Vienna Art Week: FORMAT sondiert zum Festivalbeginn die Lage am Kunstmarkt

Anlässlich der Vienna Art Week sprach FORMAT mit Künstlern, Theoretikern, Galeristen & Sammlern, wie es derzeit um die Kunst und ihren Markt tatsächlich steht.

Guter Auftakt bei den Herbst­auktionen in New York: ­Sowohl Christie’s als auch Sotheby’s boten Werke aus namhaften US-Sammlungen an. Erstmals gab es wieder mehr Provenienz fürs Geld, die Sammler reagierten mit unverhohlen ausgelebter Kauffreude. Erste Anzeichen für eine Besserung der Lage? Oder Bestätigung des vor dem Hintergrund der Finanzkrise viel zitierten Satzes, dass die Krise letztlich gut für die Kunst sei? „Die Regulierung des Marktes ist ein Mythos“, setzt die deutsche Kunsttheore­tikerin Isabelle Graw dem strikt entgegen. „Der Markt verfährt immer arbiträr und ungerecht.“ Die für ihre expliziten Ansagen bekannte Publizistin, die mit ihrem Band „Der große Preis – Kunst zwischen Markt und Celebrity Culture“ (DuMont, € 19,90) für Aufsehen sorgte, gehört zu den Ex­perten der Vienna Art Week. Das Fes­tival geht mittlerweile in die fünfte Runde und lädt heuer wieder mit zahlreichen Performances, Symposien und Atelierbesuchen zu einem Dialog über aktuelle, eventuell krisen­bedingte Tendenzen in der Kunst und ihrem Markt. „Gerade in dem Moment, wo der allgemeine Glaube an Marktwerte erschüttert ist, wird die Betonung des Inhalts, also der symbolischen Bedeutung, wichtiger denn je“, sagt Graw. „Wir haben es derzeit aber mit einem konservativen Schwenk dahingehend zu tun, dass man glaubt, nur Meisterwerke seien wirklich sichere Investitionen: von Picasso über Bacon bis Kippenberger. Das geht zu Lasten von jüngeren Künstlern wie progressiveren, konzeptuelleren Positionen.“

Sperrmüll wird Kunst
„Über den Markt darf man sich nicht zu sehr den Kopf zerbrechen“, sieht das Objektkünstler Fabian Seiz entspannt (im Bild: Seiz’ „Paternoster Naked“, 2008, bei Layr Wuestenhagen) . Der 34-jährige Wiener ist einer jener Künstler, die man bei den ­Studio-Visits innerhalb der Art Week besuchen kann. Sein Atelier entpuppt sich als üppiges Materiallager, in dem der Künstler selbst penibel Sperrmüll sortiert: Kisten mit Holzleisten, Spiegelfolien, Spanplatten und Fahrradschläuchen – alles, was man so in Containern findet, ist hier gelagert. Mittlerweile wird Seiz das Material schon ins Haus gebracht. Man weiß, dass er auch Einbauschränke in ­abstrakte Kunstobjekte verwandelt. Wobei es nicht um den Recyclinggedanken geht, sondern, wie er betont, „darum, die Ästhetik des Gewohnten zu durchbrechen“. Die Arbeiten entstehen nach Skizzen, denn ­eigentlich hat Seiz Malerei studiert, ehe er seine Arbeit ab 2001 ins Dreidimensionale ausgeweitet hat. Seiz ist keiner, der seine Selbstvermarktung schonungslos betreibt, also auf jeder Kunstparty der Kollegen zu finden ist, weiß aber souverän sein Netzwerk einzusetzen. Dass der Beruf des Künstlers „kein Honigschlecken ist“, hat der Sohn eines Künstlerpaares von Kindesbeinen an mitbekommen. Abgeschreckt hat ihn das nicht. Gemeinsam mit seiner Galerie Layr Wuestenhagen hat er mittlerweile eine international verankerte Sammlerschaft für seine eigenwilligen Objekte aufgebaut und ist in wesentlichen Sammlungen vertreten. „Vielleicht arbeiten wir nun mit weniger Sammlern, dafür aber ­intensiver“, analysiert Emanuel Layr von Layr Wuestenhagen die Marktlage.

