Tocotronic: Comeback auf der Höhe der Zeit

Tocotronic: Comeback auf der Höhe der Zeit

Es sollen 99 Thesen sein, die bis 25. Jänner auf der Website von Tocotronic veröffentlicht werden. An diesem Tag erscheint mit "Wie wir leben wollen“ das zehnte Album einer der letzten relevanten deutschsprachigen Bands.

Und auf ebenjenen Titel beziehen sich besagte Thesen - so wollen wir leben: "Als Zeichentrickgestalten“ etwa, "als Mythos, aber ohne Pracht“, "wie eine Haubitze“, " sich selbst verdauend“ - oder schlicht: "Am Nachmittag“. All das ist nicht nur einfach so beiläufig hingekritzelt, wie es vielleicht das Artwork des Tonträgers suggerieren mag; all das sind Fragmente aus den Texten zu den 17 neuen Stücken. Wobei wohl nur eine Band wie Tocotronic ein Wort wie "Haubitze“ in einem Pop-Song verpacken kann.

Ein Blick zurück

Im Sommer 1993 tun sich die drei Studenten Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank in Hamburg zusammen, um Musik zu machen. Man frönt der gemeinsamen Vorliebe für US-amerikanischen Indie-Rock, für Punk und Hardcore, versieht dies mit deutschen Texten, die vor Slogans und juvenilem Unmut nur so strotzen: "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, "Gitarrenhändler, ihr seid Schweine“, "Michael Ende, du hast mein Leben zerstört“ sowie die nicht unberechtigte Frage "Gehen die Leute auf der Straße eigentlich absichtlich so langsam?“.

All das wird mit kultiviertem Dilettantismus vorgetragen, auch das Aussehen des Trios ist einzigartig: Um sich von den langhaarigen Grungern, den tätowierten Hardcore-Punks und den Anzug tragenden Diskurs-Poppern zu distanzieren, trägt man Seitenscheitelfrisuren, Cordhosen und Trainingsjacken vom Flohmarkt - ein Look, der Ende der 1990er eine gesamte Jugendkultur definiert.

Zu diesem Zeitpunkt sind die "Tocos“, wie sie von ihrer stets wachsenden Fangemeinde genannt werden, allerdings schon einige Schritte weiter, nicht nur optisch (keine Trainingsjacken, keine Cordhosen), sondern vor allem musikalisch und textlich. Die Songs sind ausgeklügelter, die Lyrics chiffriert und voller Metaphern. "Vorwerfen kann man ihnen eigentlich nur eines: ihre Epigonen“, meinte Andreas Spechtl, Sänger der in Berlin ansässigen österreichischen Kritiker-Lieblinge Ja, Panik jüngst in der deutschen Popkultur-Zeitschrift "Spex“. Denn die gibt es zuhauf - wobei es sich dabei meist um modern verpackten Schlager mit verzerrten Gitarren handelt.

Und jetzt?

Mittlerweile spielen Tocotronic, seit 2004 um den US-Amerikaner Rick McPhail als zweiten Gitarristen ergänzt, als Headliner auf den allsommerlichen Open-Air-Festivals, mit dem Abschluss ihrer "Berlin-Trilogie“, dem Album "Schall & Wahn“, erklommen sie gar die Spitze der deutschen Album-Charts. "Wie wir leben wollen“ ist nun also das zehnte Album in zwanzig Jahren Bandgeschichte. Aufgenommen auf einer analogen Vier-Spur-Tonbandmaschine aus dem Jahre 1958, frönt man der Sound-Ästhetik der Beatles oder der Beach Boys, ohne dabei tatsächlich wie eine der beiden Pop-Institutionen zu klingen.

Das mag auch an Sänger Dirk von Lowtzows Aversion gegenüber dem Authentizitätsbegriff in der Kunst liegen, wie er gegenüber dem deutschen "Rolling Stone“ erörtert: "Diese Idee einer Innerlichkeit, die interessiert mich nicht so. Das ist bei mir eine ähnliche Abneigung wie gegen Authentizität oder so was wie ‚Die Gefühle - das wahre Ich‘. - Ich finde es interessanter zu fragen: ‚Was ist der Körper?‘“ Wer sich mit dem Körper auseinandersetzt, thematisiert auch dessen Verfall. Während an einer Stelle gar die Abschaffung des Todes eingefordert wird, lautet schon die zweite Zeile des ersten Songs "Im Keller“: "Bald bin ich kalt.“ Mit Anfang vierzig darf man sich derlei Gedanken machen.

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