US-Fotografin Cindy Sherman im Interview

Die US-Fotografin Cindy Sherman zählt zu den zehn wichtigsten Künstlern weltweit. Anlässlich der Ausstellung ihres Frühwerks im Verbund bat FORMAT sie zum Interview über ihre Angst vorm Alter, Lust am Hässlichen & Sucht nach Mode.

FORMAT: Sie sind gerade 58 Jahre alt geworden – sind Sie eitel?

Sherman: Ich halte mich für durchschnittlich eitel. Da ich aber zur Bescheidenheit erzogen wurde, versuche ich das zu verdrängen: Ich zwinge mich zum Beispiel, mein Spiegelbild in Schaufensterscheiben nicht zu überprüfen. Und in letzter Zeit möchte ich auch gar nicht mehr sehen, was sich da spiegelt.

FORMAT: Ist es für die „Frau mit den tausend Gesichtern“ schwer, älter zu werden?

Sherman: Glücklich bin ich darüber nicht. Mein Problem ist wohl, dass ich mich nicht älter fühle.

FORMAT: Wie darf man sich Cindy Shermans Geburtstagsfest vorstellen? Glamourös?

Sherman: Ich versuche meinen Geburtstag zu ignorieren, auch wenn ich ihn nicht mehr – so wie früher – hasse. Ich feiere bestenfalls mit ein paar Freunden.

FORMAT: In einem früheren Interview haben Sie erzählt, dass Sie schon als Kind hässlich aussehen wollten und eigene Begriffe von schön und hässlich kreierten.

Sherman: Dass ich das tatsächlich gesagt haben sollte, daran kann ich mich gar nicht erinnern. Ich wollte mich allerdings nie „schön“ anziehen, als Prinzessin, Ballerina oder Braut. Diese Stereotype fand ich immer langweilig und uninteressant. Ich bestand zu Halloween immer darauf, so richtig furchterregend auszusehen. Das macht einfach mehr Spaß.

FORMAT: Was bedeutet Ihnen Schönheit heute?

Sherman: Ich finde Schönheit im Hässlichen. Herkömmliche Schönheit langweilt mich. All die hübschen Gesichter in den Magazinen sehen doch schnell alle gleich aus. Ich stelle Charakter über Schönheit – hoffentlich. Dieses Bestreben in der Kunst, „schöne Bilder“ zu machen, habe ich nie verstanden. Alle versuchen sie dasselbe, und doch kann nichts mit der Schönheit in der Natur mithalten. Daher suche ich neue Wege, Schönheit zu finden, auch in Bereichen, in denen wir sie zunächst nicht vermuten.

FORMAT: Auch wenn Sie Ihre Arbeit nicht als feministisch ausweisen, beschäftigen sich doch viele Ihrer Fotoserien mit den Stereotypen von Frauen in den Medien: mit Rollenbildern, Sexualität und Körperlichkeit. Was sagen Sie zum Status quo? Immer mehr Frauen verlieren durch Schönheits-OPs ihr eigentliches Gesicht. Ein Stück Freiheit oder eine Rückentwicklung?

Sherman: Es ist sehr traurig, dass uns die Role-Models fürs Altern verloren gehen – es gibt kaum mehr Frauen, die sich einen natürlichen Alterungsprozess gestatten und Falten und schlaffe Haut als natürlich und als nichts Negatives vorführen. Auch ich finde es für mich selbst sehr schwer, mein eigenes Älterwerden anzunehmen, und ich gebe zu, dass ich durchaus die eine oder andere Kleinigkeit tue, um es hinauszuzögern. Chirurgische Eingriffe kann ich mir im Moment nicht vorstellen. Ich will aber gar nicht ausschließen, dass sich meine Meinung dazu ändert. Traurigerweise muss ich zugeben, dass ich auch Angst davor habe, dass mir passiert, was die meisten älteren Frauen erleben müssen: Wir werden gesellschaftlich unsichtbar!

FORMAT: In Ihrer Arbeit benutzen Sie Ihr Gesicht wie eine leere Leinwand, können sich verwandeln, in wen immer Sie wollen. Ist dieser intensive Prozess einer Trance ähnlich?

