Über Neid, Anerkennung & gebaute Zukunft: Im Gespräch mit Delugan Meissl und Prix

Mit Projekten wie der BWM Welt München oder dem Porsche Museum in Stuttgart werden Österreichs Architekten international gefeiert. Nur hierzulande steht man allzu avantgardistischem Bau immer noch skeptisch gegenüber. Elke Delugan Meissl und Coop-Himmelb(l)au-Chef Wolf D. Prix analysieren die Gründe fürs Mittelmaß.

FORMAT: Es gibt in Österreich über 4.000 Architekten, die sich international nicht zu verstecken brauchen, dennoch hat man den Eindruck, Aufsehen können sie hierzulande immer erst durch Projekte im Ausland erregen. Herrscht hier kein Mut, Neues zu wagen?
Prix: Es ist schon so, dass die Mittelmäßigkeit in Österreich ein großes Hindernis ist für Architektur, wie sie sein sollte. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Die Mentalität der Österreicher ist eine anti-intellektuelle. Man hasst nichts mehr als gescheite Leute. Man geht nach dem Motto „Nur keine Wellen schlagen“ vor, und die jungen Architekten müssen sich dann auf das Prädikat „weltberühmt in Österreich“ beschränken. Das hängt natürlich auch mit der Größe des Landes wie mit dem Industriepotenzial zusammen. Vor allem mit der Einstellung: Gemütlichkeit ist besser als Spitzenleistung.
Delugan Meissl: Anerkennung für architektonische Qualität wird eher selten gezollt. Allerdings gibt es eine zunehmende Zahl an Investoren, die renommierte heimische Architekten mit der Umsetzung von Projekten beauftragen. Das „Star“-Etikett könnte man, so betrachtet, auch als Anerkennung der Architektur in der Gesellschaft werten.

"Hier spürt man den Neid intensiver"
FORMAT: Gibt es so etwas wie eine österreichische Architektur-Handschrift?
Prix: Man kann sie weltweit erkennen. Es ist eindeutig der Umgang mit Raum. Ein Talent für Atmosphäre. Ich frage mich: Warum haben wir kein Fußballstadium zusammengebracht, das ähnlich toll ist wie jenes in München oder in Beijing? Das liegt nicht nur an den Architekten, das liegt an den Betonschädeln der Auftraggeber.
Delugan Meissl: Es fehlt allzu oft die Bereitschaft, gute Qualität jenseits des Mittelmaßes zuzulassen.
Prix: Ich finde es daher gut, dass ausländische Architekten hier bauen, wie aktuell beim Neubau der Wirtschaftsuniversität – ein ganz cleveres Projekt. Derart wird ein massiertes Auftreten von Internationalität in Wien passieren. Das könnte ein Push sein, sich anzustrengen und den Widerstand gegen die 08/15-Lösungen zu erhöhen.
Delugan Meissl: Heimische Architekten müssen auch ihrerseits den Schritt wagen, sich international zu profilieren.
FORMAT: Was Sie beide anschaulich bewiesen haben. Wie ist das Feedback auf die Gebäude für Porsche und BMW?
Delugan Meissl: Wir sind mit der internationalen Resonanz sehr zufrieden und sehen nun der Entwicklung auf nationaler Ebene mit Spannung entgegen.
Prix: Wissen Sie, was all die Berichte über die BMW Welt wert sind? Millionen Euro! Wir haben den Werbewert nachrechnen lassen. Das wird bei jeder kommenden Honorarverhandlung eine große Rolle spielen. Außerdem könnte Österreich unsere Arbeit nützen für das Image des Landes.
Delugan Meissl: Das hat man in Österreich leider bis heute noch nicht als Potenzial begriffen.
Prix: Hier spürt man den Neid intensiver, weil das Land so klein ist. Das Bewusstsein für Spitzenleistungen wird zwar immer eingefordert, ist aber nicht vorhanden. Sonst würde man unsere Gebäude in Stuttgart und München nicht als Autohäuser titulieren und die Meinung vertreten, dass man nicht für Autos bauen darf. Konzerne wie Porsche und BMW haben hier die Rolle übernommen, die früher die Kirche und der Adel gehabt haben: nämlich die Schaffung von öffentlichem Raum. Die BMW Welt München ist mit 3 Mio. Besuchern in eineinhalb Jahren wirklich eine Neudefinition des öffentlichen Raums.

