Seit 44 Jahren Routine wie Ritual – Der Sonntags-Tatort

Dass der Mörder gefangen wird, steht immer schon von Anfang an fest. Es ist also nicht das Hoffen auf ein gutes Ende, das die Krimiserie "Tatort“ auszeichnet und Sonntag für Sonntag zwischen sieben und 13 Millionen Zuschauer vor die Fernsehgeräte bannt - und das seit bald 44 Jahren!

 Seit 44 Jahren Routine wie Ritual – Der Sonntags-Tatort

Der erste "Tatort“ flimmerte am 27. November 1970 über den Schirm. Da sah man zum ersten Mal das Augenpaar im Breitwandformat, das Fadenkreuz und die flüchtenden Beine auf regennassem Asphalt zur bedrohlichen Titelmusik von Klaus Doldinger.

Mittlerweile ist die Krimi-Reihe mit über 900 Erstausstrahlungen und tausenden Wiederholungen nicht nur die langlebigste, sondern auch die erfolgreichste deutsche TV-Serie aller Zeiten. Sie ist Routine wie Ritual zum deutsch-österreichisch-schweizerischen Wochenend-Ausklang. "Tatort“ ist Kult. Fanclubs treffen sich zum gemeinsamen Fernseherlebnis, in Deutschland gibt es eigene Tatort-Cafés, im Internet finden sich Dutzende von Fan-Seiten.

Und auch wenn dank Festplattenrekorder und Web der Fernsehtermin längst flexibel gestaltet werden könnte, bleibt es ein No-Go, wahre Fans sonntags zwischen 20.15 und 21.45 Uhr anzurufen. Da läuft Tatort. Da werden auch weit verstreute Zuschauer zu einer homogenen Gemeinschaft, die via Facebook die Ermittlungen live kommentiert, von dem was auf Twitter abgeht, ganz zu schweigen. Der "Tatort“ ist damit zum letzten Fernseherereignis geworden, auf das sich eine Mehrheit in allen Altersgruppen und Bevölkerungsschichten einigen kann: Er ist Generationen-übergreifende Unterhaltung. Längst gibt es "Tatort“-Lexika zu allen Fakten, allen Fällen, allen Kommissaren, selbst die Architektur der Serie wurde ins Visier genommen.

Ein neues Buch versucht sich nun dem Phänomen aus philosophischer Sicht zu nähern. "Der Tatort hat sich in den letzten 40 Jahren als gesellschaftsdeckendes Reinigungs- und auch Reflexionsritual etabliert“, begründet Herausgeber Wolfram Eilenberger seinen Band "Der Tatort und die Philosophie“. Die Buch-Autoren, von Svenja Flaßpöhler über Ariadne von Schirach bis zu Gert Scobel, gehören allesamt der "Generation Tatort“ an, sind um 1970 geboren und mit der Serie groß geworden. In vier Kapiteln durchleuchten sie Ermittler, Täter und Motive nach Theorien von Theodor Adorno bis Hannah Arendt und fördern erstaunliche bis verquere Einsichten zu Tage.

Nietzsche und die Tatort-Melodie

Anhand von Friedrich Nietzsche wird da etwa der Widerstreit zwischen Vernunft und Trieb in der Tatort-Melodie nachgewiesen. Den Song spielte der Jazzmusiker Klaus Doldinger 1970 mit einem kleinen Orchester und seiner Band Motherhood ein, am Schlagzeug saß damals Udo Lindenberg. Groß war der Aufschrei, als Til Schweiger im Vorfeld seines Amtsantritts als Hamburger Kommissar vorschlug, den ikonischen Vorspann zu ändern. Der Protest erfolgte zu Recht, wie der deutsche Kulturwissenschaftler Ekkehard Knörer schreibt: "Zukunft braucht Herkunft. Nicht die Fortführung des Vertrauten muss gute Gründe vorbringen, sondern seine Abschaffung.“

Die Kommissare und ihre Ermittlungsmethoden spiegeln, permanent modifiziert, den Zeitgeist. Der "Tatort“ zeigt, wie sich die Welt technifiziert, beschleunigt und abstrakter wird. Ganz gemäß den ARD-Richtlinien, nach denen jeder Tatort-Krimi ein Abbild gesellschaftlicher Verhältnisse sein soll. So werden Probleme wie Drogenhandel, die Neonazi-Szene und Korruption behandelt. Nach dem Bestseller von "Shades of Gray“ häuften sich die Drehbücher zu Sado-Maso-Geschichten. Letzten Sonntag etwa ermittelten Martin Wuttke und Simone Thomalla als Leipziger Duo bei Top-Quote - 730.000 Zuseher in Österreich, 10,24 Mio in Deutschland - in einem Fall hemmungsloser 40plus Frauen zwischen Fesselspielchen und Würgesex.

