Tom Waits zitiert sich eindrucksvoll durch seinen eigenen Werkkatalog

Tom Waits zeigt auf seinem neuen Album, wie man eigene Mythen entstaubt: mit einer rasanten, selbstironischen Fahrt durch seine Werkgeschichte.

Geben Legenden Lebenszeichen von sich, heißt es aufpassen. Nicht selten zerstören sie mit Veröffentlichungen im Herbst ihres Lebens unfreiwillig ihr eigenes Denkmal. Und ist dann der Ruhm der Vergangenheit einmal aufgezehrt, bleibt nicht mehr viel übrig. Tom Waits, seit März dieses Jahres übrigens im erlauchten Kreis der Rock ’n’ Roll Hall of Fame aufgenommen, weiß das. Darum geht er mit kreativem Output vorsichtig um. Selbst wenn er machen könnte, was er wollte, denn in den Sphären, in denen sich Waits als Künstler bewegt, also dort, wo auch Bob Dylan oder auch Bruce Springsteen herumleuchten, ist man üblicherweise sakrosankt.

Dem 61-jährigen Kalifornier ist es gelungen, in fast vier Jahrzehnten Showbusiness ein kaum durchdringbares Dickicht um die ächzende, krächzende Kunstfigur Tom Waits zu kultivieren. Man weiß die wichtigsten biografischen Eckdaten, ein wenig über die Kindheit als Lehrersohn und dass er seit über dreißig Jahren mit seiner Koautorin und Muse Kathleen Brennan verheiratet ist, der Rest ist und bleibt Privatsache. Das gibt naturgemäß eine Menge Raum für Spekulationen und kleine, erheiternde Anekdoten. Trotzdem: Waits’ Biografen, die übrigens stets unautorisiert zu Werke gehen, beißen sich an ihm die Zähne aus. Selbst der so penibel recherchierte 700 Seiten starke Biografie-Ziegel „Ein Leben am Straßenrand“, verfasst vom Musikjournalisten Barney Hoskyns, vermag nur ein wenig Licht ins Dunkel um den Künstler zu bringen.

Zeitreise mit Selbstironie

Was man daraus lernen kann: Waits beherrscht das Spiel mit dem eigenen Mythos, wohl auch, weil dem alten Fuchs nicht entgangen sein dürfte, dass Mysterien Anziehungskraft haben. Seit jeher schon, aber umso mehr in Zeiten, in denen frei- und unfreiwillige Transparenz alle Lebensbereiche umfasst.

Sieben Jahre ist es nun her, dass Waits sein letztes Studioalbum veröffentlicht hat. Mit dem Album „Bad As Me“ gibt es nun also wieder Neues aus der Waits’schen Rumpelkammer. De facto 16 Songs, die wie eine gut durchdachte Zeitreise durch seine eigenen Schaffensperioden aus fast vierzig Jahren Bühnenwirken montiert sind. Waits gibt Waits, und zwar – weil auch Spaß muss sein – mit einem kräftigen Schuss Selbstironie, wenn der Schauspieler in altbekannte Rollen schlüpft und die Blues-, Soul-, Jazz- und Folkgebiete durchschreitet.

Als melancholischer Pianospieler mit Hang zu dunkler Romantik. Als whiskyseliger Trunkenbold, der ein doppelbödiges Sylvester feiert („New Year’s Eve“), mit Saufkumpan Keith Richards im Duett durch den Herbst des Lebens lallt („Last Leaf“). Oder – auch nicht schlecht – als wütender Chronist („Hell Broke Luce“), der, einem derb reimenden Slam-Poeten gleich, noch einmal der Administration Bush ein paar Hiebe mit auf den Weg gibt. Waits destilliert sich auf „Bad As Me“ selbst zu einem Hochprozenter, der aus der Flasche und nicht im Stamperl genossen werden muss.

– Manfred Gram

Tom Waits „Bad As Me“ (Anti)
Im ersten Studioalbum seit sieben Jahren führt Tom Waits gekonnt durch all seine Schaffensperdioden. Das Kunststück dabei: Er verfängt sich nicht in eitlen Selbstreverenzen und Eigenzitaten. Ab 25. 10. im Handel.

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