Sunnyboys waren gestern: Jan Kossdorffs neue Satire über das Platzen der IT-Blase

Das Schiff sinkt. Der Kapitän ist nicht da. Und seine Braut liebt man auch noch. Jan Kossdorff schildert an einem Einzel–schicksal das Platzen der Dotcom-Blase. Lachgefahr.

Wenn es sich nicht gerade um eine lupenreine Autobio­grafie handelt, ist es natürlich verpönt, Schriftsteller zu sehr mit ihren literarischen Helden, mit ihrem Figureninventar in Verbindung zu bringen. Diese Binsenweisheit hat natürlich auch für Jan Kossdorffs neuen Roman „Spam!“ zu gelten. Allerdings weiß der Wiener nur allzu genau, wovon er in seinem kurzweiligen Mailroman schreibt, wenn er das Platzen der Dotcom-Blase vor zehn Jahren schildert.

Sattes Gehalt war gestern
Er war nämlich damals als junger, leitender Angestellter in der IT-Branche dabei. Der BMW-Dienstwagen stand vor der Tür, wahlweise konnte auf eine Ducati umgesattelt werden, und 14-mal im Jahr gab es ein sattes Gehalt. Sein rasant-satirisches Büro-Drama „Spam!“ fängt so auch die Grundstimmung der Jahrtausendwende sehr gut ein. Die Goldrauschstimmung, der dann ein formidabler Kater folgte. „Eigentlich waren es viele Räusche und viele Kater, und aus dem Zorn, als dann alles endgültig vorbei war, ist ‚Spam!‘ entstanden“, erinnert sich der 35-jährige Autor an die guten alten IT-Zeiten zurück.

Da geht die Post ab
Seine E-Mail-Posse rund um den 27-jährigen Community-Manager Alex enthält jedenfalls ordentlich Würze und Schmäh. Vor allem, weil der junge Held in seiner Rolle als kleiner Arsch mit Ohren durchaus so etwas wie ein verkappter Romantiker ist, der in ­Gegenwart der Auserwählten ins Tölpel­­haft-Trottelige abdriftet. Sympathisch, ­irgendwie. Aber doch schon ziemlich
in Richtung Borderlinesyndrom weisend, wenn Frust unter Massen von Bierschaum kurzfristig begraben wird oder in psycho­hygienischen Mail-Tiraden alles rausgelassen wird, was so an verdauungsstörenden Brocken im Magen herumliegt. Und das ist einiges, denn die umworbene Holde, die blond gelockte Projektleiterin Judith, ist irgendwie mit dem Chef des sinkenden IT-Dampfers verbandelt. Volle Kraft voraus in Richtung Untergang. Emotional und ökonomisch. Oder gibt es vielleicht doch noch ein Happy End?

Chronisch anachronistisch
„Alex sagt alles, was ich damals in meinem Job gerne losgeworden wäre“, präzisiert Kossdorff etwaige Parallelen zwischen sich und seiner Hauptfigur. Aufgeschrieben hat er das alles bereits innerhalb weniger Wochen 2002.Es fand sich allerdings damals kein Verlag, der sich auf das noch avantgardistisch anmutende Subgenre E-Mail-Roman einlassen wollte. Das hat sich in der Zwischenzeit (Stichwort: Daniel Glatt­auer!) ja ziemlich geändert. „Meine Befürchtungen, dass der Stoff alt geworden sein könnte, haben sich nicht bewahrheitet. Einige Absurditäten zeigen sich durch den Abstand der Jahre sogar nun noch deutlicher“, bilanziert Kossdorff, der neben seiner Autorentätigkeit auch als Werbetexter arbeitet.

Abgedrehte Bürosatire
„Ich habe zudem fürs Buch ­einiges übernommen, was in der Branche, vor allem in Deutschland und den USA, wirklich passiert ist – etwa dass sich Leute mit Firmengeld einfach absetzten“, erzählt der Autor, dem im Vorjahr mit seinem Debüt­roman „Sunnyboys“ (Milena Verlag) ein Bestseller gelungen ist. Für guten Witz und stimmige Bilder sorgen im neuen Werk zudem die kleinen Technik-Anachronismen. Etwa wenn zwischen Usern ein Kleinkrieg um einen MP3-Player ausbricht, der gerade einmal sechs Songs fasst. Kossdorff ist mit „Spam!“ eine abgedrehte Büro-Satire gelungen, die sich kurzweilig zeigt, ohne dabei ins Triviale zu gleiten. Unterhaltungsliteratur im besten Sinne also und irgendwie – wenn man denn will – gleich gut wie ein früher Nick Hornby.

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