Sherman: Im Arbeitsprozess brauche ich völlige geistige Offenheit, damit Bewusstes wie Unbewusstes in meine Fotos einfließen können. Als Trance würde ich diesen Zustand nicht bezeichnen, aber ich bin voll konzentriert darauf, meine Gedanken wandern zu lassen, wohin immer sie wollen. Das funktioniert nur, weil ich immer allein arbeite und damit die Außensicht auf mich ausschalten kann. Alles, was da als „falsch“ oder „peinlich“ bezeichnet werden könnte, kann auch wieder gelöscht werden. Das bekommt niemand zu Gesicht. Derart bin ich frei für jede Art von Experiment.

FORMAT: Hat das nicht auch therapeutische Wirkung?

Sherman: Therapeutisch daran ist nur die Offenheit der Arbeitsmethode. Aber meine konkreten Fragestellungen vergangenes, heutiges oder zukünftiges Leben betreffend arbeite ich dabei nicht auf.

FORMAT: Sie gestalten und produzieren Ihre Fotoarbeiten als One-Woman-Show in Ihrem Studio, sind Regisseurin, Model, Stylistin & Make-up-Artistin in einem. Was ist Ihr Lieblingspart?

Sherman: Beim Arbeiten allein zu sein ist für mich deshalb wichtig, weil gut die Hälfte dessen, was ich da tue, von außen betrachtet nicht wie eine künstlerische Tätigkeit aussehen würde. Ich treibe da eine Menge scheinbar sinnlose Dinge in Wohnung und Atelier – die bei mir miteinander verbunden sind. Menschen um mich herum würden mich hemmen. Ich habe es versucht und festgestellt: Ich verfalle sofort in ein Rollenspiel und agiere so, wie ich vermute, dass Assistenten es von einer Künstlerin erwarten. Ich brauche aber Zeit, um zu verarbeiten, was ich getan habe oder tun möchte. Das allerdings ist ein rein intuitives Vorgehen – ich muss mich von der Arbeit entfernen, um klarer zu sehen, was noch zu tun ist. Der spannendste Teil für mich ist die Entwicklung – oder eigentlich: die Entdeckung – meiner jeweiligen Rolle.

FORMAT: Sie stehen in jeder Ihrer Arbeiten im Zentrum, allerdings verkleidet, und betrachten diese daher auch nicht als Selbstporträts. Wie beurteilen Sie heute Ihr Frühwerk, sehen Sie sich da noch selbst darin?

Sherman: Ja und nein. Ich erkenne mich selbst besser in meinen frühen Arbeiten. Andererseits sehe ich in diesen Arbeiten, je älter ich werde, immer stärker auch eine andere, Fremde: diese jüngere Frau, zu der ich in vielen Bereichen keine Beziehung mehr aufbauen kann. Kaum vorstellbar, dass diese Frau wirklich „Ich“ war.

FORMAT: 1980 haben Sie von der Schwarz-Weiß zur Farbfotografie und größeren Formaten gewechselt. 2003 kam dann erstmals digitale Bearbeitung bei den Hintergründen Ihrer Clown-Serie zum Einsatz. Was ist der nächste Schritt?

Sherman: Ich möchte mich in Zukunft stärker mit Gruppenporträts und/oder Videos befassen.

FORMAT: Musiker wie Chicks on Speed, Billy Bragg oder Roisin Murphy erweisen Ihnen in ihren Songs & Videos Reverenz. Inspiriert Sie Musik?

Sherman: Musik ist von extremer Bedeutung für meine Arbeit. Bis auf die Zeit, wo ich konzentriert schreiben muss, läuft bei mir immer Musik. Nur nichts Ruhiges, es muss schon etwas sein mit gutem Beat, vielleicht tanzbar, jedenfalls kräftig, definitiv kein Pop oder R&B oder etwas zu Mainstreamiges. Indie ist o. k, aber bloß nicht zu gefällig. Zu meiner aktuellen Hitliste zählen N.E.R.D., Canyons, Liturgy, Blood Orange, Kanye West & Jay Z, Ghostpoet, Deadmau5, Foster the People und Gary Lucas & Gods And Monsters.

