'Shooting'-Star: Starfotografin Leibovitz präsentiert sich in Wien ungewohnt privat

Ihre clever inszenierten Starporträts machten sie weltberühmt. Neben diesen zeigt das Kunst Haus Wien nun mit Familienporträts auch eine sehr persönliche Seite im Œuvre von Annie Leibovitz.

Wie konnte das geschehen? tuschelte die Kunstcrowd den Sommer über von New York bis Berlin. An­fang Oktober taten die großen internationalen Berichte zum 60. Geburtstag von Annie Leibovitz das Ihrige. Nicht das umfassende Œuvre der Fotografin stand im Zentrum, sondern ihr Finanzdebakel: 24 Millionen Dollar Schulden hat sie angeblich angehäuft und dafür nicht nur ihren Immobilienbesitz, sondern auch die Rechte an ihren Werken verpfändet. Wie kann das einer der weltweit bestbezahlten Fotografinnen passieren? Mit ausgeprägtem Hang zu schönen Dingen lebte Leibovitz schlicht über ihre Verhältnisse, investierte Unsummen in die Renovierung ihrer New Yorker Stadthäuser, aber auch in die Pflege ihres 2005 verstorbenen Vaters und die ­ihrer 2004 verstorbenen krebskranken Le­bensgefährtin Susan Sontag. Mittlerweile erzielte Leibovitz mit dem Edel-Pfandhaus Art Capital Group, das auch schon Julian Schnabel Finanzierungshilfe leistete, eine Einigung, nach der Leibovitz darüber entscheiden kann, ob und welchen Teil ihres auf etwa 80 Millionen Dollar geschätzten Immobilienvermögens in New York und Paris sie verkauft, um die Schulden zu begleichen. Das interessiert die Öffentlichkeit naturgemäß, denn die Fotografin der Reichen, Schönen und Mächtigen, besitzt längst selbst Starstatus.

Aufwändige Inszenierungen
Ob ihr „Vanity Fair“-Bild von der hochschwangeren Demi Moore aus dem Jahr 1991, Whoopie Goldberg im Milchbad oder John Lennon und Yoko Ono in inniger Umarmung, wenige Stunden vor Lennons Ermordung aufgenommen – Leibovitz’ höchst artifizielle wie zeitlos witzige Promiporträts haben sich längst ins allgemeine Bildgedächtnis gebrannt. Sie hat alle Präsidenten seit Nixon ins richtige Licht gerückt, Michelle Obama für das März-Cover der US-„Vogue“ inszeniert. Die Perfektionistin mit der prägnanten Nase und dem herben Gesicht hatte sichtlich auch keine Scheu, beim Shooting mit der Queen diese zu bitten, die Tiara abzunehmen. Ein Fauxpas, der in England wochenlang für Gesprächsstoff sorgte. Leibovitz betreibt ihre Foto-Settings aufwendig wie Hollywoodproduktionen, kann sichtlich jeden zu allem bewegen. „Natürlich macht sie uns alle ­verrückt“, brachte das Anna Wintour, Chefredakteurin der amerikanischen „Vogue“, jüngst auf den Punkt, „aber sie gibt uns ­Fotos, die wir von niemandem sonst bekommen können“.

