"So extrem war das nie bei mir“

Während Thomas Glavinics furiose Suada über einen Autor namens Thomas Glavinic auf die Bühne kommt, liefert sein neuer Textband Einsicht in den Schriftstelleralltag zwischen Ideenfindung, Selbstzweifel und Abgründe. Der Autor über Realität und Fiktion.

"So extrem war das nie bei mir“

Format: Nach "Der Kameramörder“ und "Lisa“ hat auch Ihr Roman "Das bin doch ich“ seinen Weg auf die Bühne gefunden. Warum schreiben Sie nicht gleich ein Theaterstück?

Thomas Glavinic: Vielleicht mache ich das ja gerade. Ich denke zumindest darüber nach. Ich habe mich immer mehr für Prosa interessiert, stelle aber gerade fest, dass das Theater viele Dimensionen hat, die mir davor so gar nicht bewusst gewesen sind.

Als lebender Autor haben sie ja die Chance, sich in die Bühnenarbeit einzumischen.

Glavinic: Das wäre kontraproduktiv. Man muss den Menschen, die für die Adaption zuständig sind, vertrauen und zutrauen, dass sie eine eigenständige künstlerische Vision entwickeln, sonst darf man seine Rechte nicht hergeben. Kompromisse tun einem Kunstwerk eher nicht gut.

"Das bin doch ich“ lebt vom Spiel mit Identität. Im Zentrum steht ein neurotischer Autor namens Thomas Glavinic, der schon bei Erscheinen des Buches 2007 für Sie gehalten wurde. Wie ist es, diesen Glavinic nun auf der Bühne zu sehen?

Glavinic: Natürlich ist das ein komisches Gefühl, weil ja nicht jedem Betrachter sofort klar ist, dass das nicht ICH bin, sondern eine Verzerrung gewisser Umstände. Aber da muss ich durch. Was ich in der Früh im Spiegel sehe, ist definitiv keine Romanfigur! Das eine ist Fiktion, das andere ist Realität. Und auf der Bühne entsteht eine neue Fiktion.

Ihr neues Buch "Meine Schreibmaschine und ich“ bildet eine Klammer zu "Das bin doch ich“: Der Band beinhaltet Vorlesungen, die Sie 2012 im Rahmen Ihrer Poetikprofessur in Bamberg gehalten haben und gibt Erstaunliches über den Schriftsteller-alltag, über Drogen, Reisen und Luxus preis.

Glavinic: Ich wollte kein selbstverliebtes, bierernstes Machwerk fabrizieren, sondern meinen Studenten etwas vermitteln und sie zugleich unterhalten. Das hat einigermaßen funktioniert, hoffe ich.

Was bedeutet Anerkennung für Sie: Verstanden werden? Mehr Leser, mehr Cash?

Glavinic: Das Wichtigste ist, was man am Schreibtisch erlebt; was ich fühle, wenn ich ein Buch beendet habe. Wenn ich merke, dass es mir gelungen ist, ein in sich stimmiges Buch zu schreiben. Natürlich freue ich mich, wenn die Leser meine Bücher kaufen, schließlich lebe ich davon.

Sie beschreiben auch die Angst "von sich selbst und seinen Lesern überschätzt zu werden“.

Glavinic: Selbstzweifel sind ja gesund. Ich halte sie für eine positive und wichtige Eigenschaft. Man arbeitet mit ihnen intensiver an sich. Sie können aber auch selbstzerfleischend sein, was bei mir manchmal der Fall ist. Und es wird schlimmer. Ich wünsche mir manchmal die Selbstsicherheit meiner 20er Jahre zurück. Welches Vertrauen man da noch in sich hat, weil man so vieles nicht weiß!

Ihr Grundsatz lautet "Wer keine Abgründe hat, sollte nicht über sie schreiben“. Reden Autoren untereinander über so etwas?

Glavinic: Ich habe immer über meine Ängste gesprochen, weil ich grundsätzlich der Ansicht bin, dass man über alles reden kann. Wenn jemand nicht darüber schreibt, was ihn wirklich ausmacht, wird er nichts von Tiefe zustandebringen. Aber naturgemäß bringt der Schriftstellerberuf es mit sich, dass man nicht soviel Kontakt zu Kollegen hat, wie zum Beispiel Schauspieler untereinander. Schreiben ist eine relativ einsame Sache. Ich habe wenig Schriftstellerfreunde. Und das ist gut so.

Einer davon, Daniel Kehlmann, spielt in "Das bin doch ich“ eine Rolle, ebenso wie Kind und Kegel, Erfolg und Neid, die Angst vor Hodenkrebs und SMS Botschaften, die Thomas Glavinic gerne betrunken in der Nacht versendet. Hat sich vieles verändert?

Glavinic: Ich wiederhole mich: Das bin ja nicht ICH. So extrem war das nie bei mir. Ich habe die negativsten Seiten eines bestimmten Charakters erzählt und in größere Dimensionen aufgeblasen. Ich war damals nicht so und ich bin heute nicht so. Ich komme ganz gut mit meiner Körperlichkeit klar. Noch.

