Trügerische Idyllen in der österreichischen Krimilandschaft: "Mariaschwarz" von Steinfest

Mit seinem sprachlich brillanten wie schrägen neuen Österreich-Krimi „Mariaschwarz“ erweist sich Heinrich Steinfest als Galionsfigur einer heimischen Autorenriege, die das Genre erfrischend mit literarischem Mehrwert versieht.

In einem österreichischen Provinzkaff namens Hiltroff, das sich durch permanent schlechtes Wetter auszeichnet, und am Mariensee, dessen Wasser so schwarz ist, dass niemand sich darin zu baden traut, verbringt der zugereiste Vinzent Olander seit drei Jahren seine Tage im immergleichen Sauf-Rhythmus und in stummer Symbiose mit Job Grong, dem Wirt des heruntergekommenen Hotels. Als Grong den Gast vor dem Ertrinken rettet, vertraut dieser ihm den eigentlichen Grund seines Aufenthaltes an: Er sucht seine entführte Tochter, deren Spur in Hiltroff endet. In dieser gottverlassenen Gegend warte er seitdem auf ihr Auftauchen. Als man ein Skelett aus den Tiefen des ominösen Sees birgt, übernimmt der Wiener Kriminalinspektor Lukastik den Fall und stört mit famoser Arroganz die trügerische Ruhe im Ort.

Mischung aus Doderer und Chandler
Das ist eindeutig nicht der Stoff, aus dem ein klassischer Pageturner gemacht ist. Vielmehr denkt man an Thomas Bernhard. Man hält inne, schmunzelt, reflektiert die hintersinnigen Bilder, die Heinrich Steinfest da in höchster Sprachqualität seinem Leser liefert. „Als hätten Heimito von Doderer und Raymond Chandler eine Schreibgemeinschaft gegründet“, feierte das deutsche Feuilleton den letzten Krimi des gebürtigen Australiers, der in Wien aufwuchs, ehe er Ende der 90er-Jahre aus „rein privaten Gründen“, wie er betont, nach Stuttgart übersiedelte. Nun liegt sein neuer Kriminalroman „Mariaschwarz“ vor.

Galionsfigur der Krimiautoren
In „Mariaschwarz“ bestätigt sich der 47-jährige Autor einmal mehr als erfolgreiche Galionsfigur einer Gruppe heimischer Autoren wie Stefan Slupetzky, Thomas Raab oder Johannes Gelich, die dem Genre Krimi mit eigenwilligem Sprachstil, Witz und gesellschafts-analytischen wie philosophischen Betrachtungen zu neuem literarischem Mehrwert verhelfen und sich damit erfrischend vom konventionellen Whodunit-Konzept abheben. Die Vorurteile, dass man im Krimi nicht unbedingt große Literatur vermutet, kennt Heinrich Steinfest wohl. „Damit bin ich aufgewachsen. Für mich ist das Genre aber keineswegs negativ besetzt. Ich bin der Meinung, es gibt nur schlechte oder gute Bücher.“

Keine U-Bahn-Lektüre
Dass man seine Krimis nicht so ohne weiteres in der U-Bahn verschlingen kann, ist durchaus beabsichtigt: „Ich will nicht um jeden Preis kompliziert sein, aber manche Dinge sind nun mal ein bisserl schwierig und ein bisserl verschlungen. Daher sollte man sich auch bei einem Krimi konzentrieren und einen Absatz ruhig zweimal lesen.“ Er habe sich bewusst für das Genre entschieden, erzählt Steinfest weiter, weil der Krimi alles könne. „Man kann die Groteske wie den Gesellschaftsroman einbringen. Das Tierbuch wie die Romanze. Ich sehe auch keinen Widerspruch darin, in einem Kriminalroman Landschaftsbeschreibungen einen gebührenden Platz einzuräumen. Was mich bei den konventionellen Krimis manchmal stört, ist ja genau diese Reduktion auf das Verbrechen, auf das reine Actionelement.“

Schaurige Taten, hintersinnige Betrachtungen
Steinfests Romane sind von schrägen Vögeln bevölkert. Da gibt es schaurige Taten, hintersinnige Betrachtungen über Liebe, Leben und Glück, einen Blick für absurde Details wie „gestrickte Mäntelchen an Telefonapparaten“, herrliche Pointen, Zitate von Wittgenstein bis Oscar Wilde und: jede Menge surreal anmutende Vorfälle. Obgleich sich Steinfest selbst gegen den Begriff surreal in Zusammenhang mit seinen Büchern wehrt. Und zwar beharrlich: „Das nehme ich alles im Alltag wahr. Das sind keine Traumwelten. Die magische Qualität der Dinge kann man tagtäglich erfahren. Um dem Leser Extremsituationen begreiflich zu machen, die in Krimis logischerweise stattfinden, muss ich natürlich auch in die Psyche und Fantasien der Figuren eindringen.“

Autonomes Paralleluniversum
Und das macht der Autor, der seine Karriere eigentlich als Maler begann und sich seit jeher von Science-Fiction-Storys, Comics und dem Horrorgenre angezogen fühlt, seit Ende der 90er-Jahre mit größtem Erfolg. "Ich benutze eine Ausgangssituation, aber keinen Plot, wenn ich einen Roman beginne“, gewährt der Autor Einblick in sein Handwerk. „Im aktuellen Fall hatte ich nichts anderes als die Idee der Symbiose zwischen einem Trinker und seinem Wirt. Diese Bücher verfügen in ihrer Entstehung über eine Eigendynamik, von der ich durchaus selber immer wieder überrascht werde. Da entwickelt sich ein Paralleluniversum, das sein autonomes Leben besitzt. Meine Arbeit besteht dann vor allem im Bemühen um die Perfektion der Sprache.“

Buchempfehlung: Heinrich Steinfest, „Mariaschwarz“. Piper, 16,90 Euro.

Von Michaela Knapp/i>

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