Skalp-Fiction

ORF-Starmoderator Armin Wolf und Kabarettist Thomas Maurer fachsimpeln über Winnetous Tod, gute Apachen, böse Sioux und den Einfluss von Karl May auf ihr Leben.

FORMAT: Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Lesebegegnung mit Karl May?

Thomas Maurer: Ich habe als Kind eigentlich mit der "Kronen Zeitung" lesen gelernt und bin dann sehr schnell auf Karl May umgestiegen. Die Geschichten waren nicht nur besser erfunden, sondern auch stilistisch überlegen. So wie der Jeannée schreibt, reden ja nicht einmal die lustigen dummen Bösen bei Karl May. Mein Vater war als Bäcker Schichtarbeiter und hat am Vormittag immer ein paar Seiten Karl May gelesen. Deswegen erschien mir das als etwas Zielführendes. Ich habe mich als Leseanfänger gleich einmal durch den „Schatz im Silbersee“ gekämpft, samt Landschaftsbeschreibungen. Nicht einmal die haben mich abgehalten, ein sehr manisch und eskapistisch lesendes Kind zu werden.
Armin Wolf: Ich hatte einen schwierigen Einstieg. Nach der zweiten Klasse Volksschule in einem Sommerurlaub im idyllischen jugoslawischen Badeort Savudrija hat mir mein Vater ganz stolz ein buntes Taschenbuch in die Hand gedrückt: „Winnetou I“. Mit riesiger Begeisterung und einer Geste, als würde er mir eine völlig neue Welt eröffnen. Und ich habe zu lesen begonnen. Es geht da los mit einem Hauslehrer in St. Louis, der seitenlang darüber nachdenkt, ob er Landvermesser für eine Eisenbahnlinie werden will. Und bis zur Seite 35 gibt’s keinen einzigen Indianer! Nur, bis zur Seite 35 bin ich nicht gekommen. Ich habe das Buch total enttäuscht meinem Vater zurückgegeben. Zwei Jahre später habe ich es wieder zur Hand genommen. Diesmal bin ich bis zu den Indianern vorgedrungen und war der Sache verfallen.

Was macht das Faszinosum May aus?

Wolf: Die Geschichten sind gut. Ich habe zuerst alle Winnetou- und Old-Shatterhand-Bücher gelesen, dann die Kara-Ben-Nemsi-Geschichten. Von einem Onkel habe ich die 30 Bände der alten grünen Frakturschrift-Ausgabe bekommen. Je 500 Seiten – das hat gerade immer für zwei Tage gereicht, weil ich die Bücher verschlungen habe und extrem traurig war, als ich damit fertig war.

Das Indianerbild, das durch May geprägt wurde, ist nicht sehr differenziert …

Wolf: Da mir im Laufe meines Lebens keine Indianer begegnet sind, habe ich wenig darüber nachgedacht, aber man bekommt natürlich so eine Idee, dass der Apache gut und der Sioux eher böse ist …
Maurer: … und der Kiowa verschlagen und auch kein Guter. Aber May ist ja nicht nur der meistgelesene, sondern auch der meistverstümmelte Autor deutscher Zunge. Ich erinnere mich an einen fundamentalen philologischen Streit mit einem anderen Buben. Ich hatte die „Winnetou“-Frakturausgabe von 1907 oder so, er eine neue Taschenbuchausgabe, bei der die Hälfte Text fehlte. Er behauptete aber, seine sei die richtige, da ihm die sein Vater geschenkt hatte. Wir sind dann keine Blutsbrüder geworden.

Wann haben Sie zuletzt Ihren Karl May zur Hand genommen?

