Starsopranistin Anna Netrebko im Interview über Carmen, ihr Leben und das reifere Alter

Starsopranistin Anna Netrebko exklusiv über neue Rollen und die Balance zwischen Bühnen-Diva & Working Mum.

FORMAT: Die Neueinstudierung von „Carmen“ galt beim Publikum als die spektakulärste Staatsopern-Produktion des Jahres. Nach Rolando Villazón und Mariss Jansons hat nun auch Elina Garanca abgesagt …
Netrebko: Wir sind nun so etwas wie die Last Soldiers. Und wir werden im neu zusammengestellten Team versuchen, den Abend so aufregend, frisch und spannend für das Publikum zu machen, wie es geht.

FORMAT: Ist es für Sie ein Unterschied, ob Elina Garanca, mit der Sie ja gerne als weibliches Traumduo gehypt werden, oder Nadia Krasteva die Carmen singt?
Netrebko: Nein, das ist vor allem für das Publikum ein Unterschied. Ich habe auch als Micaela nicht viele Berührungspunkte mit Carmen, das ist mehr für die Figur des Don José ein Thema. Ich habe selten Probleme mit Kollegen oder Dirigenten, ich leide nur mit, wenn wer krank wird. Aber wir sind alle nur Menschen.

FORMAT: Ohne musikalisches Vorwissen und nach optischen Kriterien könnte man meinen, Sie wären die ideale Carmen, nun sind Sie Micaela.
Netrebko: Ich habe diese Rolle ja schon vor 13 Jahren gesungen, lustigerweise damals wirklich unter Mariss Jansons. Ich war da noch wirklich jung. Ich liebe diese Rolle und die wunderbare Musik – aber ich kenne auch langweilige Interpretationen des Duetts mit Don José. So habe ich mit Massimo Giordano schon vereinbart, dass wir etwas Besonderes daraus machen. Denn es hängt immer von den Sängern ab, so etwas nicht langweilig zu präsentieren!

FORMAT: Die meisten Ihrer Fans haben ein fixes Bild von Anna im kurzen Kleid tanzend, Arien singend, in denen Champagner vorkommt. Nun scheint es so etwas wie einen Imagewechsel zu geben: Anna Netrebko, reifer, als liierte Frau und Mutter, mit nachgedunkelter Stimmfarbe.
Netrebko: Ich kann nur sagen, ich tanze immer noch gerne und trinke Champagner. Aber ich habe mich nie um mein Image gekümmert: Ich mache, was ich mache. Ich liebe meine Rollen. Ich kann auch in ganz traditionellen Inszenierungen Spaß haben, wunderbare Musik machen und als Künstlerin glücklich sein.

FORMAT: Und was das private Image betrifft – ein anderer Look?
Netrebko: Ich bin älter geworden, muss mir selber oft vorsagen: Anna, du bist keine 30 mehr!

FORMAT: Ist das ein Problem?
Netrebko: Nein, keineswegs, Das ist nur eine Einstellungssache, man muss sich dessen bewusst werden, und ich agiere oft so temperamentvoll, als wäre ich noch zehn Jahre jünger … Ich kleide mich gerne verrückt. Nun bevorzuge ich aber mehr und mehr den etwas eleganteren, edlen Stil, den auch mein Mann so an mir schätzt, trete ruhiger auf, more sophisticated!

FORMAT: Sie waren lange Zeit das Escada-Role-Model. Bei „Wetten, dass …?“ trugen Sie ein viel diskutiertes Outfit von Versace. Gibt so etwas der Stylist vor?
Netrebko: Ich habe keinen Stylisten! Ich suche mir am liebsten alles selber zusammen, bevorzugt in Amerika, denn ich brauche Ruhe, um etwas auszusuchen. In diesem Frühjahr trage ich einen Mix vieler Designer: Valentino, McQueen, Chanel, etwas von Gucci und Prada.

FORMAT: Sie pendeln zwischen St. Petersburg, New York und Wien. Was ist nun tatsächlich dran am viel gerühmten Wiener Publikum?
Netrebko: Es ist ein wunderbares Publikum, weil man hier die Sänger liebt und in die Vorstellung kommt, um die Musik zu genießen. Und das spürt man dann auch auf der Bühne. Das nennt man Energieaustausch!