Im Buch schreiben Sie über Drogen- wie Alkoholkonsum und die Angst vor Folgewirkung, weil "sabbernde Idioten keine guten Bücher schreiben können“.

Glavinic: Das eine ist das Privatleben, das andere mein Arbeitsleben. Ich weiß sehr genau, wann ich gut leben kann und wann ich wieder in Klausur muss. Ich bin dann streckenweise über Monate fast nur zu Hause und arbeite.

Sie bezeichnen das Schreiben als das Einzige, was Ihrem Leben Struktur gibt, ebenso thematisieren Sie das lange Warten auf Ideen …

Glavinic: Ich suche nie, ich warte, bis etwas zu mir kommt. Ich habe mittlerweile Strategien entwickelt, wie ich das befördern kann: Ich sorge für Ruhe, für hypnotische Stimmung, Autofahren eignet sich da zum Beispiel sehr gut. Die Arbeit von einem Schriftsteller hat ja zuweilen auch etwas sehr Idyllisches an sich. Man setzt sich einfach wohin und lässt den Ort auf sich wirken. Da gehen dann Türen auf.

Auch mit Kritik am Literaturbetrieb und Kritikern, die Bücher oft nur mehr querlesen, wird nicht gespart. Sie haben sogar ein Interview eingebaut, wie es nicht sein soll ...

Glavinic: Wir leben in einer Zeit der Überschriften und Schlagzeilen. Die Situation am Literaturmarkt spitzt sich zu. Es herrscht eine zu starke Fokussierung auf wenige Autoren und zu wenig Neugierde auf Neues. Das Interview hat so natürlich nie stattgefunden, soll aber einigermaßen amüsant zeigen, was man als Autor mitunter erlebt, wenn sich Kritiker nicht mehr als Vermittler verstehen, sondern nur um ihre eigene Eitelkeiten bemüht sind.

Sie schreiben: "Ich mag einen Großteil der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nicht“. Woran scheitert diese Beziehung?

Glavinic: Es gibt darunter immer noch Leute, die meinen, wenn etwas lesbar geschrieben ist, kann es keine Bedeutung haben. Das hat der deutschsprachigen Literatur nicht geholfen. Was soll man von Leuten halten, die beim Lesen vor Langeweile in Leichenstarre verfallen möchten? Es ist wohl eher eine Krise der deutschen Literaturkritik als eine der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zu besprechen.

Mit dem Roman "Wie man leben soll“ haben Sie bereits 2004 vieles vom aktuellen Hype um Ratgeberliteratur, Coaching, Selfie-Sucht und der Suche nach dem optimierten Menschen vorweggenommen …

Glavinic: Selfies finde ich sympathisch, wenn sie ein wenig selbstironisch sind. Probleme habe ich allerdings mit unserer öffentlichen Weichgespültheit, unserer Überkorrektheit. Dass sich heute jeder einen eigenen Medienberater hält, zehnmal überlegt, was er sagt, weil es schlecht ankommen könnte. Die Leute schleifen sich freiwillig ihre Ecken und Kanten ab und haben Angst vor kontroversen Aussagen. Wo bleibt da die Streitkultur? Insofern lehne ich mich gerne aus dem Fenster und sage, was ich denke, was ich mag und was ich nicht mag.

Zur Person:

Thomas Glavinic. 1972 in Graz geboren, machte sich Glavinic auf der heimischen Schachrangliste einen Namen, arbeitete als Werbetexter und Taxifahrer, ehe er 1991 zu schreiben begann. Zehn Romane - darunter "Der Kameramörder“, "Die Arbeit der Nacht“ oder "Das bin doch ich“ hat er bisher geschrieben. Sein jüngster, "Das größere Wunder“, erschien 2013 . Am 17. März kommt der Band "Meine Schreibmaschine und ich“ mit den Vorlesungen seiner PoetikProfessur in Bamberg in den Handel. Das Vorwort hat der schottische Autor John Burnside verfasst. Thomas Glavinic ist Vater eines Sohnes.

Das bin doch ich

In Thomas Glavinics Roman über einen Autor namens Thomas Glavinic, spielen Daniel Kehlmann, der Kulturstadtrat, Neid, Neurosen und der Rabenhof eine Rolle. Ebenda bringt Christian Dolezal (li) die Dramatisierung des Romans als Soloperformance in der Regie von Thomas Gratzer auf die Bühne. Premiere: Mittwoch, 12.3., 20 Uhr, Rabenhof Theater.

Thomas Glavinic "Meine Schreibmaschine und ich“ Unterhaltsame Einsichten in Schriftstelleralltag & Literaturbetrieb. Hanser, ab 17.3., € 14,90

Präsentation: 29.3., 20 Uhr, im Rabenhof

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