Wolf: Ich habe vor drei Jahren bei Amazon 30 Bände einer Neuausgabe erstanden als Geschenk für unseren 11-jährigen Sohn. Er hat bis jetzt aber keine drei Seiten davon gelesen. Ich habe mit Mitte 20 meinen zweiten Karl-May-Lese-Durchgang absolviert. Da habe ich dann auch die Landschaftsbeschreibungen gelesen. Ich habe ja schon als Kind Deutsch gelernt mit diesen Büchern.
Maurer: Ja, das prägt! Meine Neigung, in freier Rede Gliedsätze zu bilden, verdanke ich vermutlich der frühen May-Lektüre.
Wolf: Mit Mitte 30 habe ich dann „Winnetou IV“ entdeckt, ein Buch, das wirklich lustig ist …

… und das nach der ersten wirklichen Amerika-Reise von May entstanden ist …

Maurer: … was ja bei einem Schriftsteller egal wäre, aber May hat ja zu seinem Unglück drauf bestanden, Reiseschriftsteller – also Old Shatterhand – zu sein, und hat sich noch im Alter von 60 auf strapaziöse Weltreisen begeben, nur um an alle Zeitungsredaktionen schreiben zu können: „Bin wieder einmal in St. Louis.“

Wie wichtig ist dieses Hintergrundwissen, all die skurrilen Storys und Mythen um den Autor?

Maurer: Für das naiv lesende Kind war das egal.
Wolf: Das stimmt nicht! Ich war schwer enttäuscht, als ich erfahren habe, dass das alles keine wahren Geschichten sind. Da muss ich neun gewesen sein. Das mit dem Christkind hat mich weniger getroffen, aber dass Karl May nicht wirklich Old Shatterhand war – das war hart für mich. Ganz lange war ja auch „Winnetou III“ das einzige Buch, bei dem ich je geweint habe – als Winnetou gestorben ist. Sehr, sehr tragisch.
Maurer: Ich war da eher trotzig, denn ich fand das elend, dass Winnetou noch kurz vor seinem Tod Christ wird – obwohl ich damals noch Ministrant war.
Wolf: Noch mehr haben mich die Filme entrüstet. Als ich im Abspann las, „nach einem Roman von Karl May“, habe ich mich bei meinem Vater empört: Es hätte heißen müssen, „trotz eines Romans von Karl May“.

Was blieb Ihnen persönlich von der Lektüre?

Maurer: Der unerfüllte Wunsch, die Ausführung des Jagdhiebs zu beherrschen. Den bräuchte man im Alltag wie einen Bissen Brot.
Wolf: Dass ich bis zum Totenbett „Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah“ sagen kann; und dass ich mit drei Freunden versucht habe, aus den Büchern Apache zu lernen. Und: Die Helden waren ja o. k. …
Maurer: … nur dass sie alle Sachsen sind. Alles, was kein Apache ist, erweist sich bei Karl May unerbittlich als Sachse: Old Shatterhand, Old Surehand, Old Firehand – alles Sachsen! Selbst Tante Droll ist Sachse.
Wolf: Aber es sind keine Weicheier. Ich wollte ja immer Old Shatterhand sein und nicht Winnetou.
Maurer: Und es geht immer um Gefangenschaft und Befreiung. Wie oft da wer vom Marterpfahl runtergeschnitten wird! Welche List dahintersteckt! Szenen, die einem vor Augen bleiben wie ein Kinobild!

Winnetou und Old Shatterhand sind Blutsbrüder. Prägte das Ihr Bild von Männerfreundschaft?

Maurer: Das könnte bei mir höchstens eine tiefenpsychologische Analyse zu Tage fördern. Aber nachdem Winnetou und Old Shatterhand nie miteinander saufen oder Flipper spielen waren, hat sich meine Sozialisation anders vollzogen.
Wolf: Auch im Üben von Verhaltensregeln im Umgang mit dem anderen Geschlecht taugt es nicht wirklich. Nach dem Tod von Nscho-tschi kommt ja keine Frau mehr vor. Was mir aber gefallen hat, war, dass sich durch alle Geschichten das Bedürfnis nach Bildung zieht: Klekih-petra, Winnetou und seine Schwester, die in die Stadt der Weißen wollen, um zu lernen. Alles ziemlich paternalistisch, aber trotzdem.

So betrachtet ist Mays Weltsicht eine rassistisch anmutende mit vielen Pauschalaussagen.

