Mit 80 "Mitten aus dem Leben" - ein Nachruf auf Udo Jürgens

Udo Jürgens ist tot. Als Künstler war er ein Phänomen. Über 1000 Lieder stammten aus seiner Feder. Er nahm 53 Alben auf, ging 25 Mal auf große Tournee und schrieb ein Musical. Der Titel seines letzten Albums "Mitten im Leben war Programm. Ans Aufhören dachte der Entertainer noch lange nicht. Am Sonntag, den 21. Dezember 2014, wurde er durch einen Herzinfarkt aus dem Leben gerissen.

Mit 80 "Mitten aus dem Leben" - ein Nachruf auf Udo Jürgens
Mit 80 "Mitten aus dem Leben" - ein Nachruf auf Udo Jürgens

Udo Jürgens

"Als Kind hatte ich es nicht immer leicht. Ich wurde als Schlagerfuzzi-Sohn beschimpft", gestand John, der heute 50 Jahre alte Sohn des Entertainers, bei der Udo Jürgens Gala des ZDF im Oktober anlässlich dessen 80 Geburtstages. Und fügte hinzu: "Umso mehr erfüllt es mich Stolz, heute hier zu sein und zu sehen, wie mein Vater gefeiert wird."

So wie Jürgens' eigenem, heute 50 Jahre alten Sohn, ging es wohl vielen annähernd gleichaltrigen mit Oevre des Entertainers. Wer in den 1970er Jahren aufwuchs, kam an Jürgens nicht vorbei. An Mitklatsch- und Mitsing- Liedern wie "Aber bitte mit Sahne", "Griechischer Wein", "17 Jahr, blondes Haar" oder später "Mit 66 Jahren". Liedern, die später bei Schlager- und Hüttenpartys wieder auftauchten und echte Klassiker dieses Genres geworden sind.

Jürgens' kritisches Liedgut wurde dagegen zumeist ausgeblendet. Besonders von einer politischen Ecke, die sich den Entertainer gerne einverleibte. Die FPÖ etwa. Stefan Petzner wollte sogar seine Diplomarbeit über Udo Jürgens schreiben. Jürgens kommentierte das einmal mit dem Satz: "Ich würde mich gern mal mit ihm (Petzner) unterhalten und ich würde ihm gerne die Augen öffnen, worauf er hineingefallen ist, was für Irrtümer er in seinem jungen Leben gemacht hat".

Zu den kontroversiellen Arbeiten des Künstlers gehören etwa das Lied "Lieb Vaterland" aus 1970 oder „Gehet hin und vermehret euch” von 1988, in dem er offen die Haltung der katholischen Kirche gegenüber der Empfängnisverhütung kritisierte:

Und da hat einer gütige Hände und ein gutes, kluges Gesicht
aber denkt er das Diesseits zuende, wenn er vom Jenseits spricht ?
Kondom tabu und Pille verpönt, denn aus beruf'nem Munde ertönt:
Gehet hin und vermehret euch!

Auch wenn Jürgens stilistisch stets eher den französischen Chansonniers wie Charles Aznavour zuzuordnen war - er war damit auch so etwas wie der deutschsprachige Johnny Cash, der schon mit seinem 1964 veröffentlichten Album "Bitter Tears" das Schicksal und die Leiden der amerikanischen Indianer besang. Ein Album, das von der Kritik bejubelt und als das wichtigste von aus Cash's Schaffen in den 60er Jahren gilt. Von den Rundfunkstationen wurde es allerdings in der Folge beharlich ignoriert, während etwa "Ring of Fire" nach wie vor auf und ab gespielt wird. Erst das mit Produzent Rick Rubin als "American Recordings" veröffentlichte Spätwerk Cash's stellte den Spagat zwischen dem künstlerischen Anspruch und dem Erfolg bei den Kritikern und den Fans wieder her.

Vielleicht hätte Jürgens auch ein Produzent wie Rick Rubin gut getan. Jemand, der mit spärlicher Instrumentierung und zurückgenommenen Arrangemants die Quintessenz aus den einzelnen Stücken herausholt. Doch auch so blieb es bis zuletzt Ereignis, wenn Udo Jürgens ein Album veröffentlichte. Und sein Schaffensdrang war bis zuletzt ungebrochen. "Mitten im Leben" hieß die letzte, 53. Platte des Entertainers. Im Februar 2014, als das Album veröffentlicht wurde und er in den Startlöchern für seine 25. Konzerttour scharrte, sagte er noch: "Ich weiß nicht, warum ich mit dem Aufhören kokettieren soll - das Leben setzt uns rechtzeitig Grenzen." Am 2. Dezember gastierte er nochmals in der Salzburgarena, am 3. Dezember in der Grazer Stadthalle und am 5. Dezember in der Wiener Stadthalle. Die Fans, die bei den Shows zu Gast waren, werden sie wohl nie vergessen. Es waren die letzten Konzerte des Künstlers in seinem Heimatland.


