Udo Jürgens: "Meine Lieder sind keine Schlager, dazu sind sie zu komplex"

Rettungsring Jukeboxmusical? Die Vereinigten Bühnen setzen bei ihrer kommenden Premiere auf ein Hitfeuerwerk von Udo Jürgens. Der Starentertainer dazu im Gespräch über das Erfolgsgeheimnis seiner Songs.

„Immer, immer wieder geht die Sonne auf, denn Dunkelheit für immer gibt es nicht“, singt der Protagonist Andreas Lichtenberger zum zigten Mal, bis sich Regisseurin Carline Brouwer zufrieden zeigt. So oft kann die Sonne bei den Proben zum Udo-Jürgens-Musical „Ich war noch niemals in New York“ im Wiener Raimund Theater gar nicht aufgehen müssen, dass es dem Team die Stimmung verderben könnte. Der ganze Raum summt mit, das macht Laune und gute Stimmung, nach dem ­Motto: „Schau nach vorn, nicht zurück, zwingen kann man kein Glück, Merci chérie!“

20 Hits in einem Musical
Merci heißt es vor allem für Udo Jürgens, der 20 seiner Evergreens von „Griechischer Wein“ über „Bitte mit Sahne“ bis „Siebzehn Jahr, blondes Jahr“ zu einem der derzeit erfolgreichen Jukebox-Musicals verwoben hat. Autor Gabriel Barylli hat dazu eine Story um eine karrierefixierte Fernsehmoderatorin kreiert, die ihre Mutter in eine Seniorenresidenz abgeschoben hat. Die agile Lady erlebt dort mit einem Rentner ihren „dritten Frühling“ und macht sich heimlich per Kreuzfahrtschiff nach Amerika auf, um unter der Freiheitsstatue zu heiraten! Kinder und Enkelkinder nehmen die Verfolgung auf. „Das tut allen wohl und nicht besonders weh“, feierte die deutsche Kritik den Evergreen-Mix als große Unterhaltung. Über 1,3 Millionen Besucher konnte die Hamburger Uraufführung vermelden. Besucherzahlen, von denen Kathrin Zechner, die Intendantin der Vereinigten Bühnen Wien (VBW), nur träumen kann. Am 17. März 2010 hebt sich der Vorhang für „Ich war noch niemals in New York“ nun im Raimund Theater. Udo Jürgens’ Hit­feuerwerk soll auch da finanziell die Sonne aufgehen lassen.

Ungebrochener Udo-Hype
Udo Jürgens selbst hat viele der Proben begleitet und noch österreichisches Lokalkolorit eingearbeitet, wie er im FORMAT-Interview erzählt. Der 75-jährige Star-Entertainer ist gefragter denn je. „Ich könnte mich zerreißen, verfünffachen und wäre immer noch überbeschäftigt.“ Über 900 Lieder hat der gebürtige Klagenfurter mit Wohnsitz Schweiz komponiert, 50 Plattenalben veröffentlicht. Seine letzte Tournee „Einfach ich“ war mit 63 Konzerten und 330.000 Besuchern die bestbesuchte seiner Karriere, Auch die Tonträger-Flaute scheint Jürgens wenig anhaben zu können: Die Single „Ich war noch niemals in New York“ eroberte als Coverversion der Sportfreunde Stiller die Airplay-Charts, und das aktuelle Studioalbum erreichte in Deutschland wie Österreich Goldstatus.

"Meine Lieder sind keine Schlager"
Spiegelt der Erfolg die neue Sehnsucht nach Sentimentalität, nach mehr Gefühl in härteren Zeiten wider? „Das Publikum sehnt sich nach Liedern, die man mitfühlen und miterleben kann. Und meine Lieder sind von heute. Sie handeln von Ängsten und Glücksmomenten in unserer Gegenwart“, analysiert Jürgens. Der Diskussion um das „Phänomen Schlager“ kann der Entertainer dagegen wenig abgewinnen: „Ich muss ganz ehrlich sagen, mit dem Wort Schlager kann ich überhaupt nichts anfangen. Was ich mache, ist tanzbare Unterhaltungsmusik. Hier geht es um Songs oder Hits. Nur im deutschsprachigen Raum existiert überhaupt so ein Wort wie Schlager, das mich eher an Schlägerei erinnert. Ein Schlager ist für mich das, was der Hansi Hinterseer oder der Heino machen. Lieder wie ‚Ich war noch niemals in New York‘ haben zwar auch Riesenerfolge ­gehabt, sind aber definitiv keine Schlager, dazu erzählen sie viel zu komplexe Geschichten.“

