Sound of Vienna: Die Labels der 90er haben sich zu Full-Service-Betrieben entwickelt

Mit lässiger Entspanntheit gelang der Wiener Elektro-Szene in den 90ern der weltweite Durchbruch. Der Sound of Vienna war geboren. Die einstigen Turntable-Stars sind nach wie vor international gefragt. FORMAT zeigt ihre aktuellen Projekte.

Die frühen 90er-Jahre über brodelte es in der Wiener Subkultur – und plötzlich war er da, der Hype um die Elektromusikszene der österreichischen Hauptstadt. Im Zentrum: zwei Mittzwanziger, die mit äußerst entspannten Klängen in Clubs die Partymassen in Bewegung brachten. Der eine Peter Kruder, der andere Richard Dorfmeister.

Lässiger Exportschlager
Gemeinsam wurden sie mit ihren Veröffentlichungen zum Synonym eines neuen, frischen Sound of Vienna. Der internationale Erfolg des Duos katapultierte auch andere Protagonisten der heimischen Elektro-Avantgarde wie etwa Pulsinger & Tunakan, Klaus Waldeck, Rodney Hunter oder die Sofa Surfers ins Scheinwerferlicht (siehe auch Bildergalerie ). Die Soundmelange aus Downbeat, Drum’n’Bass und TripHop wurde zum Exportschlager. Der Hype von damals flaute allerdings um die Jahrtausendwende ab. Die Elektro-Recken von einst und die Post-Boom-Generation um dZihan & kamien, die Waxolutionists ( im Bild ) oder den Linzer Parov Stelar arbeiteten nichtsdestotrotz eifrig weiter und veröffentlichen in den kommenden Wochen nacheinander neue Alben.

Dramatischer Rückgang
In unterschiedliche musikaffine Projekte – seien es Soundtracks für Filme, Arbeiten fürs Theater oder die Werbebranche – war der harte Kern der Szene ohnehin stets eingebunden. „Die goldenen Zeiten im Musikgeschäft sind jedoch passé“, resümiert Richard Dorfmeister, Produzent und Mitinhaber des Labels G-Stone, heute. Vor allem, da sich die Parameter stark verschoben haben. „Über den Verkauf von CDs und Vinyl lässt sich derzeit kaum mehr Wertschöpfung generieren“, analysiert auch Easy-Listening-Guru Klaus Waldeck. In Österreich wurden im Vorjahr nur mehr 185 Millionen Euro für physische Tonträger ausgegeben – 16 Millionen weniger als 2007. Wer heute also als Künstler und Musiker – vor allem in der Independent-Nische – erfolgreich sein will, muss geschäftliche Kreativität zeigen.

Clubs und Sender als Zubrot
Demgemäß entwickelten sich die Wiener Labels zu kleinen Full-Service-Betrieben und können so weitaus unabhängiger vom klassischen Musikverkauf agieren. Heinz Tronigger etwa, künstlerischer Teil des Trios Madrid de los Austrias, schuf als Kogeschäftsführer der Sunshine Enterprises ein komplexes musikalisches Netzwerk, das zum ganzheitlichen Entertainment-Betrieb avancierte. Neben eigenem Label (Sunshine Records) werden die Wiener Club-Locations Passage, Roxy und Redroom betrieben. Und vor einem Jahr kam auch noch der Lokalradiosender Superfly dazu, der zielgruppengerecht hauseigene Künstler und Artverwandtes in den Äther schickt. Durchaus nutzbringend. „Wir haben in Wien eine Reichweite von 3,1 Prozent“, so der 41-jährige gebürtige Kärntner.

Lukrative Lizenzierungen
Auch das Wiener Label Couch Records, das international gefeierte Künstler wie dZihan & kamien, Soap & Skin und Madita beherbergt, ist in dieser Hinsicht ein Vorzeigebetrieb. Vertriebswege werden direkt angezapft. „Die erste Singleauskoppelung zu unserem neuen Album, das am 24. 4. erscheint, wird vorab und exklusiv auf iTunes verkauft“, schildert Mario Kamien vom Duo dZihan & kamien. Zudem ist Couch Records auch noch ein Musikverlag und kann so möglichst viel übers lukrative Lizenzierungsgeschäft einnehmen, sei es bei Vermarktungsrechten für Filme, TV oder Werbespots – für Künstler ein nettes Zubrot. Namhafte Musiker verdienen bei Lizenzierungen von Werbespots 40.000 bis 60.000 Euro.

Multimediale Happenings
„Nach wie vor zählen Konzerte und Auftritte als DJs zu den wichtigsten Geldquellen“, erklärt Stephan Dorfmeister, Labelmanager bei G-Stone. DJs erhalten in heimischen Clubs bis zu 1.000 Euro pro Abend; hat man einen klingenden Namen, entsprechend mehr. Szenestars verdienen im Ausland bis zu 15.000 Euro für einen abendlichen Turntable-Auftritt. Diese werden meist als multimediale Happenings inszeniert, Beats und Mixes treffen auf gefinkelte Visuals und verschmelzen zu audiovisuellen Rauminstallationen.

Bild-Ton-Symbiose
Das Festival „Evolution Remixed!“ (ab 27. 3. im Wr. Künstlerhaus, www.soundframe.at ) demonstriert die perfekte Symbiose von Bild und Ton. Formationen wie die Sofa Surfers oder Tosca stoßen mit der Umsetzung solcher Konzepte von jeher auf hohe Resonanz – besonders außerhalb Österreichs. Denn es ist der internationale Markt, auf dem die heimische Elektro-Clique derzeit besonders reüssiert. „90 Prozent unseres Umsatzes machen wir im Ausland, vor allem in Deutschland, Italien und den USA“, so Dorfmeister. Ähnlich ist es beim momentanen Fusion-Sound-Liebkind Parov Stelar. Seine eingängigen Klänge kommen besonders gut in Asien und Südamerika an. Derart präsentiert sich die aktuelle Interpretation des Vienna Sound in neuen, nicht minder gefragten Klangfarben.

Von Manfred Gram und Birgitt Kohl

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