"Verfügbarkeit einschränken“

"Verfügbarkeit einschränken“

FORMAT: In Ihrem Buch "Junkies wie wir“ beschreiben Sie eine Suchtgesellschaft abseits von Drogen. Wo lauern denn überall Gefahren?

Kurosch Yazdi: Sucht ist kein Randgruppenphänomen. Vor allem Verhaltenssüchte wie Kaufsucht, Internetsucht und Spielsucht sind in der gesellschaftlichen Mitte angekommen. Jeder von uns kann süchtig werden, denn es ist Teil unserer normalen Gehirnfunktion, dass wir im Bereich des Belohnungssystems ein Suchtgedächtnis entwickeln.

Wonach kann man süchtig werden?

Yazdi: Nach allem, was das Belohnungssystem im Gehirn erfreut. Als sich das Gehirn weiterentwickelt hat, war das kein Problem. Die Dinge, die uns süchtig machen konnten, gab es nicht oder waren, wie zum Beispiel Zucker, selten greifbar. Je entwickelter aber die Gesellschaft wurde, umso mehr süchtig machende Mittel und Verhaltensweisen sind entstanden.

Darf man nach Ihren Süchten fragen?

Yazdi: Eine Suchterkrankung habe ich Gott sei Dank nicht. Aber ich muss mich bewusst anstrengen, weniger Kaffee zu trinken. Bevor man krankhaft süchtig wird, hat man einen Kontrollverlust. Das habe ich zum Beispiel bei Erdnussflips. Wenn ich eine Packung davon aufreiße, kann ich nicht mehr aufhören zu essen. Wenn ich keine Erdnussflips esse, habe ich aber auch kein Problem.

Man braucht also Selbstdisziplin?

Yazdi: Das Schlagwort in der Suchtbekämpfung heißt Verfügbarkeit. Die muss man einschränken. Das Internet etwa treibt die Kauf- und Spielsucht voran. Ich kann rund um die Uhr wetten, Schuhe bestellen oder Pornos anschauen. Dort, wo man stark gefährdet ist, sollte man also relativ radikal den Zugang kappen. Dort, wo man wenig bis gar nicht gefährdet ist, kann man kontrolliert konsumieren.

Das Internet wird man aber nicht abschaffen können. Wie ist hier Suchtprävention möglich?

Yazdi: Mechanismen der Selbstregulierung entwickeln sich im Gehirn erst in der Pubertät. Es ist also ein Reifeprozess. Gelernt werden sie allerdings schon in der Kindheit - und zwar durch Abschauen. Ge- und Verbote nutzen nicht wirklich. Wenn sich also Eltern gut regulieren können, ist bei Kindern die Gefahr einer Suchterkrankung geringer. Wenn man als Kind lernt, vernünftig zu genießen, hat man einen guten Grundstock für später. Überhaupt, ein ausgewogenes Leben mit langfristigen privaten und beruflichen Beziehungen baut viel Stress ab und vermindert die Anfälligkeit für Süchte.

Vor allem die Spielsucht treibt viele Menschen in den Ruin. Wie geht man dieses Problem an?

Yazdi: Wie bei der Zigarettenwerbung, würde es schon helfen, Werbung für Glücksspiele zu verbieten. Wir haben auch in Österreich die merkwürdige Situation, dass die großen Glücksspielbetreiber Einrichtungen, die Süchtigen helfen und sie therapieren, finanziell unterstützen. Auch meine Suchtambulanz.

Wann kommen Menschen zu Ihnen in die Ambulanz?

Yazdi: Online-Süchtige meist, wenn sie von ihren Eltern gezwungen werden. Spielsüchtige leider erst, wenn es schon fast zu spät ist.

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