Steirischer Herbst widmet sich Schwindlern am Finanz- und Kunstmarkt

„Sich an die Regeln halten war gestern“ ist das Motto des heurigen „steirischen herbstes“, der sich virtuosen Schwindlern am Finanz- wie am Kunstmarkt widmet.

Ob gierige Banker, Broker, Immobilienspekulanten oder dubiose Hedgefondsmanager – virtuose Trickster aller Branchen bestimmen längst weltweit das Wirtschaftsleben. Und die Krise hat die undurchsichtigen Taktiken so mancher Player am internationalen Finanzmarkt noch verstärkt ins Licht gerückt. „Der Trickster ist eine ambivalente Figur. Er verkörpert das Prinzip der Vereinigung von Gegensätzen. Er ist weder gut noch böse, er ist listenreich und zugleich ein Tölpel. In jeder Facette seines Wirkens wird er zu einem Repräsentanten der Vieldeutigkeit des Lebens“, analysierte das William J. Hynes bereits 1997 in seinem Band „Mythical Trickster Figures“.

Der Begriff selbst ist abgeleitet vom englischen Wort trick und bezeichnet einen Gauner, Schwindler, Schelm, Halunken oder Bauernfänger. Trickster scheinen erstaunlich resistent gegen Eingrenzungen, sind zwanghafte Grenzübertreter.

Zweideutige Welt

Nur naheliegend, diesen Sozialfiguren der Gegenwart, die auch in kulturellen Debatten eine Schlüsselposition eingenommen haben, ein Leitmotiv zu widmen: „Meister, Trickster, Bricoleure“ betitelt „steirischer herbst“-Intendantin Veronica Kaup-Hasler demgemäß das aktuelle Festival, mit dem sie vor allem auf Fragen der Gesellschaft reagieren will. „Neben den sympathischen Meisterdieben aus Hollywoodfilmen gab es in letzter Zeit zahlreiche üble Trickster, die virtuos den Finanzmarkt bespielten, Steuern hinterzogen und Gelder rasant über virtuelle Konten jonglierten. Auch sie gehören“, so die Intendantin „zur zweideutigen Welt des Virtuosen, ebenso wie der Bricoleur als Bastler mit allem, was zur Hand ist.“

Dass sich auf der Künstlerliste des heurigen herbstes aber auch der Name des österreichischen Steuerbetrügers Werner Rydl findet, sorgte bereits im Vorfeld für Verwirrung. Der heute 53-jährige Wirtschaftskriminelle, der in Brasilien 167 Millionen Schilling verbrannte, ist ebenso Teil eines Projektes des Linzer Künstlerkollektivs qujOchÖ wie die abenteuerlichen Versprechungen des amerikanischen Pyramidenspielers Charles Ponzi oder die Gier-ist-gut-Reden von Börsenspekulant Ivan Boesky. Man untersucht die Taktiken und Praktiken jener, die die finanzkapitalistischen Zusammenhänge auf Kosten anderer für sich zu nutzen wissen, vor dem Hintergrund der Frage: Pervertiertes Virtuosentum oder schlichter Betrug? („Das große Manöver“, Graz, Jakoministr. 32, ab 25. 9.)

Mit der Konstruktion von Kunstgeschichte spielt sich der schwedische Künstler Matts Leiderstam, der durch Manipulationen wie Vergrößerungen oder Umhängen von Kunstwerken angestammte Blickachsen von Ausstellungsbesuchern in neue Richtungen lenkt (Grazer Kunstverein, ab 25. 9.).

Und mit dem schönen Leitspruch „Sich an die Regeln halten – das war gestern“ fordert die Hamburger Truppe „Geheimagentur“ die Besucher ihres „Casino of Tricks“ auf, die Bank zu sprengen (Festivalzentrum, ab 2. 10.). Tarnen und Täuschen steht auch bei der aktuellen Arbeit der französischen Regisseurin Gisèle Vienne im Zentrum, die mit einer Atmosphäre tiefgreifender Beunruhigung spielt: Drei Menschen, die sich in einer trügerischen Landschaft finden – echter Wald, echter Nebel, wie auf einem romantischen Gemälde, doch die Harmonie zwischen Mensch und Natur kippt … („This is how you will disappear“, Mumuth, ab 25. 9.; siehe Bild oben). Mit schlecht gemeisterten Situationen, die man mit einem Trick besser bewältigen hätte können, beschäftigt sich wiederum der Argentinier Mariano Pensotti in seiner „Enzyklopädie des ungelebten Lebens“ (Schauspielhaus Graz, ab 7. 10.).

Lebenshilfe pur also heuer beim steirischen Avantgardefestival mit jeder Menge Anregungen zum Tricksen. Immerhin geht’s ja längst nicht mehr darum, wie die Welt ist, sondern wie sie sich verwenden lässt. Oder?

– Michaela Knapp

steirischer herbst
24. 9. – 17. 10.

„Meister, Trickster, Bricoleure“ ist Leitmotiv des heurigen steirischen Avantgardefestivals. Eröffnet wird mit großem Maschinentheater in der Helmut-List-Halle. Für die Uraufführung mit 12 Automatenklavieren und Tänzern haben vier österreichische Künstler zusammengearbeitet.
„Maschinenhalle#1“, Fr., 24. 9., 19.30 Uhr.

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