Viennale Direktor Hans Hurch im Gespräch

Just zum 50-Jahre-Jubiläum der Viennale tobt zwischen dem provokanten Festival-Direktor Hans Hurch und heimischen Filmemachern ein Sturm im Wasserglas.

Viennale Direktor Hans Hurch im Gespräch

Vor einiger Zeit ging der in Wien zwar gut bekannte, aber keineswegs allgegenwärtige Direktor der Viennale, Hans Hurch, ins Traditionswirtshaus Figlmüller und wurde prompt wie eine Berühmtheit bedient. "Das glaubt mir keiner“, so die Wirtin, "dass Sie bei uns eine Schnitzelsemmel kaufen.“ Er nahm’s erstaunt hin.

Ein paar Wochen später bekam Hurch bei einem Besuch des Filmfestivals Locarno vom Kurator ein Katzenbuch geschenkt. Seltsam, dachte er, wo ich doch eine Katzenallergie habe.

Und jüngst, mitten unter den aufreibenden Vorbereitungsarbeiten für das heurige 50. Jubiläum der Viennale, suchte er kurz Entspannung in seinem Stammcafé Engländer. Sogleich lud ihn eine ihm angeblich nicht näher bekannte Dame auf einen Drink ein. "Wegen der alten Zeiten“, meinte sie augenzwinkernd. "Entschuldigung, wie meinen?“, so Hurch verdutzt. "Na geh, waaßt eh“, stupste ihn die Lady am Ellbogen. "Tut mir leid, ich kann mich wirklich nicht erinnern.“ - "Eh kloar. Jetzt, auf amoi.“ Und so weiter und so fort. Bis es Hurch endlich dämmerte: Er war zum dritten Mal verwechselt worden. "Und zwar mit einer wahren Berühmtheit - mit Manfred Deix.“

Vom Kritiker zum Kurator

Wenn sich Hurch kleiner machen will, als er zu sein glaubt, erzählt er auch gern die Schnurre mit Lauren Bacall, dem Viennale-Stargast 2004. Kurz bevor sie in glanzvoller Robe die Bühne des Gartenbaukinos emporschritt, raunte sie dem notorisch in post-existenzialistisches Schwarz gekleideten, wie üblich unrasierten Impresario spitz zu: "I think you are slightly underdressed.“ Hurch: "Ich hab mich gefühlt wie der letzte Sandler und mir später beim Abendessen das erste Mal seit der Firmung eine Krawatte umgebunden.“ Doch Bacall ließ ihn nicht von der Schaufel: "Ganz nett. Aber der falsche Anlass.“

Vielleicht sind solche Geschichten aber nicht der Koketterie, sondern bloß Hurchs Lust an der Anekdote geschuldet. Denn immerhin dreht der knapp 60-jährige gebürtige Schärdinger seit gut 20 Jahren ein nicht ganz kleines Rad im Wiener Kulturbetrieb. Er ist Anfang der 70er-Jahre zum Kunstgeschichte- und Archäologiestudium nach Wien gekommen, das er hauptsächlich durch das damals sehr lukrative Wildplakatieren (zehn Schilling pro Plakat) finanzierte, aber nach einigen Jahren für den Job des Kultur- und Filmkritikers bei der Stadtzeitung "Falter“ abbrach.

Weil er Vernünftiges schrieb, bekam er schnell kleinere Kuratoren-Aufträge im Stadtkino und bei den Wiener Festwochen. 1994, nach ein paar Jahren als Regieassistent in Berlin, wurde ihm vom damaligen Kulturminister Rudolf Scholten für drei Jahre die Verantwortung für das 40-Millionen-Schilling-Projekt "Hundertjahrekino“ übertragen. Und 1997 machte ihn die Stadträtin Ursula Pasterk als Nachfolger von Edwin Zbonek, Otto Wladika, Helmuth Dimko, Reinhard Pyrker, Werner Herzog, Wolfgang Ainberger und Alexander Horvath zum achten Direktor der Viennale. Seither darf er sich rund 800 Filme im Jahr ansehen.

