Sex sells: Michael Schottenbergs provokante 'Dreigroschenoper'-Inszenierung

Meterware Frauenfleisch, Profitgier und Korruption in den besten Kreisen – Volkstheater-Chef Michael Schottenberg inszeniert Bert Brechts Klassiker „Die Dreigroschenoper“ als Stück der Stunde.

„Vielleicht war es die falsche Entscheidung“, sinniert der Direktor angesichts der ersten Medienberichte zur „Dreigroschenoper“. „So wollte ich das auch nicht, du lieber Himmel! Klar, Sex sells, aber gute Produkte brauchen das Marktschreierische eigentlich gar nicht.“ Die Rede ist von den Produktionsfotos zu Michael Schottenbergs Inszenierung des Bert-Brecht-Klassikers, die den krass erblondeten Schauspieler Marcello de Nardo als Mackie Messer mit zwei nackten Mädchen im Arm zeigen.

Die Botschaft jedenfalls ist klar: Schottenberg zeigt das Stück aus den 1920er-Jahren buchstäblich von allen romantischen Verkleidungen befreit. Ein Projekt, das er lange hinausgezögert hat. Weil, wie er erzählt, ihm der klare Ansatz gefehlt habe. „Die ‚Dreigroschenoper‘ war bei mir immer als politische Operette belegt. Ich habe sie nie scharf und schlicht genug gesehen, sondern im Stil der 20er-Jahre vor Augen gehabt – mit Mackie Messer als Gentlemangangster im Nadelstreifanzug, dem man alles verzeiht. Aber dass er ein vielfacher Mörder ist, der mit den Spitzen der Gesellschaft unter einem Hut steckt und alle Register zieht, um Menschen zu zerstören, habe ich so nie gesehen. Mir war der Blick verstellt.“

Supersaubere Geschäfte

Die aktuellen Ereignisse vom korrupten System in Griechenland über den Zusammenbruch der Hochfinanz bis zu den supersauberen Geschäften der Herren Meischberger, Hochegger und Co haben seine Sicht radikal verändert. „Hat Brecht das Verbrechen noch in dunklen Spelunken angesiedelt, ist es heute längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und plötzlich“, so Schottenberg weiter, „wirken die klassischen Zitate des Bildungsbürgertums, als wären sie für die Gegenwart nachbearbeitet worden: ‚Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank!‘ – Man könnte es nicht simpler, plakativer und besser ausdrücken.“

Für den Volkstheaterboss ist die „Dreigroschenoper“ daher das Stück der Stunde: „Brecht, der nach dem Niedergang des Kommunismus lange als unmodern gegolten hat, wirkt nun umso wahrhaftiger, vor allem vor dem Hintergrund von zusätzlich über 43 Millionen Arbeitslosen weltweit und vielen Menschen der neuen Armut, die als Stimmvieh benützt werden und ausbaden, was profitgierige Banker verzockt haben.“ Die Politik sei visionslos, die Wirtschaft korrupt, die Gerichtsbarkeit fraglich. Selbst eine Leseaufführung des Textes würde nun bestens funktionieren.

Für Schottenberg gilt es daher, das viel strapazierte Stück pur und klar umzusetzen. Man kennt Georg Wilhelm Pabsts Verfilmung aus den 30er-Jahren, hat Bilder von Robert Wilsons artifizieller Inszenierung im Kopf oder jene von Klaus Maria Brandauers Berliner Arbeit und erinnert sich wohl auch an Paulus Mankers Umsetzung, für die Vivienne Westwood die Kostüme lieferte.

„Aus dem Stück darf man nichts machen wollen“ ist Schottenbergs Credo; er verlässt sich auf ein klares Raumkonzept von Hans Kudlich und das Ensemble am Mikrofon. Die samtige Plüsch-und-Rotlicht-Romantik ist gestrichen worden. Maria Bill gibt eine Spelunken-Jenny, die ein beinhartes, unsentimentales Geschäft betreibt und „Meterware Frauenfleisch“ anbietet.

Ästhetisch kalt und perfekt wie Bilder von Helmut Newton. So bewegt sich auch der Bettlerkönig Peachum fern aller Augenklappen- und Lumpen-Klischees. Schottenberg zeigt ihn als windigen Händler von Organen, „der Menschen verstümmelt, um davon zu profitieren“. Die Hemmschwellen sind gesunken, die Skrupellosigkeit gestiegen: Man ist im Jetzt angekommen.

Da, wo ein weiteres Zitat aus Brechts „Dreigroschenoper“ – „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ – für die meisten Theaterintendanten längst in abgewandelter Form gilt: Erst kommt die Quote, dann der Anspruch.

Die Auslastungsfrage

Dass der Erfolgsdruck einen wesentlichen Part im direktoralen Leben ausmacht, musste auch Michael Schottenberg am eigenen Leib erfahren. Er war in den ersten Jahren nach seinem Amtsantritt 2005 nicht gerade erfolgsverwöhnt. „Ich musste mich immer über Quoten definieren. Natürlich ist nicht jede ausverkaufte Vorstellung auf Qualität zurückzuführen, aber jeder fragt nach der Auslastung.

Die Zeiten werden härter, die Kulturbudgets sind eingefroren. Mein eigener Aufsichtsrat serviert mich ab in dem Moment, in dem ich nicht ein Mindestmaß an Karten verkaufe“, analysiert der Volkstheater-Chef pragmatisch. Aktuell allerdings kann man sich über gute Besucherzahlen freuen. Nach 65 Prozent im Vorjahr hat man mit den ersten Produktionen der heurigen Saison – der Mitterer-Uraufführung „Du bleibst bei mir“ mit Andrea Eckert, Nestroys „Der Färber und sein Zwillingsbruder“ oder dem MigrantInnen-Stück „Die Reise“ – schon in den ersten Herbstmonaten eine Steigerung von 13 Prozent erfahren.

„Aber so eine Stimmung“, weiß der Hausherr aus Erfahrung „schaukelt sich rauf und runter: Auch der beste Fußballspieler schießt manchmal daneben. Da sitzt jahrelang jeder Schuss, und dann trifft nicht einmal ein Elfmeter.“ Sein Anspruch sei jedenfalls immer der gleiche gewesen: „Ich glaube einfach, dass das Publikum unser Bemühen sieht und das Theater jetzt langsam in allen Facetten für sich entdeckt. Wir sind ein offenes Haus. Es ist immer etwas los, bis in die Nacht hinein: großstädtische Unterhaltung in aller Vielfalt vom Kabarett bis zur Talkshow.

Das Volkstheater muss aktuelle Themen aufgreifen, soll die Sprache, den Geruch und die Probleme der Stadt widerspiegeln.“ Schottenbergs Lust an dieser Arbeit ist jedenfalls ungebrochen. Bis 2015 ist der ausgebildete Schauspieler, der im kommenden Jahr seinen 60. Geburtstag feiert, im Amt. Und auch wenn bei 970 zu füllenden Sitzplätzen stets die Frage „Kann man es sich leisten, mutig zu sein?“ im Raum steht, dürfe man als Theaterdirektor nie das spielerische Talent verlieren. Denn, so Schottenberg: „Theater ist Dienstleistung und geistiges Grundnahrungsmittel.“

– Michaela Knapp

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