Steve Buscemi: Erfolgreiche Schauspieler und Regisseur ist beim Verlieren immer der Erste

Der Schauspieler und Regisseur Steve Buscemi hat das Scheitern zum Programm, nein, zur Kunst erhoben. In seiner vierten Regiearbeit "Interview" variiert und inszeniert er sich selbst als schräger Journalist mit intellektuellem Touch.

Im Schneethriller "Fargo" verschwindet er - Kopf voran - in einer Häckselmaschine. In der vertrackten Outsiderkomödie "Ghost World" wird er stranguliert ins Spital eingeliefert. Und in "The Big Lebowski" verstirbt er aus purer Angst an einem Herzinfarkt. An derartigen Schicksalen gemessen, ist die Platzwunde, die sich Steve Buscemi in "Interview" in einem Taxi holt, geradezu erholsam. Sein jüngster Film - ein Remake des ermordeten niederländischen Filmemachers Theo van Gogh - ist zugleich die vierte Regiearbeit fürs Kino.

Im Gespräch
Wie schon "Trees Lounge" 1996 ist auch "Interview" eine gut schattierte gesellschaftliche Versuchsanordnung. Ein verkorkster Journalist (Steve Buscemi) trifft auf eine überdrehte B-Movie-Darstellerin (Sienna Miller), und schon bald fahren beide in deren Loft emotional Hochschaubahn. Freilich wird nie ganz klar, ob die Tränen und erotischen Annäherungen, die hastig herausgewürgten Lebensbeichten nun echt sind oder aus strategischen Gründen erfolgen. Am Ende zerplatzt das Geplänkel jedenfalls wie eine große schillernde Blase. Doch das ist gar nicht so wichtig. "Interview" lebt von Buscemis eigentümlichem Humor, der Pointen nicht schlagartig, sondern zähflüssig, fast widerstrebend setzt, immer durch seine schnarrende Stimme gefärbt. Die Atonalität dieser Komödie erhält durch die fahrige, multiperspektivische Inszenierung von Theo van Goghs Kamerateam noch ordentlich Drive.

Paranoide Loser
Insgesamt ist "Interview" mit seinen schnellen Stimmungswechseln deutlich dem europäischen Autorenkino geschuldet. Aber selbst wenn dieser Film nicht ganz in das Freakshow-Portfolio des mittlerweile 51-jährigen New Yorkers passt, so scheint er selbst doch ganz der, den wir aus mittlerweile 90 Kinofilmen kennen. Dort gibt er, zumeist in Supporting Acts, den liebenswerten, leicht paranoiden Loser. Buscemi kann mit dieser Etikettierung allerdings nichts anfangen. "Wieso sprechen Sie immer von Verlierern?", fragt er in einem Interview fast gekränkt, wo sich viele seiner Figuren aus dem Blue-Collar-Milieu doch jedem gesellschaftlichen Konkurrenzdenken entziehen würden. - Und damit also gar nicht verlieren können. "Ihnen geht es darum, zu leben", sagt Buscemi, "zu überleben."

Körperliche Zurichtung
Wie sehr das Leben dieser Charaktere mit der Physiognomie Buscemis selbst verschmilzt, daran kommt ein Text ebenso wenig wie eine Visagistin und ein Beleuchter vorbei. Auch in "Interview" hebt sich Buscemis fahl-grünlicher Teint deutlich von den kräftigen Farbtönen seiner Kontrahentin ab. Und natürlich hängen ihm die Lippen wieder wie Rindsleberstücke aus dem Gesicht, wohlweislich durch das kräftige Zahnwerk dahinter gestützt. Die physische Erscheinung Buscemis und die eingangs zitierte Zurichtung seines filmischen Körpers gehen, scheint's, seit Anbeginn Hand in Hand. So verhehlt der Schauspieler seine persönlichen Unfälle nicht.

Schauspielausbildung dank Unfall
Schon im Alter von vier Jahren sei er in dem kleinbürgerlichen Bezirk New Yorks, wo er mit seinen Eltern und Geschwistern aufgewachsen ist, in einen Bus gelaufen. Eine Schädelfraktur war die Folge. Später haben ihn ein Auto und noch ein Bus erwischt, mit dem Schmerzensgeld leistete er sich immerhin die mythisch verehrte Schauspielausbildung von Lee Strasberg (Stichwort: Marlon Brando und Method Acting). Danach "schlug" der Anfangszwanziger doch noch einige Jahre bei der Berufsfeuerwehr "Zeit tot" (Zitat Buscemi) und kehrte nach 9/11 sogar für ein paar Tage dorthin zurück. Wegen des kameradschaftlichen Gefühls und dem Drang zu helfen, wie er sagt. Doch da war er schon längst einer der ganz Großen - Außenseiter - im Geschäft.

Von Gunnar Landsgesell

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