In den vergangenen 15 Jahren ist es Hurch gelungen, die Viennale mit jährlich rund 100.000 Besuchern bei einem vergleichsweise geringen Budget von drei Millionen Euro als fixe Größe im immer unübersichtlicheren Reigen internationaler Filmfestspiele zu positionieren. "Erstens kommen die Leute gerne nach Wien“, sagt Hurch. "Zweitens bietet die Viennale am Ende des Jahres einen guten Überblick über das aktuelle Filmgeschehen. Und drittens müssen wir nicht mit großen Wettbewerbsfestivals wie Berlin, Cannes oder Venedig konkurrieren. So ist es meist auch gar nicht schwer und teuer, internationale Filmprominenz hierherzulocken.“ Nicht zuletzt wegen dieser Konstanz wurde im Vorjahr sein Vertrag bis 2016 verlängert.

Sturm im Wasserglas

In der hiesigen Filmszene hat sich Hurch indes nicht allzu viele Freunde gemacht. Das liegt manchmal an listigem Taktieren, das ihn etwa von seinem alten Spezi, Dor-Film-Chef Kurt Stocker, dem er das Gartenbaukino als Spielstätte vor der Nase wegschnappte, entzweite. Meistens aber am losen Mundwerk des "wilden Mannes“ (Hurch über Hurch), das weder vor dem heimischen Starregisseur Michael Haneke ("ästhetische Komplizenschaft mit der Gewalt“) noch vor dem Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann ("halbgebildeter Cabriofahrer“) und schon gar nicht vor heimischen Filmemachern haltmacht, die sich von ihm ungerecht behandelt fühlen.

Den jüngsten Sturm im Wasserglas entfachte vor wenigen Tagen ein Disput mit dem österreichischen Erfolgsregisseur Ulrich Seidl über die Viennale-Spieltermine seiner beiden jüngsten Werke "Paradies Liebe“ und "Paradies Glaube“. Ursprünglich war vereinbart, beide Streifen zu Allerheiligen und Allerseelen um jeweils 18 Uhr im Gartenbaukino zu zeigen. Der Regisseur urgierte tags darauf Primetime-Termine um 20.30 Uhr, was Hurch aus Programmgründen ablehnte. Seidl ging beleidigt an die Öffentlichkeit und der hiesige Regieverband flugs auf solidarischen Konfrontationskurs mit Hurch wegen "des zutiefst befremdlichen Verhältnisses der Viennale zum österreichischen Film“. Mehr haben sie nicht gebraucht.

Da zwischen den Zeilen der Vorwurf der Zensur mitschwingt, fühlt sich Hurch sowohl in seiner Kredibilität als auch seiner Unabhängigkeit bedroht. "Mir einen Spieltermin diktieren zu wollen, und dann den Film zurückzuziehen, betrachte ich als inhaltlichen Eingriff in die Autonomie der Viennale“, poltert er im FORMAT-Interview und nimmt die Angelegenheit zum Anlass, sich etwas grundsätzlichere Gedanken über das heimische Film- und Förderwesen zu machen.

FORMAT: Offenbart der Seidl-Konflikt tatsächlich Ihr Verhältnis zum österreichischen Film?

Hans Hurch: Ich habe die beiden Seidl-Filme gesehen und sehr interessant gefunden. Aber es sind zwei von 140 Filmen. Die Viennale ist ein internationales Filmfestival und der österreichische Film ein Teil davon. Ich entscheide, welche Filme, auch österreichische, ich zu welchen Terminen zeige oder auch nicht. Darin liegen meine Aufgabe, Verantwortung und die Autonomie der Viennale.

Implizit wird Ihnen Willkür vorgeworfen.

Hurch: In Wahrheit habe ich den österreichischen Film in den letzten Jahren bevorzugt behandelt. Das österreichische Kino ist auch heuer mit zehn Lang- und zehn Kurzfilmen bei der Viennale im Vergleich zum holländischen oder irischen Film klar überrepräsentiert. Ich behalte es mir jedenfalls vor, die letzten Entscheidungen zu treffen. Das österreichische Kino hat keinen Anspruch darauf, bei der Viennale mehr oder anders als jedes andere Land gezeigt zu werden. Es ist nicht die Aufgabe der Viennale, eine Plattform für den österreichischen Film zu bieten. Dafür gibt es die Diagonale in Graz.

