Stefan Bachmann: "In Wien findet das Theater nicht nur in den Theatern statt."

Die Kulturschickeria ist Thema seiner aktuellen Burg-Inszenierung. Ab Herbst ist Stefan Bachmann dann Hausregisseur am Burgtheater. Ein Gespräch über Wien, Trends & Emotionen.

So ein Jungspund bin ich doch gar nicht mehr“, protestiert Stefan Bachmann lachend, als er für den Fototermin den Tisch im ehrwürdigen Erzherzog-Zimmer des Burgtheaters erklimmen soll. „Mit dem Voss würdet ihr das nicht machen“, setzt er, oben angekommen, launig nach. In der Tat nicht. Der 42-jährige gebürtige Schweizer steht nicht nur für unkonventionelle Inszenierungen, in denen er mit allen Möglichkeiten der Bühne jongliert, er hat sich auch das Image des ewigen Jungen erhalten: unkompliziert, sonnig, charmant und neugierig.

Früher Senkrechtstart
On top im Business ist Bachmann schon lange. Er war bereits im Alter von 20 Jahren Hospitant bei Luc Bondy, war 1992 Mitbegründer des hymnisch gefeierten Berliner Theater Affekt und übernahm 1998 die Schauspieldirektion in Basel. Gern erinnern sich Theaterfans hierzulande auch an seine feine Arbeit innerhalb der Wiener Festwochen 1996, wo Bachmann Wolfgang Bauers „Skizzenbuch“ im Schauspielhaus von der desaströsen Vorlage zu einem geniösen Abend gestaltet hat. Für seine Inszenierung von Wajdi Mouawads Bürgerkriegsparabel „Verbrennungen“ im Akademietheater wurde der Regisseur vergangenen Herbst mit dem „Nestroy“ ausgezeichnet.

Zwei Jahre Burgtheater
Ein schöner Einstieg für den Wien-„Neuankömmling“. Denn seit November logiert Stefan Bachmann samt Frau und Kindern in der Stadt. Das liegt nicht an seiner aktuellen Arbeit fürs Burgtheater – am 6. März hatte seine Sicht auf Botho Strauߒ Kunstschickeria-Kritik „Trilogie des Wiedersehens“ Premiere – sondern vor allem daran, dass Bachmann ab der kommenden Saison der erste Regisseur am Haus unter dem neuen Burgtheaterchef Matthias Hartmann ist. Für zwei Jahre hat er sich vertraglich gebunden. Die Versuchung, länger zu bleiben, ist groß.

"Alles ist möglich"
Aber das Wort Karrierestrategie steht nicht an oberster Stelle in Bachmanns Leben. „Ich habe relativ früh sehr viel erreicht“, resümiert er die tollen Jahre als erfolgreicher Schauspieldirektor in Basel. Bereits ein Jahr nach seinem Antritt wurde das Haus zum Theater des Jahres gewählt. Dennoch hätte ihn der Betrieb nahezu verschluckt. Mit seiner jetzigen Frau hat er sich dann mitten im größten Hype um seine Person 2003 eine Auszeit genommen. Unbefristet ist man zu einer Weltreise aufgebrochen, „mit der Luxussituation, einen komplett offenen Horizont zu haben und durchaus nach dem Motto: ‚Alles ist möglich‘, etwa auch, eine Shrimps-Farm in Costa Rica zu eröffnen.“

Neuzündung nach Krise
Als sich eine Zwillingsgeburt ankündigte, hat man sich aber dann doch in Panama zur Umkehr Richtung Deutschland gezwungen. Berufliche Anfragen waren schnell wieder da. Dennoch habe er, so Bachmann rückblickend, eineinhalb Jahre kontinuierlich falsche Entscheidungen getroffen. Ein Projekt an der Volksbühne zugesagt, einen Raimund am Burgtheater, eine Oper in Berlin. „Das hat mich in eine künstlerische Krise gebracht, die wohl wichtig war“, sieht er das heute entspannt. Bei der Inszenierung von Thomas Jonigks Text „Liebe Kannibalen Godard“ am Thalia Theater in Hamburg habe es dann angefangen, „wieder zu zünden“.

