bisher fünfteiligen Reihe „Alle Toten fliegen hoch“ – ein charmantes Spiel mit biografischen Elementen und Fiktion, das auch zum Berliner Theatertreffen geladen wurde. Der Schauspieler erzählt dabei über seine Kindheit in der Nervenheilanstalt als Sohn eines Psychia­triedirektors, beschäftigt sich mit seiner Highschool- und Basketball-Erfahrung in den USA und mit den Beinen seiner Großmutter, der Schauspielerin Inge Birkmann. Teil sechs hat am 20. 2. im Vestibül Premiere und landet da, wo Meyerhoff gelandet ist: beim Theater und seinen Tücken.

"Mich locken gar keine anderen Häuser"
Nach Jahren als Powerpaar mit Burgschauspielerin Christiane von Poelnitz, mit der er zwei Töchter hat, schaffte man es auch, gleich nach der Trennung gemeinsam zu spielen. „So komisch handwerklich ist unser Beruf“, kommentiert er heute den schwierigen Abschnitt. Große neue Paarrollen, wie bei „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, sind aber demnächst nicht geplant. Dem Glauben an die Liebe tut das ­keinen Abbruch: „Das ist das Schöne, dass die Menschensorte Schauspieler immer an die große Liebe glaubt, weil sie bei allem ­Zynismus immer romantisch bleiben. Zu­min­dest in meiner Generation. Ich bin ­Idealist und ­Optimist. Auch das hat mit Thea­terspielen zu tun. Man schenkt doch den Leuten etwas: gerichtete Kraft, Beseeltheit!“ An seiner Spiellust wird man sich in Wien weiter erfreuen können: Nach etlichen Theaterstationen, wo er meist nur zwei ­Jahre im Engagement blieb, ist Meyerhoff nun schon das fünfte Jahr am Haus. „Mich locken auch gar keine anderen Häuser; auch wenn mich Regisseure wie Wieler oder Kriegenburg interessieren, gibt es an der Burg noch viele, denen ich begegnen möchte, von Alvis Hermanis über Luc Bondy bis Andrea Breth. Auch mit Dieter Giesing würde ich gerne wieder arbeiten. Das hat sich hier noch ­lange nicht erschöpft.“ Nach der „Othello“-Premiere will er sich zudem verstärkt Zeit fürs Schreiben nehmen.

Michaela Knapp

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