Viennale 2011: 20.10.- 2.11.

Neben österreichischen Filmgrößen, wie zum Beispiel Ulrich Seidl, der erstmals einen intimen Einblick in seine Arbeitsweise gewährt, kommen auch zahlreiche internationale Berühmtheiten zur 49. Viennale nach Wien: Harry Belafonte, David Cronenberg, Nanni Moretti, Jeremy Thomas, Chantal Akerman, Genesis P-Orridge, der Hongkong-Filmemacher Soi Cheang und viele mehr.

Das Ende der Unschuldsvermutung

Mit dem Statement „Das regt mich alles maßlos auf“ brachte Viennale-Direktor Hans Hurch seine Befindlichkeit in puncto österreichische Politik und Gesellschaft in einem profil-Interview auf den Punkt. In dem kurzen Text 'Zum Festival' 2011 legt er konsequent nach:

Es vergeht kein Tag, an dem nicht neue politische Enthüllungen und Skandale an die Öffentlichkeit dringen. Und das Erschreckende dabei ist nicht das Ausmaß und Schwerwiegende dieser Vorfälle, sondern das Selbstverständliche und die Unverfrorenheit mit der die politische Klasse die ihr anvertraute Macht missbraucht, demokratische Institutionen verhöhnt, Gesetzte missachtet und sich an Korruption beteiligt.(...) Inzwischen gilt für niemanden mehr die Unschuldsvermutung.

Alles richtig und wichtig – nun aber zum Thema, zum Film:

Das Festival 2011

Cinephile Blockbuster wie der Eröffnungsfilm ‚Le Havre’, ‚Melancholia’, ‚Habemus Papam’ oder ‚Dangerous Method’ in allen Ehren, aber:
1. sind diese Vorstellungen hoffnungslos überbucht (Lt. Viennale Pressemitteilung wurden am ersten Verkaufwochenende 40.000 Karten abgesetzt) und
2. laufen diese Filme in Kürze regulär im Kino. Wenden wir uns also – aus den vielen Programmpunkten des heurigen Festivals – den 'Tributes' zu, für die es jedenfalls noch Karten gibt. Zum 50er Jubiläum der Viennale im nächsten Jahr wird, so hört man, an einer Neustrukturierung des Festivals gearbeitet.

Die Tributes der 49. Viennale:

Harry Belafonte

Harry Belafonte und Sidney Portier waren Vorkämpfer und Wegbereiter eines schwarzen Hollywoodkinos, das in den 1950er- und 60er Jahren selbstbewußt in das amerikanischen Mainstreamkino drängte. Dem großen 84-jährigen Sänger, der in 18 Spielfilmen mitwirkte, wird mit 'Carmen Jones', 'Kansas City', 'Odds against Tomorrow', 'Uptown Saturday Night' und 'The World, the Flesh and the Devil' Tibut gezollt.

Jeremy Thomas

Seit 35 Jahre stellt der Brite Jeremy Thomas Filme her, sein Vater Ralph war ebenso Regisseur wie Onkel Gerald Thomas. Die Viennale zeigt einen Ausschnitt seines Schaffens. Besondere Aufmerksamkeit verdienen folgende
Werke:

‚Bad Timing’ (Nicolas Roeg, GB 1980)
Schauplatz Wien: Art Garfunkel und Theresa Russell deklinieren eine Amour fou psychoanalytischer Verhaltensmuster durch. Und: Harvey Keitel spielt Inspektor Netusil. Not to be missed.

‚Merry Christmas, Mr. Lawrence’ (Oshima Nagisa, GB/JAPAN 1982)
Zwei Popstars, David Bowie und Sakamoto Ryuichi, treffen in einem Männerfilm aufeinander. Setting: 1942, 2. Weltkrieg, ein japanisches Gefangenenlager auf Java.

‚Naked Lunch’ (David Cronenberg, GB/Kanada/Japan 1991)
Grenz-geniale William S. Burroughs-Verfilmung: Kammerjäger Bill (großartig: Peter Weller) und seine Frau Joan (komplett weggetreten: Judy Davies) sind auf Insektenpulver unterwegs. Paranoia, Halluzinationen und Wahnsinn inklusive.

‚Sexy Beast’ (Jonathan Glazer, GB/E/USA 2000)
Alter Gangster plant legtzten Coup. Ghandi-Darsteller Ben Kingsley brilliert als fluchender ('fuck', 'cunt' etc.) Soziopath.

‚The Shout’ (Jerzy Skolimowski, GB 1978)
Magischer, irrer Film – erzählt in Rückblenden während eines Kricketspiels in einer Irrenanstalt – von Solitär Skolimowski, der mit ‚Essential Killing’ einen der stärksten Filme zur Viennale 2010 brachte. Klassisch besetzt mit Alan Bates, John Hurt und Susannah York.

Eine Entdeckung: Soi Cheang

7 Filme von Honkong-Regisseur Soi Cheang, einem der aufregendsten Filmemacher der Gegenwart, und hierzulande leider fast unbekannt, gilt es dieses Jahr zu entdecken. Die Viennale ist das erste Festival, das dem stilsicheren Hongkong-Regisseur Soi Cheang eine Werkschau widmet.

Die Retrospektive: Viennale-Österreichisches Filmmuseum
6.Oktober - 3. November

Das Österreichische Filmmuseum befasst sich ausführlich mit der belgischen Filmemacherin Chantal Akermann. Die Werkschau umfasst 30 Arbeiten, ergänzt wird das Programm um eine feine Carte Blanche mit Werken von Pasolini, Wong Kar-wai, Godard, Straub & Huillet, Fassbinder, Hitchcock, Gus van Sant und anderen Größen.

Chantal Akerman ist von 28. und 31. Oktober Gast des Österreichischen Filmmuseum.

Infos und Programm: www.filmmuseum.at

Blood-Sex-Magick

Der Titel ist Programm: Genesis P-Orridge, seit Jahrzehnten kompromisslos an der Schnittstelle von Industrial (Throbbing Gristle), Psychodelic (Psychic TV) radikaler Installations- und Performancekunst im Geiste der Wiener Aktionisten tätig, kommt leibhaftig nach Wien, um am 29. Oktober im Porgy & Bess zu konzertieren. Eine Ausstellung (Galerie König, Schleifmühlgasse 12, Eröffnung: 25.10.) und die Dokumentation ‚The Ballad of Genesis and Lady Jaye’ belegen außerdem sein ultraschräges Schaffen.

Lt. Viennale-Pressemitteilung von Mo, 24.10, 15.30, hat Genesis P-Orridge gesundheitlicher Gründe wegen die Teilnahme an der Viennale abgesagt. Die Kontertkarten können im Progy & Bess und bei den Viennale-Verkaufstellen zurück gegeben werden.

Alle Infos und Programm auf: www.viennale.at

-Marko Locatin (FORMAT-Online)

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