FORMAT: Sie haben sich auch intensiv mit Mode beschäftigt und jüngst für das kanadische Make-up-Label MAC eine eigene Kosmetiklinie samt Werbekampagne entworfen. Wie wichtig ist Mode für Sie persönlich?

Sherman: Ich bin im Zuge meiner Arbeit völlig modesüchtig geworden. Natürlich habe ich heute auch die finanziellen Mittel. Tatsächlich liebe ich schöne Kleidung und Accessoires und in letzter Zeit durchaus auch ordentlich Schmuck. Ich finde die Vorstellung, eine Kunstsammlung zu besitzen, die ich auch noch anziehen könnte, absolut fabelhaft. Und so sehe ich Mode. Natürlich kaufe ich auch Dinge, die mich begeistern, die ich aber niemals tragen würde.

FORMAT: Sie haben sich mit Ihren Metamorphosen durch Prothesen, Perücken und schrilles Make-up einen Namen gemacht. Wie sehen Sie Ihre Epigonen? Was zum Beispiel halten Sie von der Bühnenperformance einer Lady Gaga?

Sherman: Ich liebe Lady Gaga. Sie geht an die Grenzen, bedient die richtigen Mechanismen. Obwohl sie das durchaus könnte, verlässt sie sich nicht auf ihr Aussehen, ist nicht nur einfach schön oder sexy. Sie macht sich über herkömmliche Schönheitskriterien lustig, ohne dieses Bezugssystem zu verlassen. Sie ist großartig, herrlich provozierend und talentiert.

FORMAT: Sie gelten als eine der 10 wichtigsten zeitgenössischen Künstlerinnen weltweit, haben 2011 mit 3,89 Millionen Dollar bei Christie’s den bis dato höchsten Zuschlag für eine Fotoarbeit bekommen. Im Februar präsentiert das Museum of Modern Art in New York eine große Personale. Wie fühlt sich das an?

Sherman: Ich bin über die Ausstellung im MoMA wahnsinnig begeistert, sie ist ein Highlight meiner Karriere und kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Zu Beginn meiner Arbeit als Künstlerin habe ich nicht einmal davon zu träumen gewagt, dass ich Erfolg haben könnte, und schon gar nicht von so einer Ehre.

FORMAT: Der Titel Ihrer Wiener Schau im Verbund lautet „That’s me. That’s not me.“ Was sollte man über die wahre Cindy Sherman wissen?

Sherman: Der „wahren“ Cindy Sherman ist es völlig gleichgültig, ob sie bekannt ist oder nicht. Sie würde die Anonymität bevorzugen. Denn meine Vorstellung von Cindy Sherman ist universeller als die Marke CS, die man kennt.

Interview: Michaela Knapp

Cindy Sherman, Verbund, ab 26. 1.
Drei Jahre lang hat sich Gabriele Schor, Leiterin der Sammlung Verbund, zusammen mit der Künstlerin mit der Aufarbeitung des Frühwerks 1975–1977 beschäftigt. Entstanden sind ein Katalog (Hatje Cantz) & eine Schau mit 50 Arbeiten, die die performativen Anfänge von Shermans Œuvre dokumentieren. Verbund, Vertikale Galerie, 25. 1., 19 Uhr.

ZUR PERSON: Cindy Sherman, 58 wird am 19. 1. 1954 in New Jersey geboren. Nach dem Studium der Malerei entdeckt sie im Kreis von Künstlerfreunden wie Robert Longo die Fotografi e als künstlerisches Medium. Mit ihren parodistischbissigen wie brutal-schrillen Inszenierungen unterschiedlicher Frauenrollen zählt sie zu den wichtigsten zeitgenössischen Künstlern weltweit. Ihre Arbeiten zählen im Bereich Fotografi e zu den teuersten am Kunstmarkt. Im Februar zeigt das MoMA New York eine Retrospektive der Konzept-, Foto- und Verwandlungskünstlerin.

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