Leibovitz in Wien
Und die sind nun auch in Wien zu sehen, wo ab 29. 10. die bereits in London und Paris gefeierte aktuelle Schau der Künstlerin „A Photographer’s Life 1990–2005“ Station macht. Schon das Vorabinteresse ist enorm. Immerhin wird Leibovitz zur Eröffnung selbst erwartet. Seit 2006 kämpft man im Kunst Haus Wien um das Projekt. Es setzt da an, wo die letzte Leibovitz-Schau des Hauses, zu sehen 1993, endete. Und ja, natürlich versammelt die Ausstellung all jene Arbeiten, die die Künstlerin berühmt gemacht haben, von der glamourös als Meerjungfrau inszenierten Nicole Kidman (im Bild) über Scarlett ­Johansson als Schlampe in roten Pumps bis zu Tänzer Michail Barischnikow in einer fast zärtlichen Hebefigur mit seinem Tanzpartner Rob Besserer am Strand. Ihren Erfolg als Porträtfotografin nutzt Leibovitz hier erstmals aber auch, um eine andere Seite ihres Werks zu zeigen: So ­finden sich unter den 150 Exponaten Arbeiten ihrer Fotoreportagen, in denen sie politisch Stellung nimmt. 1992 etwa reiste Leibovitz für „Vanity Fair“ während der Belagerung nach Sarajevo, zwei Jahre später dokumentierte sie die Spuren des Völkermords an den Tutsi in Ruanda.

Intime Einblicke
„Ich führe keine zwei getrennten Leben“, schreibt Leibovitz dazu im Vorwort zum Katalog der Ausstellung. Bewusst stellt sie die Starinszenierungen direkt ­neben private Bilder und neben jene viel diskutierten Aufnahmen der sterbenden ­Lebensgefährtin Susan Sontag. Über 16 Jahre haben die US-Fotografin und Amerikas Parade­intellektuelle gemeinsam verbracht. In der Schau finden sich nicht nur Alltagssituationen und Bilder der gemeinsamen Reisen mit Sontag, sondern auch die Dokumentation deren Krankheit und zunehmenden Hilflosigkeit: Leibovitz beschönt nichts, zeigt Susan Sontag im Krankenhausbett mit schlohweißen Haaren, Sontag von Schläuchen umgeben, und am Ende: Sontag auf dem Totenbett. Erschütternde wie intime Bilder, für die die Fotografin auf den bisherigen Stationen der Schau gelobt wie angegriffen wurde. Zeugnis einer berührenden Liebesgeschichte oder Pietätlosigkeit? David Rieff, Journalist und Sohn von Susan Sontag, sah in den Fotos vor allem die Privatsphäre seiner Mutter verletzt und kritisiert die Veröffentlichung dieser „obszönen Bilder“.

Eltern im Badeanzug
Die interessanten Bilder für Fans der Fotografin sind aber wohl die Familienpor­träts von Annie Leibovitz: Die Bilder ihrer neugeborenen Töchter, sie selbst als Schwangere – Leibovitz brachte ihre erste Tochter Sarah erst im Alter von 51 Jahren, 2001 zur Welt, und bekam 2005, kurz nach Sontags Tod, noch die Zwillinge Susan und Samuelle von einer Leihmutter –, aber auch Strandfotos von ihren Eltern, Mutter und Vater in Badeanzügen in ihrem Ferienhaus, finden sich in der Auswahl. „In der Rückschau merkte ich, dass diese Bilder einen Kreis bilden – Geburt und Tod, Familie und Freunde“, analysiert Leibovitz ihre Zusammenstellung, für die sie auch eine eigene Präsentation entworfen hat: Im Gegensatz zu den großen Bildern der Berühmtheiten, die direkt gegenüber hängen, hat sie diese Porträts klein gehalten. Der Betrachter muss nahe herantreten, spürt Intimität. In den ersten Interviews zur Schau erzählte Leibovitz, dass ihre Mutter auf Bildern nie lächeln mochte, etwas, das sie ­jahrelang ebenso gemacht habe. Erst mit der Geburt ihrer ersten Tochter habe sie das Lachen wiederentdeckt. „Meine Prioritäten haben sich verschoben.“ Das zeigt auch Leibovitz’ aktuellster Bildband „At work“ (2008). Er setzt die ästhetische Linie von „A Photographer’s Life“ fort.

Michaela Knapp

Leben

Vinyl-Boom bringt Kult-Plattenspieler zurück

Kultur & Style

ePaper Download: Das Ranking der 500 wichtigsten Künstler Österreichs

Kultur & Style

★ David Bowie: Starman, Waiting in the Sky★