FORMAT: Sie sind mittlerweile derart berühmt, dass Sie sich aussuchen können, was Sie singen. Nutzen Sie diesen Starstatus?
Netrebko: Vom künstlerischen Standpunkt bin ich immer daran interessiert, Neues zu probieren. Das heißt für die Zukunft auch größere, schwerere Rollen, aber natürlich muss man da sehr aufpassen, weil das ein Risiko bedeutet. Bisher wusste ich sehr genau, was zu mir passt. Nun beginnt ein neuer Abschnitt. Das nächste Projekt ist „Anna Bolena“. Dann in den kommenden Jahren bis 2015 „Eugen Onegin“ und „Troubadour“ – das heißt nicht, dass ich ins dramatische Fach wechsle. Aber schrittweise probiert man anderes, denn in einigen Jahren muss ich mich von Young-Girls-Rollen wie der Juliette verabschieden.

FORMAT: Wie sehen Sie Ioan Holenders Abgang?
Netrebko: Wien wird ihn vermissen. Er hat so viel für die Sänger getan, hat ein unglaubliches Gespür für Talente. Natürlich kann er auch hart sein, aber das muss man auch in diesem Job.

FORMAT: Hatten Sie eigentlich Angst vor Ihrem lang erwarteten Comeback als Lucia di Lammermoor?
Netrebko: Nein. Es war einfach. Obwohl ich eigentlich gar nicht mehr wirklich zurück auf die Bühne wollte. Ich war so glücklich mit meinem Sohn und der Familie. Das ist eine ganz andere, neue Dimension.

FORMAT: Bühnen-Diva und Working Mum?
Netrebko: Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich absolut keine Diva bin. Auf der Bühne kann ich sehr fordernd sein, und das gehört zum Beruf. Im Leben abseits der Bühne ist mein Sohn Tiago immer bei mir. Ich stehe in der Früh auf, mache ihm „Kasha“, eine Art russischen Mehlmilchbrei, zum Frühstück. Natürlich habe ich auch eine Nanny, die mir hilft, wenn ich auf der Probe bin oder Vorstellung habe.

FORMAT: Sie haben eben die CD „In the Still
of Night“ präsentiert. Gibt es schon Pläne für die nächste CD?

Netrebko: Es wird Aufnahmen von Rossinis und Pergolesis „Stabat Mater“ geben, die wir im Juli in Rom und Baden-Baden machen.

FORMAT: In Salzburg sind Sie heuer in der Wiederaufnahme von „Roméo et Juliette“ zu erleben, was kommt danach?
Netrebko: Ich versuche, jedes Jahr in Salzburg zu sein. Aber für Salzburg muss man sich etwas Besonderes überlegen.

FORMAT: Lesen Sie eigentlich Kritiken?
Netrebko: Auf Deutsch verstehe ich sie Gott sei Dank nicht, aber mein Manager oder Freunde erzählen mir das dann. Konstruktive, sachliche Kritik ist wichtig. Bei den destruktiven denke ich mir: Get lost!

FORMAT: Sie waren mit ein Auslöser für eine neue Generation von attraktiven Opernsängerinnen. Was ist über die stimmliche Qualität hinaus das Geheimnis für Erfolg?
Netrebko: Den Erfolg macht ein Zusammenspiel von vielen Dingen aus: Arbeit, Disziplin und natürlich Glück. Aber das Geheimnis ist ein anderes. Man sieht jemanden auf der Bühne, egal ob Mann oder Frau, und dieser jemand zieht alle Aufmerksamkeit auf sich, sodass man nicht mehr die Augen von ihm lassen kann. Vielleicht ist das Charisma.

FORMAT: Wann haben Sie zuletzt so jemanden auf der Bühne gesehen?
Netrebko: Zuletzt? Elina Garanca als Carmen!

Interview: Michaela Knapp

Leben

Vinyl-Boom bringt Kult-Plattenspieler zurück

Kultur & Style

ePaper Download: Das Ranking der 500 wichtigsten Künstler Österreichs

Kultur & Style

★ David Bowie: Starman, Waiting in the Sky★