"Tolstois Roman 'Krieg und Frieden' auf die Bühne zu bringen ist ein großes Abenteuer"

Burgchef Matthias Hartmann über Wien, Salzburg und sein Tolstoi-Abenteuer.

FORMAT: Sie haben „Post von Jeannée“ bekommen, Sie waren auch am Opernball – wie bekommt Ihnen das Wiener Kulturklima nach der ersten Halbzeit?
Hartmann: Es bekommt mir glänzend. Gerade die Extreme, die schnellen Wechsel von Heiß zu Kalt finde ich höchst stimulierend. Das Publikum nimmt uns begeistert auf und schickt Hassbriefe, wenn wir den jungen Leuten ein Forum auf der Bühne geben, wie anlässlich der Studentenstreiks geschehen. Ich wage erste Schritte in die sogenannte Wiener Gesellschaft und bin dann plötzlich mit der kleinsten Meinungsäußerung in den Schlagzeilen. Jede Äußerung wird versucht für die eigenen politischen Zwecke zu verbiegen. Wunderbar!

'Erlaube mir offenes Ende'
FORMAT: Resultiert daraus der Wunsch, keine „Ergebnisbedienungsmaschine“ zu werden – also nicht mehr nur auf Premierentermine hinzuarbeiten –, und damit die Form der „Krieg und Frieden“-Produktion?
Hartmann: Nein, das hat nur etwas mit meiner persönlichen Entwicklung als Künstler zu tun. Übrigens heißt das Projekt jetzt „‚Krieg und Frieden‘, Teile aus dem Ersten Buch von Leo Tolstoi“. Ich erlaube mir jetzt etwas, was sich wohl jeder Regisseur einmal wünscht. Ein offenes Ende und eine Probensituation, die tatsächlich nahezu alle Impulse von innen und außen aufnehmen kann.
FORMAT: Wie lässt sich das im Burgtheater-Betrieb umsetzen?
Hartmann: Mit großer Sturheit, einem höchst flexiblen Ensemble und Mitarbeitern, die mir vertrauen. Und sie vertrauen darauf, dass ich mich nach diesem Experiment wieder in eine Ergebnisbedienungsmaschine rückverwandeln werde…
FORMAT: Was hat das Publikum am 14. 4. zu erwarten?
Hartmann: Tolstois Roman von Seite eins bis tausendeinhundertsiebzehn? Nein, ich weiß das heute tatsächlich noch nicht. Sie werden hoffentlich Geschichten von Menschen erleben, die allesamt einschneidende Wendungen aufgrund des Kriegsirrsinns erfahren haben und gemeinsam versuchen, davon zu erzählen. Die sich unter anderem Fragen stellen wie „Warum dieser Krieg?“ und „Was ist es eigentlich für eine Kraft, die alles regiert?“.

'Ich möchte offen für vieles bleiben'
FORMAT: Sie haben mehrfach Angst als Motor genannt. Heißt das, dass Sie bei dieser Produktion auf Höchsttouren laufen? Oder wie anders ist es zu schaffen, „Krieg und Frieden“ an einem Abend zu bewältigen?
Hartmann: Angst als Motor existiert ja in jeder Probenzeit, und auf Höchsttouren laufe ich ständig. Tolstois Roman auf die Bühne zu bringen ist ein großes Abenteuer, aber bei Abenteuern geht es ja weniger ums Bewältigen als vielmehr ums Erkunden. Wir sind ja auf der Suche nach einer Dramatisierungsmöglichkeit der narrativen Form.
FORMAT: Worin kann dann noch die Steigerung beziehungsweise die nächste Bühnen-Herausforderung liegen?
Hartmann: Ich will mich in dem Sinn nicht steigern, ich möchte offen für vieles bleiben. Das können jetzt so spektakuläre Projekte wie Tolstoi sein, das kann aber auch etwas ganz Unscheinbares sein, das, von der Öffentlichkeit unbemerkt, dennoch für mich ein neues Terrain sein wird.
FORMAT: Kehren wir zum Klima zurück: Auch die Salzburger Festspiele sind kein einfaches Pflaster. Mit welchen Gefühlen gehen Sie in die ersten Proben zu „Phädra“ mit Extremspielern wie Sunnyi Melles und Paulus Manker?
Hartmann: Noch haben wir nicht angefangen. Salzburg ist mir nicht fremd, ich hoffe, dass man sich dort bis zum Sommer wieder auf das Eigentliche, auf die Kunst konzentrieren kann. Mit Sunnyi Melles zu arbeiten bereitet mir großes Vergnügen, wir kennen uns, wir wissen, worauf wir uns einlassen. Und auf Paulus Manker bin ich einfach mal gespannt.

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