Soziologe und Visionär Meinhard Miegel: 'Selbstausbeutung ist nicht nachhaltig'

Der gebürtige Wiener Meinhard Miegel über sein jüngstes Buch: "Exit – Wohlstand ohne Wachstum".

FORMAT: Übersteigt der heutige Wachstumsanspruch unsere Leistungsmöglichkeiten?

Miegel: Unser materieller Wohlstand beruht ja gar nicht
so sehr auf Tüchtigkeit und Einfallsreichtum der Menschen, sondern ganz wesentlich auf rigoroser Ausbeutung: Man kann die Natur aber nicht beliebig roden, die Umwelt nicht beliebig belasten und die Menschen nicht beliebig ausbeuten – damit meine ich nicht die heute ohnehin kaum bedeutsamen Mechanismen wie etwa die aus dem Frühkapitalismus, sondern die Selbstausbeutung. Nichts von alledem ist nachhaltig – und deswegen haben wir jetzt diese Symptome: Die Umwelt steht genauso vor dem Burnout wie der Mensch.

FORMAT: Was steckt hinter dieser Selbstausbeutung?

Miegel: Die Gesellschaft hat den Menschen auf seine Existenz als Produzent und Konsument reduziert. Sie ist fokussiert auf das Materielle. Der Mensch ist aber ein körperlich-geistiges Wesen. Der geistige Teil kommt aber gar nicht zur Entfaltung. Es interessiert die Menschen verhältnismäßig wenig, ob jemand ein Instrument spielen kann oder eine Fremdsprache gut spricht – wenn er ein hohes Einkommen hat und ein schönes Auto fährt, dann steht er hoch im Ansehen seiner Mitmenschen.

Früher hat man gearbeitet, um zu leben. Heute lebt man, um zu arbeiten und Dinge zu konsumieren, die man gar nicht braucht. Diese Einseitigkeit führt zu einem reduzierten Wohlstandsbegriff, zur seelischen Verarmung, eben zu Burnout.

FORMAT: Was bedeutet Wohlstand für Sie?

Miegel: Nicht mehr zu haben, sondern weniger zu benötigen. Menschen, die Not leiden, reagieren natürlich sehr positiv auf Wachstum. Wenn jemand hungert, kein Dach über dem Kopf hat, keinen Zugang zu medizinischen und kulturellen Einrichtungen hat, wird er all dies zu erreichen versuchen.

Aber es ist keineswegs so, dass der Mensch in materiellen Bereichen unersättlich ist: Bei ungefähr 1.000 Euro verfügbarem Einkommen pro Kopf im Monat, also sobald existenzielle Sicherheit gewährleistet ist, nimmt die Attraktivität zusätzlichen materiellen Wohlstands ab. Ein immer größeres Einkommen bringt also nicht ein Mehr an Zufriedenheit. In Österreich, Deutschland und der Schweiz etwa wurde dieser Punkt bereits Ende der 60er-Jahre erreicht.

FORMAT: Ihr Ausblick?

Miegel: Die Art des Wirtschaftens, wie wir sie insbesondere in den vergangenen 60 Jahren praktiziert haben, lässt sich nicht mehr aufrechterhalten. Lange haben wir über die Möglichkeiten gelebt, jetzt müssen wir die Zeche zahlen.

Die Krise könnte der Wendepunkt sein, von dem aus man anders weitermacht als bisher.

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