Fürchten Sie tatsächlich um Ihre Programmautonomie? Sie sitzen doch fest im Sattel.

Hurch: Wenn ich mich den Wünschen der Filmemacher füge, warum dann nicht auch den Wünschen der Produzenten, der Verleiher, der Sponsoren, der Politik? Was ist der Unterschied? Die Viennale ist doch kein Festival on demand. Wir sind kein Wurlitzer: Sie wünschen, wir spielen. Na, sicher nicht. Der Seidl soll doch mal zum ORF gehen und sagen, er will seinen Film an einem Feiertag im Hauptabendprogramm gesendet haben. Das möchte ich gern erleben.

Worin sehen Sie die tiefere Ursache dieses Konflikts mit den österreichischen Filmemachern?

Hurch: Was sie wirklich ärgert, ist, dass ich mich auf Augenhöhe mit Filmemachern weltweit bewege. Es ärgert sie, dass ich sage: Die Viennale hat genauso ihre künstlerische Form, die ich verteidigen muss wie ein Filmemacher seine. Und die Viennale ist nicht für die Filmemacher da, sie ist für alle da.

Sind Ihre Auseinandersetzungen mit der heimischen Filmszene nicht fast schon notorisch?

Hurch: Die heimische Szene ist sowohl klein als auch kleinlich. Die österreichischen Filmemacher sind sehr wehleidig und vertragen nicht, wenn man sie kritisiert. Sie sind an einem inhaltlichen Diskurs überhaupt nicht interessiert, sondern schreien gleich Majestätsbeleidigung. Gerade die, die selbst provokante Filme machen. Ich komme immer mehr drauf, dass das mit der Beengtheit des Landes zusammenhängt. Laut Karl Kraus sitzen bei uns die Genies so dicht gedrängt an den Kaffeehaustischen, dass sie sich gegenseitig an der Entfaltung hindern. Auch die Filmszene ist abgeschlossen bis inzestuös, ich schließe mich da gar nicht aus. Das hängt auch mit dem Fördersystem zusammen.

Was würden Sie da ändern?

Hurch: Ich würde eine ästhetisch-inhaltliche Evaluierung versuchen, nicht nur eine nach rein ökonomischen Rahmenbedingungen. Außerdem würde ich die Filmemacher und Produzenten aus den Fördergremien entfernen. Trotz Rechnungshof-Kritik ist es ja noch immer so, dass sich die Hunde selber die Würstel zuteilen. Das ist nicht gut, ein selbstreferenzielles System. Aber genau das ist ja die größte Angst der Filmemacher: dass in einem Gremium dann so einer wie der Hurch über Gelder entscheidet, der auch inhaltliche Aspekte berücksichtigt.

Welche denn?

Hurch: Man muss sich immer fragen: Warum kriegt ein selbst ernannter Filmemacher Geld dafür, dass er einen Streifen machen darf? Ein Kritiker hat mal über einen berühmten Filmemacher gesagt: Hätte er Brücken gebaut, wäre er ein Verbrecher. Im Übrigen darf ich ja auch weder am offenen Herzen, nicht einmal einen Blinddarm operieren, weil ich sonst ein Menschenleben gefährden würde.

Ein kühner Vergleich.

Hurch: Ein Film bringt dich zwar nicht in Lebensgefahr, aber er tut was mir dir, er verändert dich. Warum wird man denn geil, wenn man einen Porno ansieht? Ein Film ist etwas Lebendiges. Daher die Verantwortung von Filmemachern gegenüber der Gesellschaft, der sich auch das Förderwesen nicht entziehen kann. So wie ich bei der Viennale, sollte jeder, der öffentliche Filmgelder vergibt, persönlich zur Verantwortung gezogen werden können.

Viennale 2012: 25. 10. bis 7. 11. Der Ticketvorverkauf startet am 20. 10., 10 Uhr. Alle Infos: www.viennale.at oder Freeline 0800 664 012.

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