Szenen einer Ehe: Die Schriftsteller
Helfer und Köhlmeier im literarischen Dialog

Das Schriftstellerpaar Monika Helfer und Michael Köhlmeier präsentiert je einen Roman über die Freundschaft eines Erwachsenen zu einem kleinen Mädchen. Dazu weitere Österreich-Highlights im Bücherherbst.

Es wirkt wie ein Spiel zwischen einer Schriftstellerin und einem Schriftsteller, die seit langem miteinander verheiratet sind, Seite an Seite ihre Bücher schreiben und gerade beide einen neuen Roman auf den Markt bringen. Monika Helfer und Michael Köhlmeier winken einander aus ihren neuen Büchern zu und geben Hinweise aufeinander – einmal deutlicher, einmal weniger, als schickten sie sich kollegiale Grüße über zwei Buchdeckel hinweg.

Das Spiel geht so: In Michael Köhlmeiers „ Madalyn“ übernachtet der Protagonist – ein bekannter Autor wie sein Erfinder – für eine Nacht im Wiener Hotel Ananas, das sich angeblich in Gewerkschaftsbesitz befindet. Erzählt habe ihm das, so Köhlmeiers Held ganz nebenbei, „eine Kollegin, die dort eine verzweifelte Romanfigur für eine Zeit lang untergebracht hat“. Diese verzweifelte Figur ist Josi Bartok, eine vom Schicksal gebeutelte Wiener Psychiaterin, die in Monika Helfers neuem Buch „Bevor ich schlafen kann“ in äußerster Verwirrung von zuhause ins Hotel Ananas flieht, als ihr der Ehemann nach zwanzig Jahren mitteilt, schwul zu sein. Zur Ablenkung und von ihrer besorgten Familie gedrängt, reist Josi ein paar Wochen später auf die griechische Insel Hydra, um an einem Erzählseminar des Schriftstellers Michael Köhlmeier über die Sagen des griechischen Altertums teilzunehmen. Dort trifft Josi zuerst die eigenwillige zwölfjährige Tochter von Michael Köhlmeier und Monika Helfer, die ihr mitteilt: „Ich heiße Paula. Mein Vater ist der Köhlmeier. Wir sitzen ganz hinten in der Ecke. Meine Mutter will das. Sie will nicht unter die Leute.“

Schicksalsschlag: Tod der Tochter Paula

Nicht nur die literarische Köhlmeier-Ehefrau Monika Helfer ist menschenscheu, auch der realen eilt der Ruf voraus, der medialen Öffentlichkeit so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen. Und dann ist da eben noch das Mädchen Paula – die Paula im Buch ihrer Mutter und im wirklichen Leben, in dem Paula Köhlmeier 2003 als 21-Jährige bei einem Spaziergang im vorarlbergischen Hohenems, dem Wohnort ihrer Familie, tödlich verunglückte. Sein Schmerz „ist seither nicht geringer“ geworden, sagte Michael Köhlmeier im Vorjahr, als seine Novelle „Idylle mit ertrinkendem Hund“ erschien, die allgemein als Auseinandersetzung mit dem Tod seiner Tochter gedeutet wurde. Paula habe sich eher plötzlich nahtlos in seine Novelle eingefügt. Geplant, sagte Köhlmeier, sei das nicht gewesen, und als Trauerarbeit wollte er das Buch nie verstanden wissen. Sicher auch „Madalyn“ nicht.

Und gewiss ist auch Monika Helfers neues Buch „Bevor ich schlafen kann“ keine Trauerarbeit zum Tod der gemeinsamen Tochter. Der Bezug ist anders. Es ist vor allem ein Liebessehnsuchtsbuch, in dem der Schmerz eine große Rolle spielt. Den Josi Bartok, Helfers Heldin, ist eine, die gleich eingangs konstatiert, dass das Unglück „immer zweimal oder dreimal oder sogar viermal“ kommt, und das „immer … kurz hintereinander“. Denn knapp bevor ihr Mann seine Homosexualität aufdeckt, mussten Josi beide Brüste abgenommen werden. Doppel-Unglück, auf das sie mit einer unvergleichlich schön beschriebenen Mischung aus Schmerz und Aggression, Träumerei und Einsiedelei, Zukunftshoffnung und kleinen Stützritualen reagiert.

Eine Widersprüchliche ist sie immer gewesen, jetzt nach der Trennung gibt sie sich als „zarter Herr“, indem sie nur mehr Anzüge trägt und es ebenso bewusst wie unbewusst darauf anlegt, immer eine – idealerweise bestaunte – Außenseiterrolle einzunehmen. „Wie konnte es mir nur glücken, von Anfang an die andere zu sein“, fragt sich Josi halb kokett, halb traurig. Das wirklich Tragfähige in dieser Geschichte ist die Beziehung zur kleinen Paula. Im Umgang miteinander gelingt beiden große Aufrichtigkeit. Insofern erzählt dieses Buch vor allem von einer gelungenen Freundschaft zwischen einer Frau und einem Mädchen. Das Autobiografische daran liegt, wenn man es denn schon sucht, in dem sehnsüchtigen Ton, der Nachricht gibt davon, dass jemand an einen Ort seiner Vergangenheit nicht mehr zurückkann.

In Michael Köhlmeiers neuem Buch ist es ebenso die Freundschaft zu einem Mädchen, die im Vordergrund steht. Köhlmeiers Held, der Schriftsteller Sebastian Lukasser, wird darin – halb wider Willen – zum Vertrauten der Nachbarstochter Madalyn, deren Entwicklung er vom Kindergarten bis in die Pubertät begleitet. Er wird auch zum Chronisten ihrer ersten großen Liebesgeschichte mit einem Schulkollegen. Famos beschreibt Köhlmeier die wild ausschlagenden Emotionen, Stimmungen und Unsicherheiten eines von den Eltern streng gehaltenen Teenagers – und er beschreibt, wie sich das Interesse des befreundeten Schriftstellers mehr auf die Beobachtung Madalyns konzentriert als darauf, sie in allem zu unterstützen. Denn Köhlmeiers Held, der Autor, weiß von sich, „dass meine Verantwortung dem Leben gegenüber darin bestand, das eigene Erleben so gering wie möglich zu halten, weil ich das Glück des Beschreibens für unvergleichlich größer empfand“.

– Julia Kospach

Leben

Vinyl-Boom bringt Kult-Plattenspieler zurück

Kultur & Style

ePaper Download: Das Ranking der 500 wichtigsten Künstler Österreichs

Kultur & Style

★ David Bowie: Starman, Waiting in the Sky★