Bild: © Timur Emek/Getty Images
Udo Jürgens bei der "Ein Herz für Kinder Gala" im Dezember 2013

"Ein Mensch, der in die Jahre kommt, muss auch ein bisschen zunehmen - ich habe mittlerweile auch eine kleine Wampe", nahm er die Unbilden des Alters gelassen. Einzig das jüngst erfolgte Augenlasern habe für eine Schrecksekunde beim ersten Blick in den Spiegel am Morgen gesorgt. So sei das Alter natürlich nicht immer schön: "Es ist in mancherlei Beziehung schmerzlich - man hat auch bisweilen Ängste, die einen heimsuchen." Liedermacher zu sein, sei jedoch der größte Trost und er profitiere dabei von den Erfahrungen eines langen Lebens. "Es war für mich nie entscheidend, Ziele zu erreichen. Es war mir immer wichtig, mich auf den Weg zu machen", sinnierte er.


Bild: © Andreas Rentz/Getty Images
Was der Jump Suit für Elvis Presley war, das war der weiße Bademantel für Udo Jürgens. Am markanten gläsernen Klavier beim Semper Oper Ball im Jänner 2008

Für seine letzte Platte hatte er noch einmal den gesamten musikalischen Wunderkoffer ausgepackt, den er sich über die Jahre erarbeitet hatte und der sich durch sein Werk zog. Mit Anklängen an den Jazz der 60er Jahre, zwischendurch mit dem Klang der großen Swingbands der 30er Jahre, mit großem Orchester oder leis eund nachdenklich alleine am Klavier, begleitet nur vom Geiger Julian Rachlin oder dem Flötisten Pepe Lienhard.


Bild: © Tom Maelsa/Getty Images
"Einfach ich" - Album-Präsentation im Jänner 2008

Jürgens war vom Ergebnis der Aufnahmen begeistert. Das war nicht immer der Fall: "Bei manchen meiner Lieder bedaure ich immer noch, dass ich mir nicht mehr Zeit genommen habe. Mich nicht mehr um sie gekümmert habe. Dann wären sie vielleicht auch schöne Kinder geworden, wie "Ich war noch niemals in New York", gestand Jürgens offen ein.


Bild: © Keystone Features/Getty Images
Früh im Leben: Im April 1967 überreicht Jürgens Sandy Shaw die Sieger-Trophäe für ihren Song "Puppet on a String" beim Eurovision Song Contest. Im Jahr davor hatte Jürgens mit "Merci Cherie" selbst gewonnen.

Jürgens wusste, was seine Fans von ihm erwarteten, und er war auch gerne bereit, ihnen zu geben, was sie sich erhofften: Ruhige Balladen ebenso wie flotte, rhythmische Lieder mit grßem Orchester und bisweilen auch moralische, zeitkritische Texte und Sendungsbewusstsein. In den 70er Jahren begann er, diese Kritik in seine Texte einzubauen. "Lieb Vaterland" aus 1970 war ein Skandal. Darin sang er:

Lieb Vaterland, wofür soll ich dir danken?
Für die Versicherungspaläste oder Banken?
Und für Kasernen, für die teure Wehr?
Wo tausend Schulen fehlen,
tausend Lehrer und noch mehr.

Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
die Großen zäunen ihren Wohlstand ein.
Die Armen warten mit leerer Hand,
lieb Vaterland!

Auf seinem letzten Album haderte Jürgens mit der schnelllebigen Zeit und trauerte parfümierten Liebesbriefen nach, die durch SMS ersetzt wurden und er besang in "Die riesengroße Gier" die Wirtschaftskrise und die Bankenrettung: "Der Rubel rollt, der Euro schwankt und bis zum Abgrund ist es nur ein Schritt. Bei allen Pleiten, Pech und Pannen will der Profi den Profit. Wär' diese Erde eine Bank, ich hätte glatt gewettet, sie wäre längst gerettet" , heißt es darin.


Bild: © Peter Sempelmann
Finissage: Udo Jürgens sagt nach der letzten Vorstellung von "Ich war noch niemals in New York" in Wien "Danke!"

Am Sonntag, dem 21. Dezember 2014, starb Udo Jürgens an einem Herzinfarkt, den er bei einem Spaziergang in seiner Wahlheimat Schweiz erlitt.

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