Kunst als "Experience Tool"
„Kunst wird immer mehr, was man in der US-Soziologie ein ‚Experience Tool‘ nennt, also etwas, das Erfahrung verheißt“, liefert Theoretikerin Graw den Hintergrund. „Wenn man sich die Lifestylemagazine durchblättert, merkt man aber, dass seit dem Zusammenbruch von Lehman der Anteil an Berichterstattung über Künstler und Vernissagen zurück­gegangen ist. Nicht aber die Motivation der Sammler.“ – „Der Markt hat sich als Ganzes nicht wirklich verändert“, betont auch Matthias Herrmann aus seiner Doppelposition als Fotokünstler und Professor an der Akademie der bildenden Künste. „Man muss den angehenden Künstlern die Werkzeuge geben, sich in diesem System zurechtfinden zu können. Es ist wichtig, dass man die Marktmechanismen kennen lernt, um dann für sich selber zu entscheiden, ob man sich diesem System aussetzen möchte. Aber in Österreich war und ist der Markt nicht so virulent wie etwa in England, wo Galeristen die besten Studenten gleich von den Kunstschule wegengagieren.“ Hierzulande gehe es vor allem darum, die Studen­ten von einer gewissen „Die-Kunstwelt-wartet-auf-mich-Naivität“ wegzubringen.
Denn, so Herrmann: „Die Kunstwelt wartet natürlich auf niemanden! Es gibt weit mehr gute Künstler, als Stars werden können. Die Qualität der Arbeit ist wichtig, aber man muss auch die richtigen Leute kennen und zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.“ Wie die Kunstgeschichte dann ein Œuvre bewertet, ist wieder eine ganz andere Sache. „Das ganze Wertesystem der letzten Jahre ist ins Wanken geraten“, bestätigt Marktanalystin Isabelle­ Graw. „Plötzlich fallen Künstlernamen, an die noch vor zwei Jahren alle geglaubt haben, der Vergessenheit anheim. Das zeigt: Es gibt Lücken in diesem System.“ Und das wiederum sollte Mut machen.

Essl betrachtet 'Aspekte des Sammelns'
Wie unterschiedlich selbst auf höchstem Niveau gesammelt und gewertet wird, demonstriert eine Schau im Essl Museum. Der Privatsammler Karlheinz Essl hat zehn ­internationale Ausstellungshäuser einge­laden, am Projekt „Aspekte des Sammelns“ mitzuarbeiten. Jedes Museum erhielt 200.000 Euro für den Ankauf von zeitgenössischer Kunst. Nach der Präsentation im Essl Museum wandern die Ex­ponate als Dauerleihgabe in die jeweiligen Häuser. Die nun entstandene Schau zeigt die Fülle an Möglichkeiten, Sammlungen zu erweitern und zu vertiefen. Während manche Institutionen eine einzelne Arbeit eines Big Name erworben haben, inves­tierten andere in 30 unterschiedliche Werke junger Kunst. Karlheinz Essl sieht das Projekt vor allem als Statement zur öffentli­chen Sammlungspolitik: „Gerade in Zeiten, in denen staatliche Museen kaum noch die Möglichkeit haben, ihre Sammlungen zu erweitern, wollen wir einen Beitrag leisten, die öffentliche Diskussion über die Bedeutung von Sammlungen und ihrer individuellen Konzepte anzuregen.“

Michaela Knapp

Vienna Art Week, 16.–22. 11.
„Verführung zur Kunst“ ist das Motto der heuer zum fünften Mal stattfindenden Veranstaltungsreihe mit über 60 Events und Eröffnungen, bei der auch Künstler, Architekten und Designer ihre Studios und Ateliers öffnen. Detaillierte Info: www.viennaartweek.at

Aspekte des Sammelns
Karlheinz Essl hat zehn internationale Museumsdirektoren von Städelmuseum Frankfurt bis Tate Liverpool eingeladen, mit ­seinem Budget einzukaufen. Essl ­Museum, Eröffnung: 19. 11., 19.30 Uhr.

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