'The Artist': Stummfilm ist Oscar-Favorit

Gegen die Sehgewohnheiten. In Zeiten von Hightech-Animationen und 3D-Tricks sorgt mit der französischen Hollywood-Hommage „The Artist“ ein Schwarzweiß-Stummfilm für Entzücken.

Hommagen sind oft mit Vorsicht zu genießende Angelegenheiten. Passt man nicht auf, geht einem die Leidenschaft für den zu huldigenden Gegenstand über, und man verliert sich – schließlich ist man ja mit beiden Beinen fest in der Gegenwart verankert – im postmodernen Zitatengewirks. Rettung verspricht dann meistens nur noch eine augenzwinkernde Übersteigerung ins Satirische.

Es ist anzunehmen, dass der französische Regisseur Michel Hazanavicius um diese Gefahren Bescheid weiß. Der leidenschaftliche Filmemacher verbeugte sich 2006 und 2009 – wenn auch unter der offiziellen Flagge der Parodie – mit der zweiteiligen Filmserie „OSS 117“ vor den Agenten- und Spionagefilmen der 60er- und 70er-Jahre. Die Streifen wurden zum Erfolg und genießen bereits jetzt so etwas wie Kultcharakter.

Keine Dialoge, alles schwarzweiß

Für seinen aktuellen Film „The Artist“ geht der Franzose noch einige Schritte weiter. Er reist in die Kinogeschichte in die späten 1920er-Jahre zurück und dreht, nach allen Regeln der heutigen Kunst, einen Stummfilm. Keine Dialoge und alles schwarzweiß. Kino wie zu Olims Zeiten also, lediglich dick orchestrierte Musik ist auf der Tonspur. Dabei erzählt Hazanavicius eine ganz konventionelle Liebesgeschichte, mit einer ordentlichen Portion Tragik. Auf der einen Seite der gefeierte und umjubelte Stummfilmstar George Valentin (Jean Dujardin). Auf der anderen Seite das ambitionierte Starlet Peppy Miller (Bérénice Bejo). Während Valentin nicht wahrhaben will, dass der Stummfilm im Wachkoma liegt und er langsam seinem Karriereende zugeht, entwickelt sich Peppy Miller zur ersten Diva des Tonfilms. Dazwischen gibt es mit Eheproblemen, Scheidung, Privatkonkurs, Alkoholproblemen, gekränkter Eitelkeit und Suizidversuch so ziemlich alles, was das Storytelling an Klischees bereithält. Da wird nichts hinterfragt oder auseinandergenommen, im Gegenteil, das Abfeiern des Erwartbaren treibt die Handlung in Richtung Happy End.

So süß

Stereotype sind hier also tragende Säulen, die unter keinen Umständen von der Säure der Parodie zersetzt werden dürfen. Das kann in den ganzen 100 Minuten mitunter sehr anstrengend zu konsumieren sein, da nicht nur Sehgewohnheiten, sondern auch Denkmuster unterlaufen und acht Jahrzehnte zurückgeführt werden. Gerne wird dabei mal mit süßlichen Gags und leisem Humor auf der Metaebene operiert. Das hat aber, wenn beispielsweise einmal doch die Musik verstummt und Alltagsgeräusche zu hören sind oder der kleine schlaue Terrier von Valentin alle großen Leinwandhunde der Kinogeschichte zitiert, durchaus seinen Reiz.

Michel Hazanavicius will seinen Film letztlich als Verbeugung vor den alten Leistungen Hollywoods verstanden wissen. Gerne fallen dabei Namen wie Lubitsch, Murnau, Wilder, Lang, Ford, Chaplin oder Hitchcock, dessen Filmmusik zu „Vertigo“ sehr deutlich, laut und oft zur Untermalung herhalten muss. Das ärgert übrigens Kim Novak, einst Hauptdarstellerin im Hitchcock-Klassiker, besonders: Sie inserierte gleich mal eine ganzseitige Beschwerde im Branchenblatt „Variety“, da sie das Zitat mehr als dreistes Plagiat interpretiert.

Die Hollywoodlegende steht damit aber ein wenig alleine da, denn bei der Kritik kommt der Film gut an. Hauptdarsteller Jean Dujardin erhielt für sein Spiel in Cannes den Darstellerpreis, das Werk ist für sechs Golden Globes nominiert und gilt auch bei den Oscars als Favorit.

Ab 27. 1. im Kino.

– Manfred Gram

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