Missgunst in Berlin
Das Klima in Wien komme seiner wieder entflammten Lust am Inszenieren nun besonders gelegen: „Ich mag den Wiener Schmäh und die Begeisterungsfähigkeit des Publikums. Wien ist eine Theaterstadt, in der das Theater nicht nur in den Theatern stattfindet“, streut er seinem neuen Wohnort Rosen. „Berlin ist missgünstiger. In jeder Premiere sitzen 700 Regisseure und schauen grimmig auf das, was die Kollegen machen. Dann wird nach Gesetzen inzestuöser Monokultur geurteilt. Dann heißt es etwa bis auf Widerruf: Castorf ist out, Gosch und Gotscheff sind en vogue.“ Derartige Typisierungen sind Bachmanns Sache nicht. An Trends ist er nicht interessiert. „Ich versuche, ein Theater zu machen, das emotionalisiert.“

Filmische Sogwirkung
Auf einen bestimmten Stil lässt sich sein bisheriges Œuvre dabei nicht festlegen. Bachmanns Theater schafft es, mit theatralischen Mitteln filmische Sogwirkung zu erzielen, die die Fantasie des Zuschauers anregt; ihn einbindet, emotional und intellektuell manipuliert und bestenfalls zum Mitspieler macht. „Ich bin kein Anordner, der mit vorgefertigten Ideen zur ersten Leseprobe kommt“, lautet seine Selbsteinschätzung als Regisseur: „Mein oberstes Dogma ist, dass alle erst mal entspannt sind. Denn der Zufall ist ein guter Partner, aber nur wenn die Stimmung gelöst ist.“

"Verbrennungen"-Team
Für die Probenstimmung bei Botho Strauߒ „Trilogie des Wiedersehens“ galt das allemal. Bachmann arbeitet dabei mit einem Gros der Schauspieler aus „Verbrennungen“, ohne dabei aber „eine Bachmann-Clique zu zelebrieren“, wie er betont. Er setze einfach auf die glückliche Konstellation und den Teamgeist von Protagonisten wie Regina Fritsch und Markus Hering.
Brillante Analyse. Botho Strauߒ 1977 uraufgeführtes Stück, das dem Autor zu seinem endgültigen Durchbruch verhalf, ist kompliziert, mehr Zustandsbeschreibung als Stück, sprachlich exakt und brillant formuliert, böse und grotesk.

Befindlichkeiten vor Kunst
Es geht um die Vorbesichtigung einer Ausstellung mit dem Titel „Kapitalistischer Realismus“. Der Direktor des Kunstvereins hat zur Preview die In-Crowd geladen, Künstler, Wirtschaftsbosse, Meinungsmacher und pseudointellektuelle Bildungsbürger. Man spricht über Kunst, ehe diese immer mehr in den Hintergrund rückt und die eigenen Befindlichkeiten ins Zentrum. Alles wird immer beliebiger und skurriler. Eine traurige Gegenwartsanalyse, könnte man meinen. Dennoch hat Bachmann das Setting im Jahr 1975 belassen, um, wie er betont, „eine Distanz zu wahren. Denn diese Kulturschickeria ist einem näher, als einem lieb ist.“
Bis zuletzt wird bei Stefan Bachmann an der Inszenierung geschraubt, gefeilt und geprobt – bis alles stimmt. Kämpfen um die beste Fassung ist bis zur Premiere angesagt. Die Kritiken liest er seit zwei Jahren ohnehin nicht mehr. „Und es geht mir“, so Bachmann breit grinsend, „seither viel besser.“

Trilogie des Wiedersehens:  
Das 1977 uraufgeführte Stück von Botho Strauß erzählt von einer kunstbeflissenen Elite, die beim Eröffnungsevent durch das angekündigte Verbot der Ausstellung sprachlich erst so richtig in Schwung kommt. Unter der Regie von Stefan Bachmann spielen Markus Hering, Regina Fritsch, Sabine Haupt, Philipp Hauß, Roland Koch & Johann Adam Oest.
Im Burgtheater ab Freitag, 6. März.

Von Michaela Knapp

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