Neue Helden

Dem Trend zum Teamwork gehorchend, gehen großteils zwei gleichberechtigte Ermittler auf Verbrecherjagd. Während der Tatort aus Münster dabei auf schrägen Humor setzt, ist Neuzugang Til Schweiger in Hamburg auf Action getrimmt. Allen gemein ist, dass sich die Kommissare zunehmend von privater Seite zeigen. Das war nicht immer so und hat erst Mitte der 1990er Jahre begonnen. Aktuell werden die Ermittler von den Drehbuchschreibern mit immer mehr Familiengeschichte ausgestattet. Das entspricht dem Trend zum "horizontalen Erzählen“: Der Kriminalfall wird nach wie vor in 90 Minuten abgeschlossen, aber als Cliffhanger bleibt das Privatleben der Ermittler. Work place driven, versteht sich, also nur in dem Ausmaß, wie es die Kommissare am Arbeitsplatz beschäftigt. Silvia Koller, die Erfinderin des Münchner Duos Leitmayr und Batic, lässt ihre Ermittler bewusst weiter Single bleiben - als Projektionsfläche für die weiblichen Zuschauer.

Als "verletzliche Leistungssubjekte, die vor lauter Arbeit keine Sprache mehr für ihr eigenes Leben finden“, sieht Ariadne von Schirach in ihrem Beitrag die meisten der Kommissare. Unter dem Titel "Aus Liebe zum Dienst“ analysiert die Philosophin die offenbare Beziehungsunfähigkeit zeitgenössischer Tatort-Ermittler in ständiger Abrufbereitschaft.

Wo Abgründe nicht erklärt werden, Autoritäten dekonstruiert und Linearität in den Geschichten vermieden werden, gewinnen auch brüchige Charaktere unter den Ermittlern an Interesse: Immer in den Abgrund des Bösen zu blicken, muss ja seelische Schäden anrichten, wie beim Frankfurter Kommissar Frank Steier, der mit einem Alkoholproblem kämpft, oder dem psychisch labilen Dortmunder Ermittler Faber. Diese neuen Anti-James-Bondfiguren mit gelegentlichen Borderline-Anwandlungen werden konterkariert von explodierender Law-and-Order-Action eines Til Schweigers in Hamburg. Wie die Kommissare sind auch die Täter Figuren ihrer Zeit. Zunehmend hat es der Zuschauer mit "ausredlosen“ Tätern, zu tun, die nicht einmal mehr in der Lage sind, plausible Gründe für ihr Handeln zu liefern. Was die voyeuristische Lust am Bösen mit uns selbst zu tun hat, untersucht Svenja Flaßpöhler. Sie thematisiert, wie porös die Grenze zwischen Phantasie und Tat oft ist.

Der "Tatort“ wird auch als Beitrag zur empathischen Schulung der Zuschauer diskutiert. Der Zuschauer wohnt jeden Sonntag einer staatsstabilisierenden Vorführung bei, wie "Zeit“-Feuilleton-Chef Adam Soboczinski schreibt: "Der Tatort ist der Baldrian der Demokratie.“

Werden auch oft zu bemühte Bögen gespannt, interessante Denkanstöße liefert der Band allemal, die nächste "Tatort“-Folge unter neuen Aspekten zu betrachten. Immerhin taugt nichts so sehr als gemeinsamer Nenner der Bürokonversation zu Wochenbeginn, wie Kulturwissenschafter Knörer resümiert. Er staunt, wie tolerant das Publikum hinnimmt, was ihm serviert wird: "Über Schimanski haben sich die Spießer empört wie die Intellektuellen über Helmut Kohl. Heute nimmt man Til Schweiger hin wie Angela Merkel.“

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