Sehnsucht nach dem Verständlichem
Den momentanen Erfolg deutscher Songs sieht der Vollblutmusiker eher als Ergebnis eines langen Prozesses innerhalb der Musikbranche, der sich innerhalb der letzten zehn Jahre beschleunigt hat. „Ich liebe die amerikanische Popmusik und die Wurzeln des Jazz, habe mich aber von Anfang an ganz und gar der deutschen Sprache verschrieben, weil es die Sprache ist, in der ich denke und fühle. Und heute haben jene, die den Mut hatten, in der eigenen Sprache zu singen, die Nase vorn. Es hat mit Udo Lindenberg angefangen, mit Grönemeyer und Xavier Naidoo, und zeigt sich auch bei ganz aktuellen Formationen wie Silbermond oder Ich + Ich: Man sehnt sich nach verständlichen, emotionalen Geschichten!“ Dass aus seinem musikalischen Lebenswerk ein eigenes Musical entstanden ist, sei für ihn ein unbeschreibliches Gefühl. „Vor allem aber war mir wichtig“, so der Bühnenstar, „dass keiner der Interpreten versucht, mich zu imitieren, also ein Abklatsch von Udo Jürgens zu sein.“ So wird bei der Song-Interpretation bewusst mit starkem Kontrast gearbeitet: Den Titel „Mit 66 Jahren“ singt ein Zwölfjähriger, „Ich war noch niemals in New York“ die verliebte Pensionistin.

Bald auch "Helden, Helden", reloaded?
Nach dem Megaerfolg des Musicals „Ich war noch niemals in New York“ in Hamburg herrscht international auch großes Interesse an Jürgens’ erstem Musical „Helden, Helden“, das er in jungen Jahren nach dem Buch von George Bernard Shaw komponierte; 1973 wurde es in Wien mit Michael Heltau in der Titelrolle uraufgeführt. Nun überlegt man, das Musical nach heutigen Gesichtspunkten zu überarbeiten. Kein leichtes Unterfangen, wie Jürgens nach den Erfahrungen mit der aktuellen Produktion weiß. „Aber wenn aus einem Projekt nichts wird, war die Arbeit auch sehr schön. Und darum geht es mir heute, um die Stunden des Nachdenkens und Glücklichseins“, gibt er sich ungewohnt besonnen. Seit drei Jahren arbeitet er an einem Kurzgeschichtenband, die Verfilmung seines Romans „Der Mann mit dem Fagott“ soll demnächst ins Kino kommen. „Der Erfolg in Hamburg war einfach überwältigend, ein Rausch. Jetzt kommt der spannende Augenblick, ob das Stück auch in einem anderen Theater und in einer etwas anderen Inszenierung bestehen kann“, freut er sich auf die Wiener Premiere seines Musicals. „Es ist immer sehr spannend, sich dem Publikum zu stellen. Aber in unserem Beruf muss man immer wieder zur Prüfung antreten.“ Das weiß auch Kathi Zechner, die nur darauf hoffen kann, dass sich Udos Evergreens auch in Wien als unverwüstlicher Publikumsmagnet erweisen.

Michaela Knapp

Raimund Theater: „Ich war noch niemals in New York“, 17. 3, 19.30 Uhr. 20 Udo-Jürgens-Hits hat Autor Gabriel Barylli (Co-Autor: Christian Struppeck) in die Story, die das Publikum auf eine heiter- romantische Seereise entführt, verwoben. Die Choreografie stammt von Kim Duddy. Es singen Ann Mandrella, Andreas Lichtenberger, Andreas Bieber, Hertha Schell & Peter Fröhlich.

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