Steven Uhly über sein Romandebüt: „Ich wollte mich selbst überraschen“

Steven Uhly lässt in seinem fulminanten Romandebüt „Mein Leben in Aspik“ keinen Tabubruch aus.

Es sei das eigentlich gar nicht sein Debütroman, scherzt Steven Uhly. Er habe, so der 46-jährige Deutsche mit bengalischen Wurzeln, seinen ersten Roman schon mit elf Jahren geschrieben. Wochenlang habe er damals jeden Abend vor dem Einschlafen zehn Seiten aufgezeichnet. Nach 142 Seiten wurde das Projekt über die Abenteuer eines Trappers in Kanada aber aus Erschöpfung eingestellt. Mit 14 begann er dann den nächsten Roman. „Ich war immer getrieben davon, durch Sprache zur Erkenntnis zu kommen“, definiert sich der Autor und Literaturwissenschaftler – der mittlerweile fünf Sprachen spricht – als Kopfmensch. Auch wenn seine Biografie durchaus Waghalsiges verzeichnet, wie Jahre am Amazonas.

Am 30. 8. kommt nun tatsächlich ein Roman von Stefan Uhly auf den Markt. Auch „Mein Leben in Aspik“ entstand in Etappen: „Zwischen den ersten 100 und den letzten 200 Seiten lagen dreieinhalb Jahre Pause“, bekennt Uhly, der heute mit seiner Familie in München lebt. Dazwischen hat er als Übersetzter gearbeitet und das Fragment vergessen.

Unter leichtem Druck seines Freundes Christian Ruzicska, in dessen neu gegründetem Verlag das Buch nun erscheint, hat er den Roman fertig gestellt. Und Steven Uhly ist damit ein heftiger Wurf gelungen. Sprachlich präzise, erzählt er die Hardcore-Version einer Familienchronik. Eine bitter groteske, schwarzhumorige fiktive Biografie, die viele Lesarten zulässt.

Uhly lässt in seiner Familiengeschichte, die in Deutschland der 60er-Jahre startet und in die Gegenwart führt, kein gängiges Tabu aus und dem Leser immer wieder das Lachen im Hals stecken: Inzest, Sex im Alter und in jeder Spielart, Rotlichtmilieu und Drogen.

„Meine Oma hat nie einen Hehl aus ihren Gefühlen gemacht“, startet der Ich-Erzähler mit Mordplänen an ihrem Mann, die die Oma ihrem neunjährigen Enkel zur guten Nacht mitgibt. Als der Opa Jahre später wirklich ermordet wird, beginnt eine Tour de Force in die Vergangenheit der Familie: für den Ich-Erzähler gleich einer Fahrt auf einer Achterbahn, bei der man die Schrauben gelockert hat. Nichts hat Bestand. Der Held erfährt, dass sein verstorbener Opa gar nicht sein richtiger war, dass sein absenter Vater die Mutter mit der Oma betrogen hat, was eine Halbschwester hervorbrachte, die nun ihn verführt, obwohl sie auch ein Verhältnis mit dem eigenen Vater hat. In einer haarsträubenden Aktion schwängert der Enkel in der Folge seine Oma, die das Kind wiederum ihrem neuen jungen Liebhaber unterjubelt. Keine Wahrheit ist sicher. Da will sich einer aus den Umständen, in die er hineingeboren wurde, lösen und verstrickt sich immer mehr darin.

„Ich habe das Buch geschrieben, um mich selbst zu überraschen“, distanziert sich Uhly von jedem Gedanken an Provokation. „Das wirklich Überraschende ist, dass, wenn es heute um Liebe geht, die Pornografie nie weit ist. Als ob die Pornografie die gescheiterte Variante der Liebe wäre. Im Großen basiert der Roman tatsächlich auf Geschichten, die mir Leute aus ihrem Leben erzählt haben.“ „Mein Leben in Aspik“ ist ein Schelmenroman in der Tradition der überbordenden südamerikanischen Fabulierlust. Und durchgehend ironisch. Uhlys Held fällt – äußerst unmännlich – immer dann, wenn er zu viel Input bekommt und seinen Geist verschließen muss, in Ohnmacht. „Es ist“, so der Autor „ein Buch der starken Frauen, die sich durchaus auch auf eine Katastrophe hinbewegen, und der verlorenen Männer, die auf der Suche sind und nichts finden.“

Der Autor selbst ist bei weitem nicht so naiv wie sein Protagonist, dem er in der zweiten Romanhälfte sogar seinen Namen gibt. – Ein bösartiges Spiel mit Authentizität und Sensationsgier. „Im Moment ist es ja so, dass jedes Buch, das wichtig sein will, auf einer wahren Begebenheit beruhen muss, was den Begriff der Literatur eigentlich unterwandert“, analysiert Uhly. „Ich kann mir gut vorstellen, dass das Buch missverstanden werden kann, dass vieles ernst genommen wird, was Ironie ist.

Mir ging es darum, zu untersuchen, wie die Vergangenheit in der Gegenwart präsent ist. Welche Formen gescheiterte Liebe annimmt und wie viel Macht das hat.“ Einen Kick in the Head hat der Erzähler beim Küssen seiner Halbschwester, der ihn Bilder sehen lässt. So einen „Kick in the Head“ beschert „Mein Leben in Aspik“ auch dem Leser.

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