Maurer: Vor allem sein Spätwerk war von einem merkwürdig elaborierten christlich-glorifizierten Pazifismus geprägt. Natürlich unterscheidet er nach besseren und schlechteren Völkern: Der Türke ist bei May eher faul, schlampig und grob. Dennoch finde ich, dass er für einen Deutschen des wilhelminischen Zeitalters erstaunlich unrassistisch geschrieben hat: Mit einem Volk von Karl Mays wäre der Erste und vor allem der Zweite Weltkrieg schwieriger anzuzetteln gewesen.

Haben Sie Präferenzen im Œuvre?

Wolf: Bei mir sind es die Wildwestgeschichten.
Maurer: Man muss auch die Lyrik lesen. Ich kann sogar ein Gedicht auswendig: Ich bin so müd, so herbstesschwer. / Und möcht am liebsten scheiden gehn. / Die Blätter fallen rings umher; / Wie lange, Herr, soll ich noch stehn? / Ich bin nur ein bescheiden Gras, / Doch eine Aehre trag auch ich, / Und ob die Sonne mich vergaß, / Ich wuchs in Dankbarkeit für dich.
Wolf: Ich bin echt beeindruckt!

Ein Thema der Karl-May-Rezeption ist seine mutmaßliche Homosexualität. War er schwul?

Maurer: Das kann schon sein, aber er wird es nicht gewusst haben. Natürlich haben solche Kriegerfreundschafts-Geschichten immer eine homoerotische Note. Ich glaube jedenfalls nicht, dass man vom Karl-May-Lesen schwul wird. Wäre Karl May in Amerika bekannter, hätte natürlich eine der „Village People“-Figuren auch Old Shatterhand sein können.
Wolf: Das war als Kind überhaupt die Überraschung für mich, dass man Karl May in Amerika nicht kennt.

Wird im Zuge des allgemeinen Westernrevivals auch Karl May neu bewertet?

Wolf: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich hab mit großer Liebe May gelesen, hab mich aber nie für Western interessiert und war auch nie John-Wayne-Fan.
Maurer: Die aktuelle Westernwelle ist ja schon
die Rekonstruktion der Dekonstruktion des Genres. Was sollen die mit angeschwulten Sachsen? Da müsste schon Tarantino ran.
Wolf: Unsere Jahrgänge haben ihre Nostalgiewelle schon mit „Wickie, Slime und Piper“ bewältigt. Ich denke nicht, dass es ein großes Revival geben wird. Die Generation nach uns hat keine Beziehung mehr zu Karl May. Die Filme sind ja auch grottig schlecht. Aber wenn man die Musik hört, bleibt man natürlich hängen. Mich hat aber schon als Kind total verwirrt, dass Old Shatterhand auch Tarzan war.
Maurer: Ich habe den „Schatz im Silbersee“ vor ein paar Jahren wieder angefangen, aber der alte Zauber ist ausgeblieben. Natürlich kann ein Buch nicht ganz schlecht sein, wo im ersten Kapitel ein aus dem Käfig entkommener schwarzer Panther auf einem Mississippisteamer wem den Schädel abbeißt.
Wolf: Und man hat viel Bildung mitgenommen: Fährtenlesen …
Maurer: … und wie man aus der Wüste wieder rausfindet oder die Salzlöcher im Schatt al-Arab überlebt.

Hat Karl May für die nach 1990 geborene Generation überhaupt noch eine Bedeutung?

Maurer: Diese komplexe, musikalische, aber auch gravitätische Sprache klingt mittlerweile so archaisch, dass heute sozialisierte Kinder schwer etwas damit anfangen können. Der abenteuerlustige Knabe von heute wird eher auf der PlayStation Außerirdische „zerlasern“.
Wolf: Was wir als Jugendliteratur erlebt haben, wurde ja ursprünglich für Erwachsene verfasst. Ich habe meinem Sohn „Robinson Crusoe“ vorgelesen und war erstaunt, dass ich das als Kind lesen konnte – die Sprache ist schon sehr altertümlich und umständlich. Aber mir hat’s als Bub gefallen, und dadurch haben mich Textmengen auch später nie abgeschreckt. Ich bin auch heute noch traurig, wenn ein gutes Buch aus ist. Und damals gab es halt auch noch nicht 24 Stunden TV, Facebook, Twitter und PlayStation.

Das Gespräch führten: Michaela Knapp und Manfred Gram

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