"Gesamtheitliche Stadträume begreifen"
FORMAT: Wie viel Abstriche macht man vom Modell bis zur Umsetzung?
Delugan Meissl: In seiner Gesamtheit gab es bei Porsche vereinzelt Abweichungen zum ursprünglichen Entwurf, die Grundidee wurde zur Gänze in die Umsetzung des Museums übernommen.
Prix: Es geht prinzipiell immer um die Augenhöhe. Wir bauen nur für Leute, mit denen wir auf gleicher Augenhöhe sind.
FORMAT: Gibt es den Traum vom Bau für die Ewigkeit?
Delugan Meissl: Diesen Anspruch habe ich nicht. Die Intention besteht darin, Formen und Lebensräume mit Bestand für die Zukunft zu entwickeln. Es ist essenziell, gesamtheitliche Stadträume und deren übergeordnete Zusammenhänge zu begreifen und sich nicht nur mit Objekt-Architektur auseinanderzusetzen.
FORMAT: Was kann man den Jungarchitekten mitgeben, wenn man nicht nur Erfüllungsgehilfen heranziehen will?
Prix: Erstens, dass sie nicht automatisch nach dem Studium einen Auftrag bekommen, zweitens, dass sie kein Recht auf Berühmtheit haben, drittens, dass man sich alles erkämpfen muss. Früher haben die Architekten den Markt bestimmt, jetzt bestimmt der Markt die Architekten. Die Ausbildung muss daher strategischer werden, auf allen Ebenen: ästhetisch und technisch genauso wie politisch und sozial.
Delugan Meissl: Du hast vollkommen Recht, agiert man nur in Einzelsegmenten, wird man in eine Nische gedrängt. Architektur muss als offenes System in einem breiten Spektrum verstanden werden.
Prix: Man muss auch Abhängigkeiten durchschauen. Wien hat mich zehn Jahre meiner Karriere gekostet. Wir haben in Wien nicht bauen können, und ich bin daraufhin nach L. A. gegangen.

"Wichtig, die Präsenz im Ausland zu erhöhen"
FORMAT: Ist ein Standbein im Ausland auch Option für Delugan Meissl?
Delugan Meissl: Dank verfügbarer Kommunikations- und Transportmethoden ist es heute nicht relevant, Internationalität durch unterschiedlichste Bürostandorte zu repräsentieren. In der Vergangenheit haben sich Kooperationen mit ortsansässigen Partnern der jeweiligen Länder sehr bewährt.
Prix: Ganz wichtig ist es, die Präsenz im Ausland zu erhöhen. Da gibt es viele, aber was bauen die? Übersehbare Dinge! Auch das muss es geben. Ich würde nie über Architekten, die ihr Handwerk gut verstehen, losziehen, wenn sie normale, brave Bauten bauen, um ihr Geld zu verdienen. Die Avantgarde ist das aber nicht.
FORMAT: Wo sehen Sie die brisantesten Aufgabenfelder der Zukunft?
Delugan Meissl: Architektur muss die Basis bilden, gesellschaftliche Entwicklungen mitzugestalten und auf veränderte Lebensformen zu reagieren. Voraussetzung, aktuellen Herausforderungen erfolgreich zu begegnen, ist sicher eine höhere Bewusstseinsbildung gegenüber sozialen Themen in der sich ständig verändernden Gesellschaft.
Prix: Im weitesten Sinne ist Forschung das Entscheidende. Wir arbeiten gerade an einem Forschungsauftrag mit dem Max-Planck-Institut, wo wir Stadt- und Gehirnwachstum miteinander vergleichen und Szenarien entwickeln, um Grundlagen für Entscheidungen der Politiker zu schaffen. Denn der Flächenwidmungsplan hat schon lange ausgedient. Wobei Wien mit 1,7 Mio. Menschen klein und gemütlich ist. Fahren Sie einmal in richtige Problemstädte! Im Übrigen glaube ich, dass Wasser wichtiger ist als Dämmung.

"Wie Beton ohne Wasser mischen?"
FORMAT: Apropos neue Materialien …
Prix: Wenn die Autoindustrie so unterentwickelt wäre wie die Bauindustrie, dann würden wir noch in Ochsenkarren fahren. Wasser ist der nächste Rohstoff, der knapper wird als Öl. Wie will man dann Beton mischen, ohne Wasser? Es wäre längst an der Zeit, dass die Bauindustrie Forschungsgelder für neue Materialien ausgibt. Auch die Energiekonzerne sollten sich mit Methoden der Nachhaltigkeit in der Architektur beschäftigen, wo man nicht mehr 40 cm isolieren muss.
FORMAT: Die Lieblingsprojekte der Architekten sind immer ihre nächsten …
Delugan Meissl: Einige internationale Projekte sind derzeit im Entstehen. Aktuell arbeiten wir am Filmmuseum Amsterdam und diversen nationalen Projekten. Eine Herausforderung, der ich mich immer wieder sehr gerne stelle, ist der Städtebau, speziell in Wien, den Status quo weiterzudenken, innovative Konzepte zu entwickeln.
Prix: Indien und China sind für mich die Märkte der Zukunft. Wir bauen in China drei Projekte. Wir bauen auch in Korea und Ägypten. Das ist mir alles sehr recht, weil ich dadurch die Kultur kennen lerne. Aber es ist auch anstrengend. Ich würde gerne wieder in Wien etwas bauen. Aber ich bin jetzt 66 Jahre. Lange warte ich nicht mehr.

Interview: Michaela Knapp und Birgitt Kohl

Im Bild: Das vom Wiener Architektenbüro Delugan Meissl konzipierte Porsche Museum in Stuttgart.

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