Steven Spielberg verfilmt Kult-Comic Tim und Struppi

Drei zum Preis von einem: Mit der Hightech-Verfilmung der Kult-Comic-Vorlage „Tim und Struppi“ hat Steven Spielberg gleich drei neue Bereiche für sich erschlossen: 3D-Technik, Animationsfilm & Comic.

Wenn Steven Spielberg mehrere Dinge in einem Aufwischen erledigen kann, dann tut er es. Bis dato hat der kommerziell erfolgreichste Regisseur der Welt nämlich weder einen 3D-Film gedreht noch eine Comicvorlage verfilmt und auch noch keinen Animationsfilm auf die Leinwand gebracht. Mit „Tim und Struppi – Das Geheimnis der Einhorn“ holt der 64-Jährige diese Versäumnisse nun in einem einzigen Film nach.

Dafür stellte sich Spielberg ein Team aus Könnern zusammen. So verstärkte etwa Peter Jackson, der ja erfolgreich Tolkiens „Herr der Ringe“-Trilogie verfilmte, sein Produktionsteam. Der Neuseeländer soll zudem auch als Regisseur eine ziemlich sichere Fortsetzung des Abenteuers verwirklichen. Außerdem verpflichtete Spielberg mit Steven Moffat, Edgar Wright und Joe Cornish drei Drehbuchschreiber, die zu den besten ihrer Zunft zählen und jeder für sich für seine irrwitzigen, trashigen Einfälle berühmt und berüchtigt ist.

Der Auserwählte

Dennoch: Comicvorlagen adäquat zu verfilmen ist eine äußerst heikle Angelegenheit, bei der sehr behutsam zu Werke gegangen werden muss. Denn man legt sich dabei nämlich meist mit einer eingeschworenen Fangemeinde an, die höchst sensibel und vor allem unversöhnlich auf jedwede Schändung ihrer gezeichneten Helden reagiert. Da Spielberg überhaupt erst im fortgeschrittenen Alter auf die Abenteuer von Tim und seinem treuen Foxterrier Struppi aufmerksam geworden ist, gibt es seitens der Fans vorab vorsichtshalber das Gegenteil von Vorschusslorbeeren.

Verfallen ist der Amerikaner den Abenteuern des ungleichen Duos trotzdem ab der ersten Comicseite, wie er betont. Und damit gleich gar keine weiteren Zweifel an etwaigen Kompetenzen des Über-Regisseurs in Sachen Tim und Struppi aufkommen, wird beharrlich darauf hingewiesen, dass Spielberg der Auserwählte ist. Denn in den frühen 80er-Jahren ließ Hergé, der Erfinder und Zeichner des rasenden Reporterduos Tim und Struppi, verlauten, dass nur ein Mann dereinst die Abenteuer seines rotschopfigen Helden in Knickerbockern verfilmen kann: Steven Spielberg.

Grund für diese Annahme: der erste Teil von Spielbergs „Indiana Jones“-Trilogie, den Hergé als äußerst beeindruckend empfand. Spielberg – derart geadelt – fragte nach den Rechten an einer Verfilmung. Kurz bevor es in Brüssel zu einem Treffen zwischen den beiden kommen sollte, starb allerdings Hergé. Als Verneigung vor dem großen Zeichner ging die Weltpremiere des ersten Kinoabenteuers von Tintin und Milou, wie Tim und Struppi im französischen Original heißen, nun auch in der belgischen Hauptstadt über die Bühne.

Hightech-Mimen

28 Jahre hält Spielberg also bereits die Rechte an Hergés „Les Aventures de Tintin“ und wird nicht müde, in Interviews zu betonen, dass eine Realverfilmung des Stoffs bis dato nie infrage gekommen sei. Er scheint in der Zwischenzeit auf den technischen Fortschritt gewartet zu haben. Wenn schon – so die Devise –, dann muss das ganze Projekt gleich neue Standards bei der Tricktechnik setzen. Für die Hund-und-Herrl-Geschichten des jungen Investigativjournalisten Tim ging man bis an die möglichen Grenzen der hochkomplexen Performance-Capture-Technik, die momentan im Animationsgenre State of the Art ist.

Menschliche Tricks

Schauspielern werden dabei Ganzkörperanzüge verpasst, die alle ihre Bewegungen vor einer weißen und grauen Bühne, dem Volume, mit über 100 Kameras aufzeichnen. Diese Aufzeichnungen werden dann digitalisiert, für dreidimensionale Räume hochgerechnet und anschließend in die am Computer entstandene Kulisse montiert. Zudem tragen die Schauspieler auch noch einen Football-Helm, in dem eine Kamera eingebaut ist, die dann die Mimik exakt registriert und ebenfalls auf die im Computer kreierten Figuren überträgt.

Das Resultat sind digitale Trickfiguren mit äußerst menschlichen Regungen. Beseelt und authentisch seien diese, schwärmen die Filmemacher. So entstand übrigens auch der Box-Office-Schlager „Avatar“. In den drei Jahren, die seitdem vergangen sind, entwickelte sich in technischen Belangen aber einiges weiter – das bekommt man nun deutlich vorgeführt.

Steven Spielberg steckte für seine Tim-und-Struppi-Interpretation, die mit knapp 140 Millionen Dollar Kosten ein für derartige Spektakel verhältnismäßig überschaubares Budget zur Verfügung hatte, hochkarätige Mimen in die Performance-Capture-Anzüge und schickte sie auf ihrer Jagd nach drei Schatzkarten bis nach Nordafrika. Daniel Craig gibt dabei den ekelhaften Bösewicht Iwan Iwanowitsch Sakharin, der Tim, gespielt von Jamie Bell („Billy Elliot“), nach dem Leben trachtet. Tims – neben Hund Struppi – zweiter Sidekick, der ständig rauchende und fluchende Captain Haddock, bekommt von Andy Serkis, einem der in Performance Capture erfahrensten Schauspieler Hollywoods („Planet der Affen“), den letzten menschlichen Schliff. Und zwar so, dass man durchaus Mitgefühl für den gescheiterten, tollpatschigen Tschecheranten empfindet.

Ansonsten gelingt es Spielberg und seinem Stab, mit Liebe zum Detail und diskreten Zitaten drei zentrale Geschichten aus dem Hergé-Katalog zu einem recht spannenden Action-Abenteuer zusammenzuschmelzen. Sichtbar ohne Scheu vor der Vorlage, aber doch mit allem dazu benötigten Respekt wird eine geradlinige Abenteuergeschichte erzählt, die überraschenderweise dann doch ihre kleinen Durchhänger hat, bis sie gegen Ende noch mal spektakulär aufs Action- Gaspedal drückt. Wer in Hightech verpackte erzähltechnische Rückwärtsgewandtheit charmant findet, wird Freude an Spielbergs neuem Abenteuer finden.

– Manfred Gram

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